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Nordhalben
Kunst

Lost Places in Franken: Fotografin dokumentiert zerfallene Gebäude

Lost-Places-Fotografin Jeannette Fiedler war in Nordhalben unterwegs. Im wahrsten Sinne des Wortes stand dieser Tage das Gebäude der ehemaligen Bleistiftmanufaktur Rehbach/Pensel.
 
Die Treppe hat eine magische Anziehungskraft auf die Fotografin Foto: Maria Löffler
Die Treppe hat eine magische Anziehungskraft auf die Fotografin Foto: Maria Löffler
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Sie war an den unglaublichsten Orten, hat viel riskiert und sie hat spannende Menschen auf ihrem Weg getroffen. Die Lost-Places-Fotografin Jeannette Fiedler aus dem oberfränkischen Nordhalben (Kreis Kronach) will in ihrem Heimatort Gebäude fotografieren, die dem Verfall preisgegeben wurden und in Kürze abgerissen werden: So soll ein unvergessliche Chronik entstehen.

Das Gebäude, das bei ihr an diesem Tag im Fokus steht, gehörte zur ehemaligen Bleistiftmanufaktur der Firma Rehbach/Pensel. Über den Aufstieg und den Fall der Manufaktur und der Familie, die über Jahrzehnte hinweg in Nordhalben einer der größten Arbeitgeber war, gibt Bürgermeister Michael Pöhnlein einen kurzen Abriss. Er begleitet Jeannette Fiedler auf ihrer Suche nach Motiven und liefert die dazugehörigen Fakten.

Lost Place: Gebäude voller Erinnerungen

Noch heute ist er emotional berührt, denn die Gebäude sind voll von Erinnerungen und erzählen eine tragische Geschichte. Pöhnlein: "Am Ende fuhren sie mit nichts, als einem rostigen VW-Käfer vom Hof." Die Tatsachen könne man überall nachlesen und so vielleicht auch die Höhen und Tiefen dieser Familie nachvollziehen. Aber wenn Michael Pöhnlein erzählt, dann bleibt er gedanklich nicht nur in Nordhalben, sondern spricht von umfangreichen Geschäftsbeziehungen bis nach Afrika. Er spricht von Visionen und von Pioniergeist, von Menschen, die schon damals über den Tellerrand hinaus geblickt haben.

Diese Geschichte berührte auch Jeanette Fiedler, die ansonsten in ihrem Heimatort fotografisch eher selten unterwegs ist. Sie besucht Lost-Place-Orte in der ganzen Welt, ist bei renommierten Ausstellungen vertreten. Nun möchte sie eine Bilderchronik erstellen. "Meine Heimat trage ich im Herzen und ein Stück davon halte ich jetzt mit der Kamera fest. Und das gerade deshalb, weil es diese Orte so bald nicht mehr geben wird." Mit "diesen Orten" meint sie Häuser, die verlassen wurden. Häuser, in denen niemand mehr wohnen möchte, oder die schlicht und einfach im Weg sind.

Spinnennetze, Ratten und Mäuse

Dass sie dabei nicht zimperlich sein darf, macht ihr keine Probleme. Unrat und Ungeziefer gehören zum "Berufsrisiko." Sie macht weder halt vor meterlangen Spinnennetzen, noch vor Ratten oder Mäusen, die zusammen mit Mardern, Vögeln und anderen Tieren in diesen Häusern oft eine neue Heimat gefunden haben. Und sie ist mittlerweile auch nicht mehr so geruchsempfindlich. "Moder hat einen ganz eigenen Geruch. Er riecht auch nach Verlassenheit und Verfall." Tapfer erklimmt sie Treppen, die schon vom hinschauen in sich zusammenfallen und sie weiß genau, dass sie "schwammige Böden" meiden muss wie die Pest. "Man muss besonders da aufpassen, wo es reinregnet, denn hier entstehen die größten Schäden und somit auch die größten Gefahren." Eine dieser Gefahren hätte sie fast ihre Gesundheit gekostet. "Da war ich in einer entweihten Kirche in Sachsen. Die wurde von einem Blitz getroffen. Mich hatte die gotische Architektur so fasziniert, dass ich nicht mehr darauf geachtet habe, wo ich hingetreten bin. Plötzlich fielen mir Dachziegel genau vor die Füße. Das hätte schlimm ausgehen können." Doch für ihre Leidenschaft hat Jeanette Fiedler schon ganz andere Risiken in Kauf genommen. Sie war zum Beispiel im Hambacher Forst und sie hat die ehemalige olympische Bobbahn in Sarajevo fotografiert. "Man muss halt aufpassen, wo man hintritt," sagt sie und dieser Satz scheint auf all ihre Lost Places zuzutreffen.

Als sie das große, mehrstöckige Gebäude in Nordhalben betritt, tut sie dies mit wachen Augen. Und sie versucht, etwas einzufangen, das noch irgendwo in den Mauern zu hängen scheint. "So viele Menschen haben hier gearbeitet, gelebt und geliebt. Sie haben hier ihr Leben verbracht und für viele hat sich hier ihr Schicksal erfüllt. Was mögen sie empfunden haben, als die Türen der Fabrik sich für immer geschlossen haben?" Und dann kommt, von einer Sekunde auf die andere, bei ihr der "Tunnelblick." Sie verfällt in den "Profimodus", der sie das Gebäude durch die Linse der Kamera sehen lässt. Jetzt kann sie es kaum erwarten, ihr Stativ aufzubauen und die Kamera zu positionieren. Sie weiß genau, welche Motive die besten sind, welche die Verlassenheit am ehesten ausdrücken. Als Jeannette Fiedler loslegt, ist die Welt da draußen für sie nicht mehr existent. Sie weiß nämlich schon genau, wie ihre Bilder am Ende aussehen werden.

Zwischen 200 und 300 davon schießt sie von einem einzigen Lost Place und etwa 20 schaffen es bei ihr bis zur Bearbeitung. "Ich weiß dann ganz genau, wo ich Tiefe erzeugen muss, oder wie mein Motiv am besten zur Geltung kommt." Wie so viele Fotografen, habe auch sie im Laufe der Jahre ihren Stil verändert. "Jetzt lege ich sehr viel Wert auf Authentizität und auf Schärfe. Als ich angefangen habe, waren meine Farben total krass."

Sie wird in Nordhalben nach und nach die Gebäude fotografieren, die von der Gemeinde erworben wurden und abgerissen werden sollen. "Es wird eine Chronik entstehen, die ich entweder als Buch veröffentliche, oder in einer Ausstellung präsentiere. Oder ja vielleicht auch beides..."

Wer mehr von der Fotografin sehen möchte, findet sie auf Facebook und Instagram unter @die_pestaerztin oder unter jeannettefiedler.de