Es ist noch gar nicht so lange her, da hörte man oft den Satz: Viele Banken im herkömmlichen Sinn werden verschwinden – wegen der Fintechs. In der Tat sind diese filiallosen Online-Finanzdienstleister wie Pilze aus dem Boden geschossen und waren auf dem Weg, das Geschäftsgebaren der Traditionshäuser auf den Kopf zu stellen.

Banken: Nervosität lässt nach

Die Nervosität in den Chefetagen der konventionellen Geldhäuser lässt nun offenbar nach: „Die Banken zähmen die Fintechs“, schrieb unlängst die „Frankfurter Allgemeine“ und meinte damit die Tatsache, dass beide Seiten hier und da zusammenarbeiten. Das geht über das gewöhnliche Online-Banking hinaus.

Ungewöhnlich kommt dies freilich daher, wenn es sich um eine bewusst konservativ gehaltene Adresse handelt wie die Fürstlich Castell'sche Bank (Castell-Bank). Das 1774 gegründete Kreditinstitut mit Sitz in Castell (Lkr. Kitzingen) und Würzburg wagt jetzt den Spagat: In Kürze bietet die älteste Bank Bayerns eine komplett digitalisierte Vermögensverwaltung an. Castell hat sich dafür das Berliner Fintech Elinvar ins Boot geholt.

Ab 25 000 Euro kann man anlegen

„Castell Insight“ werde das neue Angebot heißen, legte Vorstandsvorsitzender Sebastian Klein gegenüber dieser Redaktion dar. Demnach können Nutzer Summen ab 25 000 Euro via Internet anlegen – ganz allein und ohne direkten Kontakt zur Bank. „Das soll für die Kunden sein, die keine Beratung wollen“, so Klein.

Dieser Schritt ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass die Castell-Bank von jeher auf persönliche Beratung bei der Vermögensanlage setzt. Dieses auf top-diskrete Gespräche angelegte Geschäft ist das Standbein der Castell-Bank, die weniger auf Laufkundschaft mit herkömmlichen Girokonten setzt.

Wie das Online-Angebot funktioniert

Der Schulterschluss mit Fintechs hatte sich schon vor einem Jahr bei der Bilanzpressekonferenz in Castell abgezeichnet. Klein deutete damals an, dass sich damit neue Vertriebswege ergäben.

Wer „Castell Insight“ nutzen will, muss sich auf der Online-Plattform authentifizieren und beim ersten Mal 29 Fragen unter anderem zur eigenen Risikoneigung bei der Geldanlage beantworten. Daraus errechnet das Programm eine individuelle Anlagestrategie.

Depot liegt bei Baader, Castell investiert

Als Depotbank dient die Baader Bank (Unterschleißheim bei München), mit der Castell beim neuen Online-Angebot zusammenarbeitet. Die Einnahmen aus den Gebühren werden untereinander aufgeteilt, sagte Klein.

In welche Werte – also etwa Anleihen oder Aktien – das Geld der Insight-Kunden dann konkret gesteckt wird, entscheiden laut Klein die Vermögensverwalter der Castell-Bank. Mit ihnen komme der Online-Kunde nur dann in Kontakt, wenn er es wünsche.

Castell will an die jungen Kunden ran

Mit „Castell Insight“ will das Traditionshaus einen weiteren Effekt erzielen: neue Kundenkreise bekommen. Im Blick von Klein sind junge Menschen, die Geld zur Vermögensanlage übrig und das Internet im Blut haben. Einfach mal ausprobieren, mit offenem Ausgang – das ist für den Castell-Vorstandsvorsitzenden die Devise für das neue Angebot.

Was ein Experte dazu meint

Einfach mal ausprobieren – „das ist gut so“, urteilt Bankenexperte Harald Bolsinger von der Hochschule für angewandte Wissenschaften (FHWS) in Würzburg. Ob Plattformen wie Castell Insight auf lange Sicht Erfolg haben werden, „weiß ich nicht“. Dieser Markt sei momentan sehr in Bewegung. „Man erreicht damit eher junge Zielgruppen“ mit „ein bisschen Geld zum Anlegen“, ist sich der Wirtschaftswissenschaftler sicher. Jene Kunden mit den ganz großen Summen würden hingegen auch weiterhin die persönliche Beratung in der Bank suchen.

Bolsinger kennt in der Region keine Bank, die in Sachen Fintechs ähnliches tut wie Castell. Er sei aber überzeugt, dass man derlei Schritte „jetzt öfters sehen wird“.

Verband: Es tut sich schon länger was

Davon geht der Bundesverband deutscher Banken in Berlin schon länger aus. Unter den 200 dort angeschlossenen Banken klassischer Art befindet sich seit geraumer Zeitz auch ein Dutzend Fintechs. Castell-Partner Elinvar gehört dazu. Dass die traditionellen Geldhäuser mit den Fintechs Berührungsängste haben, „das ist schon lange nicht mehr so“, sagte Bankenverbandssprecherin Kerstin Altendorf auf Anfrage. „Gerade kleine Banken sind hier sehr agil.“

Diese Beobachtung hat auch FHWS-Professor Bolsinger gemacht. Für die Fintechs seien kleine Geldhäuser besser zu handhaben als große, bei denen meistens noch Verbände mitzureden hätten.

Castell: Stellenabbau ist kein Thema

Dass „Castell Insight“ dem angestammten Geschäft Kunden wegnimmt, davon geht Vorstandsvorsitzender Klein nicht aus. „Vor einer Kannibalisierung habe ich keine Angst.“ Auch nicht davor, dass „Castell Insight“ Berater überflüssig machen und für einen Stellenabbau in der Bank sorgen könnte. Das sei in den zwei Jahren der Planung nie Thema gewesen. Außerdem bleibe Castell Castell: „Wir ändern ja unser Produkt nicht.“

Castell, Fintechs und Trends

• Die Fürstlich Castell'sche Bank Credit Casse AG ist ein nicht börsennotiertes Geldhaus, das seit der Gründung im Jahr 1774 im Eigentum der ehemaligen Adelsfamilien Castell-Castell und Castell-Rüdenhausen ist. Vermögensanlagen und das Firmenkundengeschäft sind die Säulen der Bank, die 240 Mitarbeiter, zehn Filialen in Franken sowie Niederlassungen in München, Nürnberg, Heilbronn, Mannheim und Ulm hat. Bilanzgewinn 2016: 4,6 Millionen Euro (2015: 3,5).

• Als Fintechs werden Finanzdienstleister bezeichnet, die mittels Onlineplattformen im Bankenbereich unterwegs sind. Sie haben keine Filialen und sind oft Jungunternehmen (Start-ups). Wie viele Fintechs es in Deutschland gibt, ist nach Angaben der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) nicht genau klar. Schätzungen gehen von 250 aus. Auch im Bereich Versicherungen gibt es solche Tech-Unternehmen.

• Um die Digitalisierung des Bankenwesens gelenkt vorantreiben zu können, hat der Bundesverband deutscher Banken im Oktober 2017 einen speziellen Ausschuss gebildet. In ihm sitzen auch Fintechs. aug