Es ist schon erstaunlich, welch unterschiedliche Entwicklung die Dörfer im Frankenwald genommen haben. Insbesondere die Eisenbahn löste eine regelrechte wirtschaftliche und bauliche Expansion aus. Ab 1885 ist Pressig durch die Schiene ganz entscheidend geprägt worden. Vorher war die Ansiedlung ein kleines, unbedeutendes Dörfchen mit mehreren Schneidmühlen. 1862 wohnten in 21 Häusern 163 Einwohner. 1886 - ein Jahr nach Bahneröffnung - waren es schon 327 Pressiger. 1908 belief sich die Einwohnerzahl auf 1000 und 1933 auf 1504. Eine ähnlich stürmische Entwicklung nahm Stockheim, allerdings bereits ab 1863, das in jener Zeit an das bayerische Schienennetz angeschlossen war.

Am 8. August 1885 wurde Pressig aus seinem Dornröschenschlaf förmlich herausgerissen und in eine neue Zeit katapultiert, denn nach einer Probefahrt am 28. Juli 1885 wurde der Eisenbahnabschnitt Stockheim-Ludwigsstadt für den Verkehr freigegeben. Mit der Fertigstellung der Strecke Eichicht-Ludwigsstadt am 1. Oktober 1885 war der planmäßige Verkehr zwischen Bayern und Sachsen-Meiningen (Thüringen) Wirklichkeit geworden.

Bauboom in Pressig

Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich Pressig, das 1956 das Marktrecht erhielt, zu einer aufstrebenden Kommune. Bemerkenswert vor allem der Bauboom zwischen den Flussläufen der Haßlach und der Tettau. Im ehemaligen Pressiger "Sumpf" entstand ein beachtliches Eisenbahnzentrum unter anderem mit Bahnhofsgebäude, Bahnbetriebswerk, Lokschuppen, zwei Stellwerken, Signalanlagen sowie einem dichten Netz von Gleisen. Im Jahre 1895 folgten drei stattliche Bahnhäuser für Bedienstete, 1900 ein Übernachtungslokal, das Bahnhofshotel und Restauration Jos. Zinner und G. Hempfling, das Warengeschäft Hempfling, 1902 die Massemühle der heutigen Porzellanfabrik Rauschert.

Allerdings lautete bis 1939 der Bahnhof auf "Rothenkirchen". Dann wurde er nach jahrelangem Hin und Her auf Pressig-Rothenkirchen umgetauft.

Lokomotiven zum Schieben

Entscheidend für die bemerkenswerte Bahnexpansion war die Frankenwaldrampe. Von Pressig über Steinbach am Wald nach Probstzella musste eine Steigung von 1:40 überwunden werden. Um die Züge über diese Steilrampe befördern zu können, wurde jeder Zug je nach Belastung, ob D-Zug, Personen- oder Güterzug, mit einer oder auch zwei Schiebelokomotiven bestückt. Pressig stellte zu Beginn lange Jahre allein die Schiebe- oder Schubloks und so musste eine Lokomotivstation gebaut werden, zu deren Ausrüstung bis zum Jahre 1926 eine mit Hand betriebene Drehscheibe gehörte. Dann erst wurde eine größere Drehscheibe mit Elektro-Motor-Antrieb eingesetzt.

Mit dem sprunghaft erhöhten Lokomotivpark und Personalbedarf wurde die Lokomotivstation 1920 zum Bahnbetriebswerk erhoben. Vorher war Pressig zunächst Lokstation der Betriebsstätte Lichtenfels und besaß somit organisatorisch keine Selbständigkeit. Im Laufe der Jahre haben fast alle Lokomotivtypen das Bahnbetriebswerk durchlaufen, um immer wieder stärkeren Platz zu machen. In den 60er Jahren war das Ende der Dampfloks angesagt, die Jahrzehnte das Bild der Bahnanlage entscheidend prägten.

Im Jahre 1903 erfuhr der Bahnhof eine weitere Aufwertung, und zwar mit der Inbetriebnahme der Nebenbahn Welitsch, Schauberg nach Tettau. Ein dritter Bahnsteig musste angelegt werden. Mit dem zweigleisigen Ausbau der Hauptstrecke im Jahre 1905 nahm nochmals die Bedeutung der Pressiger Bahn zu. Eine große, technologische Wende trat 1939 mit der Elektrifizierung der Bahnstrecke München-Berlin ein und der damit verbundenen Ablösung der Dampflokomotiven durch E-Loks. Das Bahnbetriebswerk wurde auch jetzt wieder mit den stärksten Lokomotiven bestückt (E 94 Steilrampe, 650 Tonnen). Die Lok konnte 600 Tonnen mit 50 km/h über 25 Promille Steigung ziehen.

In den besten Jahren bot der Bahnhof einige hundert Arbeitsplätze. Im Jahre 1967 - also schon längst nach der Boomzeit - waren noch 180 Personen in Bahnhof, Bahnbetriebswerk und Bahnmeisterei beschäftigt. Eisenbahner waren unter anderem als Lokführer, Ober- und Hauptlokführer, als Bremser, Bahnwärter, Streckengeher, Schaffner, Stellwerker, Laternenputzer, Stationsvorsteher oder als Rangierer tätig.

Über 100 Waggons brannten lichterloh

Gegen Ende des Krieges blieb auch das Bahnbetriebswerk von der Kriegsfurie nicht verschont. Am 9. April 1945 erfolgte gegen 18.35 Uhr der erste Angriff durch amerikanische Jagdbomber. Die erste Bombe traf das Ölmagazin, und der Lokschuppen stand sofort in Flammen. Loks wurden aus den Schienen gehoben und Trümmer flogen bis in die Ortschaft. Ein Toter, August Suffa, war zu beklagen. Am nächsten Tag kam es zu einem weiteren Angriff, der insbesondere den Güterzügen galt. Weit über einhundert beladene Eisenbahnwaggons brannten lichterloh.

Mit dem Bau des "Eisernen Vorhangs" als Folge des Zweiten Weltkriegs ergaben sich tiefgreifende Veränderungen für die Eisenbahn in Pressig. Die Bedeutung des Bahnbetriebswerks - es wurde am 1. September 1968 aufgehoben - und des Bahnhofs Pressig-Rothenkirchen schwand immer mehr. Dienststelle um Dienststelle wurde abgezogen. Ab 1988 übernahm Kronach die Aufgabe der Bahnmeisterei. Mit dem Einsturz und dem Zusammenbruch der Lokschuppen unter der Schneelast des Winters waren am 5. Februar 1981 um 13 Uhr auch die letzten Zeugen einer großen Eisenbahngeschichte verloren gegangen.

2014 wurde das Drucktastenstellwerk durch ein neues elektronisches Stellwerk ersetzt, das von München aus ferngesteuert wird. Pfingsten 1989 erlebten nochmals tausende Eisenbahnfans aus allen Teilen der Bundesrepublik Deutschland aufgrund des Jubiläums der Strecken-Elektrifizierung vor 50 Jahren ein großartiges Eisenbahnfest mit nostalgischen und modernen Sonderzügen auf der Frankenwaldrampe. Kraftvoll präsentierten sich damals vor allem die Dampfrösser.

Relikte einer glanzvollen Ära

Einstmals stand ein Viertel aller Einwohner Pressigs im Dienste der Bahn. Mit dem Rückzug der Eisenbahn ist auch ein enormer Verlust an Dienst- und Arbeitsstellen für den Marktflecken und das Umland Hand in Hand gegangen. Für die Bürgermeister - vor allem für Bahninspektor Erhard Klammt (1949 bis 1969) als Gemeindeoberhaupt ergaben sich nach dem Zweiten Weltkrieg enorme Herausforderungen. Doch dank des Unternehmergeistes und dank der Sesshaftigkeit der alten und neuen Gewerbe- und Industriebetriebe konnte der Arbeitsplatzverlust wieder wettgemacht werden. Heute erinnern nur noch die drei dominant wirkenden Eisenbahnerwohnhäuser an der Hauptstraße, das Bahnhofsgebäude, zwei Bahnsteige sowie sieben Gleise an die einstige glanzvolle Ära des Pressiger Bahnhofs.