Am 15. August 1900, also vor 120 Jahren, erlebten die Dörfer Stockheim, Neukenroth und Neuhaus ein Bergfest der Superlative. Der Grund der außergewöhnlichen Feierlichkeiten: Berg- und Hüttenwerksbesitzer Richard Freiherr von Swaine, seines Zeichens königlicher Kämmerer, beging mit den Bergarbeitern, Hüttenleuten und Angestellten der Zechen Stockheim und Neuhaus seinen 70. Geburtstag.

Dem Kronacher Starfotografen Johann Friedrich Schmidt (geboren am 22. Juni 1857 in Fischbach, gestorben am 8. Dezember 1922 in Kronach) haben wir es zu verdanken, dass der imposante Festzug vor und nach dem Gottesdienst im Neukenrother Gotteshaus St. Katharina professionell in aussagestarken Bildern festgehalten wurde. Entstanden sind bedeutsame Dokumente der Zeitgeschichte.

Blenden wir zurück: In den vergangenen 120 Jahren vollzog sich in Stockheim und Neuhaus ein großer Wandel. Um 1900 stand es noch gut um den heimischen Bergbau. Zwischen 500 und 700 Knappen fanden in den Steinkohlengruben Beschäftigung.

Die Hauptabbaugebiete waren die Felder des Max-, Sophien- und Katharinenschachtes. Gut ausgelastet war auch die Ernestinenhütte in Neuhaus. Voller Zuversicht schauten damals die Beschäftigten in die Zukunft, denn Richard von Swaine, ein Mann von Rang und Namen, war der Garant dafür.

Als Abgeordneter der Liberalen Volkspartei im 1. Deutschen Reichstag hatte er beste Beziehungen nach oben. Und sein Wahlsieg im März 1871 mit 6812 Stimmen im Wahlkreis Kronach zementierte seine Position. Entsprechend groß war die Freude seiner Untergebenen anlässlich des 70. Geburtstages.

Alles, was Rang und Namen hatte, war am 15. August 1900 in Stockheim aufmarschiert. Während sich die Knappen im Bergmannskleid präsentierten, kamen die Honoratioren im Zylinder. Mit dabei waren die Fahnen der beiden Knappschaftsvereine Stockheim und Neuhaus. Und die Neuhäuser Musikanten sorgten für eine zünftige Marschmusik.

Allerdings war bei den Teilnehmern Ausdauer gefragt, denn von der Katharinazeche aus bewegte sich der imposante Festzug mit fast 600 Teilnehmern vorbei am Dorfweiher sowie an der St.-Wolfgangskapelle ostwärts in Richtung Eisenbahn und Hauptstraße. Von der 1899 erbauten evangelischen Schule aus führte der Weg nach Neukenroth ins Gotteshaus St. Katharina. Die Festpredigt hielt in der überfüllten Kirche Kaplan Pechmann aus Pressig.

Nach dem Gottesdienst hatten die Ehrengäste sowie Berg- und Hüttenleute denselben Weg wie vorher zu bewältigen. Entsprechend hoch her ging es dann beim Bergfest in den Sälen Weißerth und Schwalb zu, wobei man kräftig den Jubilar hochleben ließ.

Gruben geerbt

Swaine, von 1871 bis 1874 Mitglied des Reichstags, erblickte 1830 in Glücksbrunn das Licht der Welt. 1878, nach dem Tode seines Vaters Joseph Freiherr von Swaine, ging der stattliche Grubenbesitz von Stockheim in seine Hände über. Hinzu kamen ebenfalls durch Erbschaftsregulierungen die Grubenfelder Sophie und Bernhardt im angrenzenden Thüringen. 1863 erwarb Swaine außerdem die Meyer'schen Grubenfelder Minna, August, Josef und Juliane auf Neuhäuser Gebiet.

Dass bereits 1863 die Lokomotiven in Richtung Stockheim dampften, ist vor allem den Swaines - sie stammten aus England - zu verdanken. Insbesondere der Eisenbahnbau ermöglichte der Steinkohle im Stockheimer Revier einen gesicherten Absatz. Zuvor hatten die Flößer bis Frankfurt das "Schwarze Gold" mit Holzfässern geflößt.

Zu seinem 70. Geburtstag blickte Richard Freiherr von Swaine auf bewegte und dramatische Zeiten zurück. Insbesondere sei ans Bergwerksunglück 1879 im Maxschacht erinnert. Vier Tage waren zwölf Bergleute lebendig begraben.

Am Ostermontag kam dann die erlösende Rettung. So erlebte der königliche Kämmerer alle Höhen und Tiefen seines bergbaulichen Betriebs. Streiks, Grubenunglück, Brände, Wassereinbrüche setzten dem Grubenbesitzer arg zu. Am 15. August 1900 feierte er bereits als kranker Mann 70. Geburtstag. Am 20. Oktober 1902 starb Swaine .

Ein Sonderzug, veranlasst von der von Swaine'schen Rentei, besetzt mit den Betriebsangehörigen, den Vereinen von Stockheim und Neuhaus mit Fahnen sowie sonstigen Leidtragenden fuhr von der Station Stockheim aus in Richtung Coburg. In Burggrub und in Neuhaus wurden die Belegschaften der in Nähe dieser Stationen gelegenen Werke aufgenommen, so dass die Trauergemeinschaft an die 600 Personen umfasste.

Swaine war in den letzten Jahren mehr krank als gesund, aber er war von großer Statur. Immerhin acht Leichenträger waren erforderlich. In der Fürstlich Löwenstein'schen Familiengruft fand Richard von Swaine seine letzte Ruhestätte. Mit seinem Tod endete eine Ära im Stockheim-Neuhäuser Steinkohlenrevier, die zuletzt geprägt war vom wilhelminischen Geist.

Ernestine von Swaine, geborene Löwenstein, folgte ihrem Mann 1905 ins Grab. Die Stockheimer Vereine hatten ihre großzügigen Spender verloren.

Bergbauliche Fotorarität von 1900 wurde in einer Schmölzer Scheune entdeckt

Alte Fotografien faszinieren ungemein.Vor allem dann, wenn sie vor über 100 Jahren aufgenommen wurden. Dabei üben Aufnahmen aus den Anfängen der Fotografie, die mit ihrem Braunton wie mit einer Patina überzogen wirken, auf so manchen Heimatforscher ihren ganz besonderen Reiz aus. Sie sind nicht nur auf Fotopapier gebrachte Erinnerung, sondern auch Zeitdokumente, deren Wert leider allzu oft übersehen wird.

Doch es gibt erfreuliche Ausnahmen: 1992 entdeckte Eugen Geuther aus Schmölz in seiner alten Scheune bei Aufräumarbeiten ein Foto aus dem Jahr 1900. Geuther reagierte goldrichtig und setzte sich mit dem Stockheimer Ortsheimatpfleger in Verbindung.

Dieser aussagestarken Aufnahme vom 15. August 1900, sie zeigt den Festzug anlässlich des 70. Geburtstags von Richard Freiherr von Swaine, königlicher Kämmerer in Stockheim, blieb somit der Weg in die Mülltonne erspart.

Wertvolle Aufnahmen

Übrigens, die Fotografie mit der evangelischen Schule von 1899 im Hintergrund und dem Bahnübergang der Festteilnehmer stammt von dem Kronacher Starfotografen Johann Friedrich Schmidt, dem die Heimatfreunde viele zauberhafte Aufnahmen aus längst vergangenen Zeiten zu verdanken haben.