Auf den Februar ist die Retl besonders stolz. Gößweinstein und Selbitz. Fast jeden Tag Faschingsveranstaltungen. "Das war ein Monat", sagt die Künstlerin und Alleinunterhalterin, die zwar jeder unter dem Namen Retl kennt, aber die auch auf ihrer neuen Broschüre mit ihrem echten Namen Werbung macht: Birgit Geßlein. Einen Monat später war alles vorbei. Kein Auftritt, kein Schifferklavier, keine Retl. Zuhause war sie bis in den Sommer hinein Birgit Geßlein, die die Nachrichten rund um die Pandemie verschlungen und sich zwischendurch gefragt hat: Wie soll es irgendwann weitergehen? "Ich habe die Krise genutzt, um zu verstehen, was am Ende dabei herauskommt."

Eine neue Idee

Als sie im September in ihrem Büro in Eichenbühl sitzt und von den ehemaligen Auftritten erzählt, merkt man, dass sie etwas Neues geplant hat und die Zeiten ohne Musik vorbei sind - soweit es die Pandemie zulässt. Statt vor vielen Leuten bei großen Veranstaltungen zu spielen, denkt Retl nun in kleineren Maßstäben, mit neuen Konzepten. "Ich will den Menschen wieder etwas Hoffnung geben", das ist das Resultat ihrer Überlegungen zum Thema Corona, das hat sie auch in Vorträgen "Ja zum Leben", in denen sie mit Sonne und Wolken zeigt, dass gute und schlechte Zeiten beide Teile des Lebens sind. Je nachdem, ob es sich um einen Kindergeburtstag, eine kleine Familienfeier oder eine Beerdigung handelt, sie passt ihren Auftritt an und spielt vor einer allen Hygieneregeln entsprechenden Menge Menschen. "Die Retl kümmt ins Haus", sagt sie und meint damit, dass sie ihr Publikum besucht, nicht umgekehrt.

Retl ist selbst "öfters gesundheitlich angeschlagen". Anfang der 2000er Jahre hat sie sich aus der Depression gekämpft. Ihr geht es allerdings anders, als vielen Künstlern im Kronacher Land und in Bayern. Sie sagt, sie sei genügsam und könne auf etwas verzichten.

Über existenzielle Probleme weiß wiederum Gisela Lang viel zu erzählen. Sie nimmt es vorneweg: "Wenn Kultur ein Auto oder ein Fußballverein wäre, dann würden wir mehr Unterstützung erhalten." Seit Wochen kämpft die Kulturreferentin des Landkreises um Auftritte, ihre Künstler, ja sogar für höhere Förderungen, indem sie Briefe direkt an Wissenschafts- und Kulturstaatsminister Bernd Sibler schreibt. Der Erfolg ist überschaubar. Seit Wochen wird sie vertröstet, seit Wochen bangen Künstler um ihre Existenz.

Besonders Tourneetheater fristen gerade ein absolutes Nischendasein. Sie werden nicht gebucht und fallen auch durch das Raster vieler Hilfsgeldanträge, weil sie keinen festen Spielort haben. "Sorgen macht die existenzielle Bedrohung der Kulturschaffenden sowie der Tournee-theater, von deren Angebot insbesondere der Kreiskulturring lebt", sagt Gisela Lang, die stolz darauf ist, was der Landkreis in ihren 34 Dienstjahren für ein hochwertiges Kunstprogramm Saison für Saison auf die Beine stellt. Die Frage ist: Für wie lange noch? "Kulturarbeit hat viel mit vertrauensvollem Wachsen zu tun, und zerschlagene Strukturen zu revitalisieren, ist ein schwieriges Unterfangen, wenn nicht gar unmöglich."

Je länger das Elend andauere, desto schwieriger werde das Ganze. Es gehe ja nicht nur ums Geld, erklärt Gisela Lang. "Die Menschen müssen verstehen, dass Kultur auch Hochleistungssport ist." Sie nennt ein Beispiel: Ein Orchester, das lange nicht spielen und üben könne, falle logischerweise in seiner Leistung ab.

Spendenquittungen und Gutscheine

Auch die Kulturreferentin selbst trifft die Ungewissheit einer unbekannten Pandemie-Situation mit voller Wucht. Als sie im März die drei Theateraufführungen von "Im Winde verweht" absagen musste, ging der bürokratische Akt los. Erst war sie glücklich über die Bereitschaft vieler Ticketbesitzer und Abonnenten, die Ticketpreise zu spenden. Doch das Ausstellen der Spendenquittungen, die Rückerstattungen und der Versand von Gutscheinen überstieg den normalen Arbeitsaufwand um ein Vielfaches. Ihr Fazit: Lieber drei Veranstaltungen durchführen, als eine absagen. Wenn auch vor wenigen Zuschauern.

So wie in Mitwitz: Immerhin 35 Zuschauer konnten das nachgeholte Konzert "Souvenirs" vor knapp zwei Wochen verfolgen. Doch überhaupt eine Veranstaltung abzuhalten, bedeutet Mehraufwand: Hygienekonzepte und ein möglicher Plan B, wenn es doch kurzfristig abgesagt werden muss.

Laufende Ausgaben

Die "kulturelle Brache", wie es Gisela Lang nennt, findet sich nicht nur an bestimmten Veranstaltungsorten wie den Kreiskulturraum - keine Miet- und Gastronomieeinnamen, aber laufende Kosten -, sondern in der Fläche. Feste und Vereinsaktivitäten - alles gestrichen. Für freie Veranstalter sei das eine unmögliche Situation, sagt die Kulturreferentin. "Kommunen können momentan nur noch mit Verlusten ein wenig Kulturbetrieb aufrecht erhalten." Die Politik solle nicht vergessen, dass der Kulturbetrieb der drittgrößte Wirtschaftsfaktor in Bayern sei.

Vielleicht ist es dann doch die Retl, die sich zumindest als Ein-Frau-Kapelle und Entertainerin schneller auf Alternativen einlassen kann. Sie sagt, sie wisse selber nicht, woher sie diesen Optimismus nehme. Aber sie strahlt ihn aus.