Über 500 Kilometer liegen zwischen Kleinlangheim und Brüssel. Knapp fünf Stunden mit dem Auto, wenn man gut durchkommt. Bernd Hörner wird viel länger brauchen, bis er vor dem EU-Parlament steht. Denn Hörner fährt mit dem Traktor. Der Milchbauer macht mit bei der Schlepper-Sternfahrt nach Brüssel, mit der Landwirte aus ganz Deutschland auf die Milchpreis-Probleme aufmerksam machen wollen.

Bernd Hörner ist sauer. Auf die europäische Agrarpolitik und die Preisgestaltung der Molkereien gleichermaßen. Die neuerliche Milchmarktkrise verursachte bei den Milchbauern Verluste von mindestens vier Milliarden Euro. Von der sich jetzt abzeichnenden leichten Erholung haben die Milcherzeuger nichts. Die Molkereien konnten um neun Cent höhere Trinkmilchkontrakte abschließen, informiert der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter.
Für die Milcherzeuger bleibe aber viel zu wenig übrig - ein Cent mehr als bisher landet bei ihnen. "Damit können wir unsere Verluste nicht einmal annähernd ausgleichen", sagt Hörner. Um so ärgerlicher ist, dass die meisten Verbraucher denken würden, die Bauern bekämen jetzt deutlich mehr Geld, weil die Milch teurer geworden ist.

Und weil das nicht so weitergehen kann, hat sich der Kleinlangheimer entschlossen, bei der Demo-Aktion des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM) mitzumachen. Die Organisation war nicht einfach. Wer macht mit? Wo schließen sich die Bauern zusammen? Wo gibt es Kundgebungen? Welche Station ist wann an der Reihe? Die Aktionen wurden in Telefonkonferenzen abgestimmt, Treffpunkte festgelegt, wieder geändert. Fast jeden Abend griff Hörner in der letzten Woche zum Telefon, zwischen 21 und 22 Uhr. Schließlich dürfen Tiere und Hof nicht vernachlässigt werden - egal, wie sauer man auf den Milchmarkt ist.


2005 ausgesiedelt
Vor Jahren, als es auf dem Hof von Vater Heinrich Hörner zu eng geworden war, entschloss man sich, vor die Tore Kleinlangheims auszusiedeln. Nur logisch, dass Bernd Hörner gegen die Verluste nicht nur etwas machen will, sondern auch etwas machen muss. "Wir wollen eine Mengensteuerung, keine Quote", verlangt der Landwirt. Ihm und seinen Kollegen wäre es am liebsten, wenn die Probleme in Deutschland und nicht EU-weit geregelt würden. Die Quote fällt ohnehin zum 1. Januar 2015. Seit sie gelockert wurde und aufgestockt werden kann, gebe es nur noch Probleme. Eines davon ist, dass die milchverarbeitende Wirtschaft Milch dort aufkauft, wo sie am billigsten zu haben ist, auch im Ausland.

In den kommenden Monaten legt die EU in Brüssel neue Rahmenbedingungen für die künftige Agrar- und Milchmarktpolitik fest. Dabei werde festgeschrieben, ob und wie Milcherzeuger am Markt teilnehmen und den Preis beeinflussen können. Ein neuer Vertrag mit der Milcherzeugergemeinschaft, die dem BDM angehört, beinhalte alles, was nötig ist, nur keinen Grundpreis. Und der ist für die Milchbauern wesentlich, denn nur so wissen sie, welchen Erlös sie aus ihrer täglichen Arbeit erwarten dürfen.


Immer weniger Milchbauern
Die Milchwirtschaft leidet seit Jahren unter einem Strukturwandel. In der Milcherzeugergemeinschaft Kitzingen hörten 2011 fünf Prozent der Milcherzeuger auf. Der Trend setzt sich fort: 2012 haben sich weitere vier Prozent zur Aufgabe entschlossen. Der rasante Strukturwandel beschleunige sich also sogar noch und führe zu Arbeitsplatzverlust und zur Zerstörung vitaler Strukturen im ländlichen Raum. Die Milcherzeuger erwarten mehr Verantwortung seitens der Politik mit Marktregeln, die einen kostendeckenden Milchpreis ermöglichen.

Ohne die elterliche Hilfe wäre auch der Hof der Hörners mit 45 Kühen und weiteren 40 Tieren in Nachzucht nicht zu bewältigen. Bernd Hörner hat sich vorgenommen, den elterlichen Betrieb zu halten und nicht auf Angestellte zu setzen. Vater Heinrich ist 64, Bernd Hörner 39. Ehefrau Sabine ist beim Melken ebenso dabei wie die drei Töchter, die zwischen acht und zwölf Jahre alt sind. Doch auch für ihn, das weiß Hörner, wird sich die Altersfrage stellen und damit auch die, ob sich die Milchviehwirtschaft für die Familie noch lohnt.

Lade TED
 
Ted wird geladen, bitte warten...