Der Bau der Rodachtalbahn von Kronach nach Nordhalben war vor 120 Jahren das Superereignis schlechthin. Das stille Rodachtal erlebte dadurch einen beachtlichen Aufschwung, denn eine fast 25 Kilometer lange Nebenbahn wurde von Kronach nach Nordhalben am 26. Juli 1900 in Betrieb genommen. Begeistert feierten die Menschen damals diese "neuartige Einrichtung", von der man sich Wohlstand und wirtschaftlichen Einfluss versprach. Lediglich Flößer und Fuhrleute sahen in dem dampfenden Ungetüm eine ernsthafte Konkurrenz.

Ausführlich berichteten die Tageszeitungen "Fränkischer Wald" und "Kronacher Tageblatt" von den baulichen Aktivitäten. Bereits am 26. März 1900 schreibt das Kronacher Tageblatt unter anderem: "Das Lokalbähnle geht mit Riesenschritten seiner Vollendung entgegen. Bereits sind die Schienen fast bis Steinwiesen gelegt, sodass der Herr Unternehmer flott schaffen lassen muss, damit die Sektion nicht auf die Fersen tritt. Gegen 400 Arbeiter sind zwischen Maut und Nordhalben beschäftigt. Über die Vortheile des Bähnle sind die Meinungen getheilt¸die einen freuen sich ganz gewaltig, dass endlich der Rodachgrund Kohlendampf einatmen kann, und dass sie das schöne Rodachthal in kurzer Zeit durchfliegen können, um zur Metropole des Frankenwaldes, i. e. Kronach, zu kommen, resp. auf billige und schnelle Weise zu den heimischen Gefilden zurückzukehren, ohne die verschiedenen Einkehrstellen durchmachen zu müssen. Die anderen schauen mit traurigen, ja wütendem Blick auf die Dämme, die sich in den schönsten und besten Grundstücken erheben; wieder andere schimpfen, dass das Fuhrwerken, allias Herumbummeln auf den Straßen und vor den Einkehrstellen nicht mehr so schwunghaft betrieben werden kann; eine andere Gruppe hofft in industrieller Beziehung einen Aufschwung."

Am Freitag, 27. Juli 1900, ist in der blumenreichen Sprache von damals im "Kronacher Tagblatt" unter anderem zu lesen: "Die feierliche Eröffnung der Lokalbahn Kronach-Nordhalben fand gestern statt. Punkt 9 Uhr 20 Minuten verließ der festlich geschmückte Bahnzug mit einer sehr großen Anzahl Gästen den Bahnhof Kronach. Mit Hochrufen wurde der Zug auf jeder Station begrüßt. Besonders feierlich geschah dies auf den Bahnhöfen Zeyern, Wallenfels, Steinwiesen, Dürrenwaid und Nordhalben.

In Zeyern fuhr der Zug unter den Klängen der Musik ein, worauf Hochw. Distriktschulinspektor die Theilnehmer begrüßte. Er gab der Freude Ausdruck, dass durch Zusammenwirken des Staats und der Gemeinden das Werk gelungen sei, von dem schon vor 30 Jahren die Jugend geträumt. Möchten doch alle Wünsche sich erfüllen, die an dieses Werk sich knüpften, möge der Verkehr sich lebhaft gestalten, möge der Handel und Wandel zunehmen, Wohlstand und Bürgerglück sich heben. Hierzu wünscht er den Segen des Allmächtigen, der die neue Bahn vor Unglück und Unfall bewahren möge. Nun dankte er allen, die am Bahnbau betheiligt waren und schloss mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf Seine Königliche Hoheit, den Prinzregenten Luitpold. Auf der Station Wallenfels begrüßte ein Mädchen den Zug mit einem recht hübsch vorgetragenen Gedichte. In Steinwiesen erklang zur Begrüßung des Zuges ein von Pfarrer Reinlein verfasstes Lied. Auf Station Mauthaus begrüßte Kuratus Löhr den Zug, worauf ein Mädchen ebenfalls ein Gedicht vortrug.

In Dürrenwaid hielt Bürgermeister Wirt eine schwungvolle Rede, nachdem ein vierstimmiges ,Waldesrauschen' verklungen war. Ganz besonders herrlich wurde der Empfang in Nordhalben, woselbst sich verschiedene Vereine mit ihren Fahnen aufgestellt hatten, umgeben von einer großen Schar weiß gekleideter Mädchen. Bürgermeister Wolf hielt die Begrüßungsrede, welche mit einem Hoch auf den Prinzregenten Luitpold und mit der bayerischen Nationalhymne schloss.

Nachmittags kam eine größere Anzahl der Festgäste im Garten der Harmonie zusammen. Die bemerkenswertheste Rede, welche die Zuhörer so recht in Begeisterung brachte, war die des königlichen Bezirksamtmannes Jakob Degen von Kronach. Er gab seiner Freude Ausdruck über das gelungene Werk, das von größter Bedeutung für das wirthschaftliche Wohl und für die ganze Entwicklung der betheiligten Gemeinden sein werde."

Die Lokalbahn trat nun einen bemerkenswerten Siegeszug an. Und mit der Schiene kam die Industrie. Neue Arbeitsplätze wurden geschaffen. Wenn die Bewohner ihrer Lok einen liebevollen Kosenamen gaben, dann zeigt das, wie sehr das "fauchende Ungetüm" zum Alltagsgeschehen im Rodachtal gehörte. Das "Mockela" war ein wichtiges Bindeglied zwischen der Kreisstadt Kronach und dem Hinterland in Richtung Nordhalben.

Schon längst ist die Rodachtalbahn Geschichte geworden. Am 30. Mai 1976 wurde der Personenverkehr eingestellt. Lediglich die Güterzüge rollten bis zum 25. September 1994 nach Nordhalben und bis zum 1. April 2002 war die Strecke bis zur Loewe AG in Kronach noch intakt. Den 130 Mitglieder starken "Eisenbahnfreunden Rodachtalbahn e. V." unter der Leitung von Ralf Ellinger haben wir es zu verdanken, dass diese einst stolze Ära seit 2007 auch heute noch zwischen Steinwiesen und Nordhalben mit einem Nostalgietriebwagen - "roter Brummer" genannt - weiterlebt.

Die Eröffnung der Museumsbahn geschah am 15. September 2007. Vor Betriebseröffnung waren umfangreiche Sanierungsmaßnahmen vor allem bei Brücken und Bahnübergängen erforderlich. Die Höchstgeschwindigkeit auf der Strecke beträgt 50 Stundenkilometer. Für die einfach Fahrzeit benötigt der "Rote Brummer" 30 Minuten. Immerhin müssen zwischen Steinwiesen und Nordhalben fast 100 Höhenmeter überwunden werden. Dank beachtlicher privater Initiativen im Jahre 2008 konnte der Haltepunkt Dürrenwaid erneut in Betrieb genommen werden. Aufgrund der Corona-Pandemie ruht derzeit der Museumsbahnbetrieb auf der elf Kilometer langen Strecke.