Ein 1964 von Hubert Weber geschaffenes Wandbild markiert die innerdeutsche Grenze zwischen Reichenbach und Lehesten. Im dortigen Schieferbruch arbeitende Schieferbrücher aus Reichenbach und Umgebung konnten diese Grenze von 1955 bis 1961 überqueren. Dann schloss sich der Eiserne Vorhang auch dort für Jahrzehnte. Zu finden ist Webers historisch interessante Wachsglättemalerei im Treppenhaus im obersten Stockwerk der alten Reichenbacher Volksschule.

"In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurden öffentliche Gebäude zusätzlich mit Kunst am Bau verschönert. Sie war damals staatlich verordnet. So musste ein bestimmter Prozentsatz der Baukosten dafür verwendet werden", erklärt Kreisheimatpfleger Robert Wachter. Solche Kunstwerke fand man bei nahezu jedem öffentlichen Gebäude, zumeist als Mosaiken, Sgraffiti, Wandgemälde und Brunnen. Hierzu zählten Rathäuser und Krankenhäuser sowie vor allem auch Schulen. Schulreformen und sinkende Schülerzahlen machten viele von ihnen jedoch überflüssig. Die Gebäude aber standen nicht leer. Vereine nahmen sich ihrer an, schufen Vereinszimmer, Jugendtreffs oder Orte der Einkehr bei Dorffesten.

"Gebaut einstmals mit Steuergeldern, im nördlichen Oberfranken oftmals durch die Zonenrandförderung, sind sie heute im Visier geförderter "Rückbaubestrebungen", erläutert Wachter. Einer dieser "Kandidaten" ist die 1963/64 erbaute Schule in Reichenbach. Eine erste Abbruchforderung staatlicher Fördergeber konnte durch Interventionen, unter anderem der Kreisheimatpflege, zwar abgewendet werden, doch soll - staatlicherseits gewünscht - das Raumvolumen reduziert werden. So standen von Anfang an Überlegungen zu einem Abbruch des obersten Stockwerks im Raum. Ausgerechnet hier befindet sich aber im recht repräsentativen Treppenhaus das Wandbild in Enkaustik-Technik vom namhaften Lichtenfelser Maler Hubert Weber - bekannt als "der Maler ohne Hände", da er im Krieg beide Arme verloren hatte. "Solche regionalgeschichtlichen Darstellungen der deutsch-deutschen Grenze sind äußerst selten in diesem Oeuvre", stellt der Kreisheimatpfleger die Bedeutung dieser sowohl aus künstlerischen, als auch aus ortsgeschichtlichen und historischen Gründen sehr beachtenswerten Rarität heraus.

Zur Arbeit nach Lehesten

Seit Generationen arbeiteten viele Reichenbacher in den Schieferbrüchen des benachbarten Ortes Lehesten in Thüringen. 1961 wurde mit dem Bau der Berliner Mauer die nach Kriegsende gezogene Grenze zwischen BRD und DDR auf einmal völlig undurchdringlich, auch zwischen Reichenbach und Lehesten. Genau diese einschneidenden Eindrücke der deutsch-deutschen Teilung präsentiert das große Wandgemälde auf 4,7 m x 3,2 m in der Reichenbacher Schule.

Deutlich durchtrennt die Bildkomposition mittig eine dunkle zackige Linie, die diese Grenze symbolisiert. Bemerkenswert ist außerdem die Darstellung eines historischen Grenzsteines in der unteren Bildmitte.

Während in der rechten Bildhälfte jene Schieferbrüche bei Lehesten mit ihren Arbeitern dargestellt werden, erscheint stark vereinfacht in der linken Bildhälfte der Ort Reichenbach, in der sich Arbeiter mit Aufbauarbeiten beschäftigen. Eine Frau mit Kind weist von hier hinüber nach Thüringen beziehungsweise in die damalige DDR. Reichenbach identifiziert sich auch mit dem Kirchturm seiner 1979 abgerissenen katholischen Kirche.

"Stoff für Mutmaßungen bietet die Tatsache, dass über dem Westen, dem Ort Reichenbach, die Sonne ihre Strahlen sendet, während im Ostern nur ein roter Klecks erkennbar ist, der vielfache Auslegungen zulässt", so der Kreisheimatpfleger. Der reiche Waldbestand des thüringisch-fränkischen Schiefergebirges wird mit stilisierten Nadelbäumen vorgeführt. Haptisch sind zusätzlich im Gemälde echte Bruchsteine eingelassen; auf der Thüringer Bildhälfte wohl Schieferstücke aus Lehesten.

Diese Wachsglättemalerei ist aber nicht der einzige Schatz, den die alte Schule birgt. So schmückt das Gebäude ein vom Hauptportal bis zum Dach im Treppenhaus durchlaufendes Betonglasfensterband in sehr intensiven bunten Farben. Das etwa sechs Meter hohe und zwei Meter breite abstrakt gehaltene Betonglasfenster wurde ebenfalls von Hubert Weber gestaltet.

Zwecks Umbau/Sanierung der Schule genehmigte der Gemeinderat Reichenbach in seiner letzten Sitzung vom 11. März das umgeplante Konzept des Bürger- und Vereinshauses. Kommt dieses zum Tragen, würde das oberste Stockwerk komplett abgerissen und damit sämtliche "Kunst am Bau" - Wandbild und Glasfenster - zerstört; für Wachter ein absolutes Unding. "Auf den Planungen sieht man, dass im alten Hauptbau der Schule am Ende des Ganges links ein Aufzug eingeplant ist. Diesen Aufzug dort noch ein Geschoss höher fahren zu lassen, würde wirklich keinen großen Mehraufwand machen", plädiert er. Damit wäre auch das aktuell zum Abbruch vorgesehene Obergeschoss ohne Probleme barrierefrei erreichbar. "Die heutige breite Betontreppe von 1964 wäre problemlos weiter nutzbar. Stattdessen reißt man sie raus, um eine schmalere Treppe an der gleichen Stelle mit breitem leerem Luftraum einzubauen. Wozu brauche ich hier einen leeren Luftraum?", fragt er. In dieser Angelegenheit wandte er sich auch an die Sachbearbeiterin Ulrike Mayer von der Regierung von Oberfranken, Abteilung Städtebau. Laut deren Auskunft wären sowohl der Erhalt des zweigeschossigen Hauptgebäudes - und damit auch der "Kunst am Bau" - unter Abriss des nordöstlichen Seitenflügels machbar als auch die jetzt beschlossene eingeschossige Variante; beides sogar recht kostenneutral.

"Nicht leicht gemacht"

"Wir haben uns diesen Beschluss nicht leicht gemacht", bekundet Reichenbachs Bürgermeisterin Karin Ritter, die Wachter Anfang Januar 2018 durch die alte Schule führte. Den Umbau beziehungsweise die Sanierung habe man in mehreren Sitzungen behandelt und dabei die Planungen immer wieder angepasst. Einstimmig habe man sich nunmehr für diese Ausführung entschieden, da nur mit dieser Variante jeder Raum von allen Nutzern barrierefrei zu erreichen sei. Damit trage man der demografischen Entwicklung einer immer älter werden Bevölkerung und somit auch Mitgliedern der Vereine Rechnung.

"Dass sich das Bild ausgerechnet im obersten Stock befindet, ist sehr schade. Ich bin selbst in diese Schule gegangen und mir tut es darum wirklich leid", betont Ritter. Würde man es aber erhalten, stünde das oberste Stockwerk gänzlich leer. Man müsste ein komplettes nicht mehr benötigtes Stockwerk wegen eines Bildes erhalten. Dies sei aus Kostengründen nicht möglich.

Der Kreisheimatpfleger plädiert dagegen, den Beschluss sorgsam zu überdenken. Sonst wären die einzigen und bedeutendsten Zeugnisse jeder Epoche der 1960er Jahre in Reichenbach für immer verloren.