Liebe Frau Pottler, es ist eine Weile her, dass wir miteinander gesprochen haben. 2005 arbeiteten Sie noch bei Radio Vatikan und saßen am Mikrofon, als der weiße Rauch über der Sixtinischen Kapelle aufstieg. Ein unglaublicher Moment. Bekommen Sie heute von Deutschland aus mit, wie die Stimmung in der Vatikanstadt ist? Wie darf man sich das im Moment so in Rom vorstellen?

Ja, auch im Rückblick sind die Ereignisse vor acht Jahren immer noch bewegend und elektrisierend. So früh hatte an diesem 19. April keiner mit Rauch gerechnet, weder mit weißem noch mit schwarzem.

Die Liveübertragung a là "Wir warten auf den Rauch" sollte planmäßig erst zehn Minuten später beginnen, und das ganze Haus war noch dabei, Interviews und gebaute Beiträge vorzubereiten, die den Abend über eingespielt werden sollten. Wir waren auf eine lange Sendung und viel Zeit eingestellt, in der nichts passieren würde.

Die Techniker sahen auf den Bildern aus dem Vatikanischen Fernsehzentrum den Rauch dann als erste und riefen uns Redakteure ganz hektisch in die Studios, die Mikros waren schon offen und wir auf Sendung. Ich weiß noch, dass ich unter der Tür den Stapel Papier mit dem Sendungsmanuskript habe fallen lassen und noch im Laufen die Hörer begrüßt habe.

Doch der Rauch war nicht eindeutig schwarz oder weiß, eher grau, keiner wusste so recht, was er sagen sollte. Dann begannen die Glocken zu läuten, das angekündigte Signal für eine gelungene Papstwahl... Zwar hatten wir Kollegen mit Telefon auf den Petersplatz geschickt, doch - wie nicht anders zu erwarten - waren die Mobilfunkleitungen in diesem Moment völlig überlastet.

Den nächsten sprachlosen Moment gab es dann natürlich, als der Name des neuen Papstes erklang. Aber mehr als kurz die Luft anhalten, ist im Radio nun Mal nicht möglich. Also hieß es auch hier: weiterreden, weiterreden, weiterreden. Wenn ich mir heute die Aufzeichnungen anhöre, wird das alles wieder lebendig.

Nach dem angekündigten Rücktritt von Benedikt XVI. fühlen viele im Vatikan eine große Leere. Sie können diesen Schritt nicht glauben. Das reicht von Trauer über Überraschung bis zu Entsetzten. Und dann setzt natürlich auch wieder hektische Betriebsamkeit ein: Kardinäle reisen an.

Journalisten belagern den Petersplatz. Auf den Terrassen der Gebäude rund um den Vatikan werden Kameras und Studios aufgebaut. Nicht wenige Römer meinen, jetzt noch etwas dazuverdienen zu können. Gerade in den italienischen Medienberichten reißen die Verschwörungstheorien und Schuldzuweisungen nicht ab.

Der Vatikanische Pressesprecher wiederholt mit stoischer Ruhe immer wieder den großen Respekt vor der Entscheidung des Papstes. Und weist gleichzeitig die Journalisten aus aller Welt in die Schranken und warnt vor Falschmeldungen.

Nach dem Tod Johannes Pauls II. waren auch alle aufgescheucht; aber damals wusste keiner so recht, was ihn erwartet, denn das letzte Konklave war einfach zu lange her. Jetzt wissen Journalisten und Vatikanverantwortliche im Grunde, was auf sie zukommt und wollen natürlich alles minutiös planen und vorbereiten.

Dazu kamen natürlich bestimmte mehr oder weniger entscheidende Fragen, die sich bislang oder zumindest seit 700 Jahren niemand stellen brauchte: Welchen Namen trägt der zurückgetretene Papst? Wird er noch rote Schuhe tragen? Was geschieht mit dem Fischerring? Die Gläubigen in Rom sind berührt, dankbar, aber auch traurig und oft sprachlos. Für sie ist der Papst die letzte Konstante in politischer und wirtschaftlicher Orientierungslosigkeit.

Sind Sie Papst Benedikt persönlich begegnet? Sie wollen zu seiner letzten Audienz fahren - was bedeutet das für Sie? Endgültiger Abschied?
Ich bin dem Papst mehrmals persönlich begegnet. Er hat Radio Vatikan als Kardinal für Interviews und später als Papst besucht. Ich war im Journalistenpool bei Papstreisen in Kamerun, Spanien und Deutschland dabei, bei größeren und kleinen Audienzen im Vatikan oder in Castelgandolfo und bei Veranstaltungen, an denen er gesprochen oder teilgenommen hat: die Bischofssynode etwa oder auch Konzerte.

Jede Begegnung war anders, denn er hat eine besondere Gabe, sich auf die Menschen und die Situation einzustellen. Als Journalistin beim Radio habe ich dann natürlich immer auch auf die Stimme gehört und quasi alle Reisen oder Ansprachen auf dem Kopfhörer mitverfolgt, um daraus dann Beiträge zu produzieren.

Wer sich mit Benedikt XVI. und seinem Denken beschäftigt, kann über den Rücktritt an sich nicht überrascht sein. Es war klar, dass ihm dieser Gedanke alles andere als fremd war, er hat mehrmals - auch als Kardinal gegenüber Radio Vatikan - von der Möglichkeit gesprochen. Der Schritt war letztendlich eine logische Konsequenz seines Pontifikats und absolut geradlinig. Überraschend und nach Außen völlig unbekannt war natürlich der Zeitpunkt.

Die letzte Audienz ist für mich kein Abschied, sondern eher das Miterleben und Mitgehen eines weiteren Schrittes in diesem Pontifikat. Auch für mein privates wie berufliches Leben waren das ja entscheidende Jahre, die ich hier eben vor Ort in Rom miterleben möchte.

Ein Abschied ist es auch schon deswegen nicht, weil Benedikt XVI. mit seinen tiefgehenden Enzykliken und mit seinem Rücktritt dieser Kirche eine ganze Reihe von Hausaufgaben hinterlassen hat und so immer präsent sein wird. Wie sehr, werden wir erst noch sehen.

Wer war dieser deutsche Papst für Sie?
Er war d e r herausragende Theologe. Und das ja nicht nur in acht Jahren als Papst. Joseph Ratzinger kam 1981 nach Rom und hat seither die katholische Kirche entscheidend geprägt. Johannes Paul II. hat daran in seiner Zeit als Papst nie einen Zweifel gelassen.

Dazu kommt sein Einfluss auf die Texte des II. Vatikanischen Konzils. Ich meine, dass das, was wir in Deutschland von der katholischen Kirche wissen oder zu wissen meinen, ganz wesentlich von ihm geprägt ist. Als Papst hat Benedikt XVI. dann, anstatt "oberster Glaubenshüter" zu sein, den Fokus auf Einheit und Gebet gelegt. Er war vielmehr "Glaubenserklärer".

Er wollte, dass sich die Christen auf ihre Herkunft besinnen und auf das, was sie ausmacht: die Liebe Gottes zur Welt; dass Gott selbst in Jesus einer von uns geworden ist. Bei einer Predigt in München 2006 hat Benedikt gesagt: "Wir können du zu ihm sagen, mit ihm reden. Er hört auf uns, und wenn wir aufmerksam sind, hören wir auch, daß er Antworten gibt."

Seine Person hat er dabei nie in den Vordergrund gestellt. Als Papst wollte er der Kirche, und damit auch den Menschen, dienen. Aus den persönlichen Begegnungen nehme ich seinen wachen, ruhigen, prüfenden und gleichzeitig gütigen Blick mit. Wenn Benedikt XVI. jetzt sagt, "Gott ruft mich auf den Berg zum Gebet", dann hat das etwas Prophetisches. Und ein Prophet ist immer ein Mann Gottes, einer, der Gott bei den Menschen ankündigen und bekannt machen soll.

Gibt es aus Ihrem Blickwinkel Dinge, die sich an der Kirche ändern sollten? Hat ein Papst Möglichkeiten dazu, etwas zu ändern? Immerhin stehen ihm ja die Kardinäle, wenn man so will, auf dem Fuß.

Geändert werden muss die Informationspolitik und die Medienarbeit. Entscheidungen des Papstes und der Kirche müssen anders erklärt werden, so dass es auch der theologisch nicht gebildete Journalist versteht und entsprechend weiter verbreiten kann. Die Vorbereitung auf das Konklave jetzt lässt in Rom davon schon etwas erahnen, es gibt täglich Pressekonferenzen im Vatikanischen Pressesaal.

Benedikt XVI. selbst hat zum Beispiel die vatikanische Pressearbeit zu den Gesprächen mit den Pius-Brüdern kritisiert. Im Nachhinein hätte er sich da mehr Erklärungen gewünscht. Twitter, Facebook, Youtube sind mit Sicherheit gute Kanäle, um Menschen heute zu erreichen. Doch müsste meiner Meinung nach Form und Sprache noch eher dem Medium angepasst werden. In zwei Zeilen oder 30 Sekunden muss ich die Dinge nun einmal eher auf den Punkt bringen, als in der Sonntagspredigt.

Ändern muss sich meiner Meinung nach auch das Verhältnis Ortskirche-Weltkirche. Ich sehe einen gewissen Egozentrismus der einzelnen Ortskirchen. Soll heißen: Was für uns in Deutschland wichtig ist, können Katholiken in Afrika oder Asien nicht nachvollziehen. Und umgekehrt. Für Menschen in Kriegsgebieten ist die Kirche oft die einzige Institution, die Hilfe anbietet. Gleichzeitig ist in vielen Regionen Afrikas und Lateinamerikas die Mitarbeit von Laien und der Besuch des Priesters nur alle paar Wochen ganz selbstverständlich; und Kirche ist dort trotzdem lebendig.

Der Papst steht nun einmal für die Weltkirche. Dass es schwierig ist, hier alle Glieder zusammenzubringen, ist völlig klar. Wir sehen doch, wie kompliziert, wenn nicht unmöglich, es ist, politisch und nur auf europäischer Ebene eine Einigung zu erzielen. Warum soll das in der Kirche anders sein. Noch dazu, wenn es um den ganzen Erdkreis geht. Auch hier ist Kommunikation und Information gefragt.

Der Papst kann selbstverständlich etwas verändern; Benedikt XVI. hat es ja gezeigt. Auch Johannes Paul II. - nicht zuletzt mit seinen Reisen in die ganze Welt hat er das Erscheinungsbild der Kirche verändert. Doch der Bischof von Rom ist sozusagen primus inter pares; Erster unter Gleichen. Deswegen ist dem Papst stets die Beratung des Bischofs- und Kardinalskollegium wichtig. Seine Entscheidungen trifft er auch auf Basis der Erfahrungen, die ihm aus der ganzen Welt zugetragen werden.

Papst Bendedikt hat durch seine Art aber letztlich auch durch seinen Rücktritt selbst - ein Schritt voll unfassbarer Freiheit und gleichzeitig enormer Demut - das Papstamt und damit die Kirche selbst verändert.

Und jetzt die Frage, die sicherlich viele Menschen bewegt: Wer könnte Nachfolger von Benedikt werden, ein Reformer oder ein Konservativer, ein Weißer oder ein Schwarzer? Und wie wichtig ist die Papstwahl für die Italiener...?
Für die Italiener ist die Papstwahl sehr wichtig. Dem politischen Italien kam die Rücktrittsmeldung und alle Aufregung, die nun folgt, sehr zu pass. So verschwinden die Skandale und Schwierigkeiten für ein paar Tage von Seite 1 der Zeitungen oder rutschen zumindest nach unten. Den Papst zu stellen, ist für die Italiener über Jahrhunderte selbstverständlich gewesen. Schon zwei Tage nach der Rücktrittsankündigung debattierte die wichtigste Talkshow des Landes über "Gibt es nach 35 Jahren wieder einen italienischen Papst?" Aber, wie gesagt, solche Debatten lenken wunderbar von den wirklichen, schwerwiegenden Problemen der Politiker und der Bevölkerung des Landes ab.

2005 sahen viele Joseph Ratzinger als den neuen Papst. Es war bekannt, dass er einer der engen Vertrauten von Johannes Paul II. war, und seine Predigt zur Beisetzung des Papstes hatte sehr bewegt. Jetzt wird kein Name besonders häufig genannt; es geht um einen Kreis von Kardinälen aus verschiedenen Kontinenten mit ganz unterschiedlichen Qualitäten. Ausgeschlossen ist, meine ich, keine Nation und kein Kontinent. Vor der Papstwahl treffen sich die Kardinäle ja schon über mehrere Tage hinweg, um über die Lage der Kirche zu debattieren.

Ich glaube, dass diese Versammlungen sehr entscheidend sein werden. Die Kardinäle, die nicht in den vatikanischen Behörden arbeiten, werden erst einmal mehr über die Ereignisse der letzten Monate wissen wollen. Dann wird man gemeinsam beraten, was die Kirche jetzt braucht.

Dass Benedikt XVI. sich zurückzieht, obwohl keiner seine theologische Brillianz anzweifelt, wird sicher die neue Wahl beeinflussen. Er hat ja quasi vorgegeben, dass es jemanden braucht, der geistig wie körperlich in der Lage ist, die Schwierigkeiten der Zeit zu meistern. Es braucht jemanden, der nicht nur eine Teilkirche kennt, sondern die schrumpfende Kirche in Europa genauso wie die aufblühende und wachsende in Asien. Jemanden mit Erfahrung und Mut, einen Kommunikator, der gleichzeitig Theologe und Krisenmanager ist. Menschlich im Grunde eine unlösbare Aufgabe. Wie gut, dass wir als Katholiken glauben, dass im Konklave der Heilige Geist wirkt.