Nachdem er noch am Abend der vergangenen Woche im Fernsehen bei "Kabarett aus Franken" zu sehen war, konnten ihn seine heimischen Anhänger nur 23 Stunden später live im Kronacher Kreiskulturraum live erleben: den Oberbayern Helmut Schleich. Und wie sie diesen mit allen Wassern gewaschenen und wandlungsfähigen Kabarettisten erleben durften! Da traf wohl Claudia Gremer, die in Kronach wohnt, den Nagel auf den Kopf, als sie nach einem famosen Auftritt des gebürtigen Schongauers das Fazit zog: "Ein hochexplosiver Abend, politisches Kabarett auf hohem Niveau, gepaart mit unschlagbarer Mimik, Gestik und Vielseitigkeit."
Sicher ist: Mit seinem sechsten Soloprogramm "Ehrlich" landete Schleich einen schonungslosen Angriff auf die Lachmuskeln, und auch auf das Hirn. Da musste man schon oftmals zu den Schnelldenkern gehören, um so mancher Passage folgen zu können. Gut war deshalb, dass er sich ab und zu einen Schluck Doornkaat-Schorle gönnte. Wenn er zum Glas griff, betonte er, dass es sich dabei keineswegs um Mineralwasser handelt. Spätestens ab da könnte man den beim Lügensagerverein Steinwiesen vorherrschenden Satz "Alle Lügen sind auch nicht wahr" heranziehen.
Zu Beginn hatte es nicht den Anschein, als würde ein Oberbayer auf der Bühne im Halbdunkel stehen, besser gesagt - sitzen. Schleich gab sich als fränkelnde "Bestie von Dottelbach", die zu 38 Jahren Haft verknackt worden sei. Als brutal ehrlicher Massenmörder habe er nicht nur seine Familie, natürlich inklusive Schwiegermutter, nicht im Affekt sondern geplant niedergeballert ("Besser hätte ich gar nicht treffen können"). Da mussten unter anderem auch Bauarbeiter dran glauben ("Warum die schon wieder die Straße aufreißen") oder der Postbote ("Warum kam der an diesem Tag auch so spät") getroffen. Bedauern hatte er nur mit einem alten Mann ("War mir peinlich").
Nach dem Szenenwechsel wird aus dem einfachen Massenmörder ein kritischer Zeitgenosse im roten Jackett, der die Ehrlichkeit hinterfragt, die oft gefährlich werden und Streit verursachen kann. Das US-Präsidententheater um Donald Trump sei in wenigen Stunden echt, so dass sogar die Umbennung das Fitnessgeräts Trampolin erfolgen werde.
Auf die Seite des kleinen Mannes stellt sich der Kabarettist, dessen Paraderolle Franz-Josef Strauß ist. So holt der Landesvater aus dem Jenseits am Rednerpult zum Rundumschlag aus gegen die politischen, wirtschaftlichen und geistlichen Eliten. "Die SPD erinnert mich an Christoph Columbus: Wie er losgefahren ist, hat er nicht gewusst, wohin er fährt. Als er angekommen ist, hat er nicht gewusst, wo er ist. Als er zurückkam, hat er nicht gewusst, wo er war, und das alles mit fremdem Geld."
Am Stammtisch schwadroniert Schleich er herzerfrischend bayrisch-einfältig über Bildung, über G8 und G9, über acht Halbe und neun Halbe. Schleich freut sich über einen großen Gewinn von Vivaldi Süd wegen seiner erreichten 16 400 Treuepunkten für eine Gratiswoche in einem Bukarester Hotel und über ein knackiges Internet-Angebot einer Ludmilla. Probleme habe er mit Online, denn er wisse nicht wie man ein Schnitzel ins Internet stellt.
Zwischendurch mutiert Schleich mittels Zylinder, Stock und weißem Schal zum Uraltgesangslehrer von Johannes Heeserts: Heinrich von Horchen, dem alten, sabbernden Gesangslehrer von Marika Rökk und Willy Fritsch. Dass er auch gelenkig sein kann beweist er mit seinem komödiantischen Talent bei der Darstellung des Besuchs einer modernen Theaterinszenierung, wo die Schauspieler Unverständliches zur Gehör bringen und Verrenkungen aus einer Mischung von Yoga und Bandscheibenvorfall.
Wie unmenschlich das Bankenwesen geworden sei, zeige sich im großen wie im kleinen: "Chief-Investment-Consulting-Arschlöcher" spekulierten mit Lebensmitteln, während sie den Bankkunden mit dem Eintippen ellenlanger Iban-Nummern schikanierten. Da sehne man sich nach dem biederen Bankbeamten von früher zurück, der sich eher für Formulare als für Gewinn interessierte und um 16 Uhr in den Feierabend ging.
Kein Zweifel: Der Abend ruft nach einem (baldigen) Wiedersehen. Hoffentlich dauerte es nicht wieder ein Vierteljahrhundert, schließlich war es 1991, als Helmut Schleich letztmalig in der Cranach-Stadt (seinerzeit mit Christian Sprenger) gastiert hat.