Noch nie hatten die Stadträte soviel Zeit, um an die Decke zu starren. Die Corona-Krise verändert nicht nur den Alltag, auch die konstituierende Stadtratssitzung wirkte entschleunigt, gerade bei den einzelnen Wahlgängen. Maske auf, Stimmzettel ausfüllen und in die Hand nehmen, erst aufstehen, wenn Jonas Geissler (CSU) als Teil des Wahlausschusses vom Pult mit der Plexiglasscheibe aus den Namen einer Stadträtin oder eines Stadtrats in alphabetischer Reihenfolge vorliest. Bis dahin heißt es vor allem: warten. Warten, bis nur noch drei Stadträte auf dem Weg zur Urne sind, damit alle Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden, bis es über das Fischgrätenparkett im Saal des historischen Rathauses hinaus ins Treppenhaus zum Wählen geht.

50-mal zur Wahlurne

25-mal in zwei Wahlgängen geht die Prozedur ihren Lauf, dann stehen die Namen im vermeintlich spannendsten Teil der ersten Sitzung des Kronacher Stadtrats fest - die Namen des Zweiten und Dritten Bürgermeisters. Michael Zwingmann von den Freien Wählern wird ohne Gegenkandidat mit 20 Stimmen zum Zweiten Bürgermeister gewählt. Bernd Liebhart von der CSU mit 15 zum Dritten Bürgermeister. Gerade Stadtrat Zwingmann freut sich über das Ergebnis: 20 Stimmen bedeute eben auch, dass Zwingmann aus anderen Fraktionen als denen der Freien Wähler und CSU Stimmen erhalten hat. Das empfinde er als "sehr positiv". Die CSU stellt zehn Stadträte sowie Bürgermeisterin Angela Hofmann. Die Freien Wähler sind mit drei Stadträten im Gremium vertreten. Bei der Wahl wurden drei Stimmen für ungültig erklärt, auf zwei Stimmzetteln standen die Namen Sabine Gross und Ralf Völkl (beide SPD).

Damit haben CSU und Freie Wähler ihre Stadtratskoalition erneuert und allein die Verteilung der Bürgermeisterposten in Kronach geändert. Während unter der Führung des ehemaligen Bürgermeisters Wolfgang Beiergrößlein zwei Bürgermeister aus den Reihen der Freien Wähler kamen - er selbst und der Dritte - und die CSU den Zweiten Bürgermeister stellt, hat sich diese Aufteilung nun umgekehrt.

Dabei wird Bernd Liebhardt zum Nutznießer der kommunalpolitischen Verschiebungen. Der CSU-Stadtrat wird zwar weniger eindeutig als Michael Zwingmann ins Amt berufen, dennoch nimmt auch er die neue Aufgabe dankend an. Warum gerade um das Amt des Dritten Bürgermeisters es zu Unstimmigkeiten kommt, erklärt Stadträtin Martina Zwosta (Frauenliste). Sie ist es, die Bernd Liebhardt kurzzeitig eine Gegenkandidatin gegenüberstellt - die allerdings ihre Kandidatur zurückzieht. "Ich hätte vielleicht davor gefragt werden sollen", sagt Sabine Gross von der SPD, die möglicherweise in der nächsten Stadtratssitzung zur Stellvertreterin des Dritten Bürgermeisters bestimmt wird. Martina Zwosta hingegen wollte mit der Nominierung vor allem darauf hinweisen, dass der SPD als zweitstärkster Fraktion ein "echter" Bürgermeister-Posten zustehe, kein "Trostpflaster".

Trostpflaster für die SPD?

"Die SPD verkauft sich hier unter Wert", sagt sie in der Pause nach den Wahlgängen. Doch die Wahl zum Stellvertreter des Dritten Bürgermeisters musste verschoben werden. Stadtrat Klaus Simon (SPD) äußerte seine rechtlichen Bedenken über den Antrag. Bei der Abstimmung pflichten ihm die meisten Stadträte bei. Der Punkt wird auf die nächste Sitzung verschoben.

Der Rest der ersten Stadtratssitzung verlief für die erste Bürgermeisterin im Amtssessel Kronachs entspannt. Angela Hofmann (CSU) freue sich auf eine "sachliche und konstruktive Zusammenarbeit" mit allen Fraktionen in den nächsten sechs Jahren, auch wenn die Amtszeit direkt mit einer "einmaligen" Sitzung starte. Corona macht es möglich.

Neun neue Stadträte finden sich auf den mit 1,50 Meter Mindestabstand eingerichteten Plätzen. Martin Bittruf, Birgit Kestel und Claudia Wellach sitzen erstmals für die CSU im Stadtrat, Sabine Gross für die SPD, Matthias Simon bei den Freien Wählern, Elisabeth Hoffmann für die Grünen, Daniel Götz und Martin Panzer für die Zukunft Kronach sowie Harald Meußgeier für die AfD.

Corona war es dann auch schließlich geschuldet, dass eine längere Diskussion den bereits knapp drei Stunden andauernden öffentlichen Sitzungsmarathon beschloss. Während der Kontaktbeschränkung wird ein Corona-Ausschuss beantragt, der die Aufgaben des Stadtrats mit einer reduzierten Anzahl Räte übernimmt. Das heißt acht Räte und die Bürgermeisterin übernehmen die Aufgaben des 25-köpfigen Gremiums.

Protest gegen Corona-Ausschuss

Das stößt auf Widerstand im Rat: Vertreter der SPD, Grünen, Frauenliste, Zukunft Kronach und AfD äußern ihren Wunsch, weiterhin normal zu tagen - wenn auch mit Sicherheitsmaßnahmen. Der Arzt Peter Witton (Grüne) hält Sitzungen in dieser Form "wenn auch mit ständigem Mundschutz" für medizinisch vertretbar. SPD-Stadtrat Klaus Simon vergreift sich im Ton und veranlasst Bürgermeisterin Angela Hofmann zu ihren ersten Ordnungsruf, bevor sie den Vorschlag des Corona-Ausschusses verteidigt: In der jetzigen Sitzung seien kaum Mitarbeiter aus der Verwaltung da, kaum Gäste, alle Stadträte seien nach vorne ausgerichtet, "wir schauen uns nicht in die Augen". Auch für eine Live-Übertragung, einen Online-Sitzung, gibt es rechtliche Probleme. Die Möglichkeiten werden geprüft. Am Ende stimmt die Mehrheit von CSU und FW für den Ausschuss. Mit 14 Stimmen werden Stadtratssitzungen künftig Pandemie-reduziert ausgetragen.