Eine Idee aus Italien, umgesetzt im Herzen von Franken: In diesem Monat startet die „Albergo diffuso“ in Mainbernheim. Gäste können in liebevoll sanierten historischen Gebäuden urlauben und in einer Altstadt mit besonderem Flair entschleunigen, die Stadt kann ihre Identität wahren und ihr touristisches Profil schärfen.

„Mainbernheim hat viel Potenzial“, sagt Susanne Bergner. Das hat sie Tag für Tag vor Augen, wenn sie ihr „Café Bärenstark“ am Brunnen in der Ortsmitte eröffnet. Das hört sie Tag für Tag von ihren Gästen. Die Altstadt ist etwas Besonderes mit ihren historischen Anwesen, der Stadtmauer, den Toren und Türmen. „Hier kann man wunderbar entschleunigen.“

Wer ein paar Jahre zurückdenkt, hat die Sorgenfalten noch vor Augen, die sich auf der Stirn des Bürgermeisters bildeten, wenn er über die Altstadt sprach. Viele Anwesen standen leer. Was tun, damit wieder mehr Leben einzieht ins „Städtle“? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Stadtrat ab 2015 in einem städtebaulichen Entwicklungskonzept. Stadtplanerin Yvonne Slanz und ihr Kollege Markus Schäfer vom Planungsbüro Transform brachten den Vorschlag ins Spiel, die Leerstände für touristische Zwecke zu nutzen. Beispielgebend könnte das Konzept der „Albergo diffuso“ sein, das in den 1980er Jahren in Italien mit viel Erfolg gestartet wurde, so ihre Idee. Statt in einem Hotel im klassischen Sinn sind Touristen dabei in unterschiedlichen Unterkünften untergebracht – und zwar in historischen Gebäuden, im ganzen Altort verstreut.

Konzept wird erprobt

Planer und Stadt nahmen Kontakt mit dem Landesamt für Denkmalpflege auf, es gab Gespräche mit den Eigentümern der leer stehenden Anwesen. Die Stadt nahm an einem Wettbewerb des Bundesinstituts für Bau- und Raumforschung teil und kam zum Zug: In Mainbernheim wird das Konzept „Albergo diffuso“ nun erstmalig auf eine deutsche Stadt übertragen. „Übergeordnetes Ziel ist es, dieses – in Deutschland noch unbekannte – Beherbergungskonzept insbesondere zur Stärkung kleiner Städte abseits der touristischen Hauptrouten zu erproben“, heißt es im Forschungsprogramm.

Fünf Jahre später gibt es in Mainbernheim so gut wie keinen Leerstand mehr. „Bei 45 Anwesen in der Altstadt gab es einen Eigentümerwechsel“, berichtet Bürgermeister Peter Kraus erfreut. Nur an „Albergo diffuso“ liegt das allerdings nicht. Fast alle der ursprünglich angedachten Anwesen wurden bereits vor Verwirklichung des Projektes verkauft. Einige neue Inhaber stehen der Idee aber aufgeschlossen gegenüber und könnten sich durchaus vorstellen, ebenfalls Räume für Gäste anzubieten.

Eines der leer stehenden Anwesen haben Elmar und Janine Scheller erworben. Ursprünglich wollte er das Häuschen, das neben seinem Anwesen liegt, wegreißen und Parkplätze errichten, erzählt Elmar Scheller. „Dann haben wir uns doch in das Häuschen verliebt und es hergerichtet, erst mal ohne Ziel. Und dann sind wir in die Albergo diffuso-Geschichte reingerutscht.“ Er lacht bei diesem Satz, denn inzwischen ist Elmar Scheller Vorsitzender des Vereins „Albergo diffuso Mainbernheim“. Er macht sich für den Erhalt der historischen Anwesen und für ihre Nutzung stark. „Wenn solche Schätze erst mal weg sind, kriegst du sie nicht wieder“, sagt er.

Eine Stadt mit vielen Schätzen

Die „Schätze“ des Beherbergungsprojekts haben alle eines gemeinsam: Es handelt sich um alte Gebäude, die saniert wurden und innerhalb der Altstadt liegen. Ansonsten gibt es viele Unterschiede: Das „Fränkische Cottage“ der Familie Scheller, das um 1900 erbaut und früher als Bauernhaus mit angrenzendem Ziegenstall genutzt wurde, bietet bis zu vier Personen Platz. Im Gasthof „Zum Bären – einfach anders“ von Maria und Jörg Edenharter gibt es sechs Pensionszimmer. Das über 300 Jahre alten Winzeranwesen von Erwin Reidelbach, der „Häckerhof“, beherbergt eine Ferienwohnung. Im Markgräflichen Kastenamt von Ute Rauschenbach und Dieter Gottschalk lässt sich erfahren, wie es ist, in einem Denkmal zu leben, mit vielen Details aus alten Zeiten. Die Radlerherberge dagegen bietet eine eher funktional eingerichtete Unterkunft mit Gemeinschaftsräumen.

Die Rezeption der „Albergo“ teilen sich das Bärencafé und das Gasthaus „Zum Bären“, wer möchte, kann auch dort frühstücken. In der Rezeption finden sich die Gäste nach der Ankunft ein, werden von Susanne Bergner oder Maria Edenharter mit einem Bärensecco begrüßt, mit Informationsmaterialien über den Ort und die Region versorgt und von ihren Gastgebern abgeholt. „Das Persönliche ist uns wichtig. Die Gäste sollen sich wohlfühlen“, sagt Susanne Bergner. Zielgruppe seien nicht die Menschen, die nur irgendeine Unterkunft vermittelt bekommen wollen. „Es geht uns um die Menschen, die entschleunigen wollen.“ Entschleunigen bedeutet dabei nicht, dass der Aufenthalt langweilig ist. Stadt und Region haben schließlich viel zu bieten, vom Bärlesweg übers Bierbrauen bis zur Weinprobierstube, es gibt Rad- und Wanderwege, Feste und vieles mehr.

Gut möglich, dass die „Albergo diffuso“ mit den Jahren noch eine ganze Reihe weiterer spannender Unterkünfte bieten wird. Der Obere Turm und der Pulverturm beispielsweise wären ideal für das Konzept. Erste Untersuchungen dafür wurden bereits durchgeführt. „Aber der Sanierungsaufwand ist hoch“, sagt der Bürgermeister. Ohne Fördermittel ist das momentan nicht machbar. Aber wer weiß? Mit dem Verkauf der Leerstände ging es schließlich auch viel schneller als gedacht.

Info: Weitere Informationen zu den Gastgebern, den Unterkünften, dem gesamten Projekt und zur Buchung unter www.albergo-diffuso-mainbernheim.de