"Was ist schlimmer als eine Blockflöte?" Ulrike Zeidler aus Ebern überlegt kurz. Seit vielen Jahren schon unterrichtet die Musikerin dieses Instrument an der örtlichen Musikschule. Die Antwort: "Sicherlich zwei Blockflöten." Ihr Sammelsurium an Flöten müsste da entsetzt losquietschen. Ulrike Zeidler lacht und verteidigt das Blockflötenspiel. Denn: "Von Nicht-Musikern wird die Blockflöte unterschätzt. Sie ist viel mehr als ein Kinderinstrument." Fernab von einem "Folterwerkzeug" erklingen auch aus der Blockflöte kunstvolle Töne.

"Tag der Blockflöte"

Am 10. Januar ist ein Ehrentag für die Blockflöte. Dieser Feiertag soll angeblich, darf man diversen Quellen glauben, 2007 durch die Community des Online-Portal Lizard Lounge ins Leben gerufen worden sein. Es gibt keine konkreten Hinweise auf Urheberschaft, noch eine Begründung für die Wahl des Datums. Im Landkreis Haßberge hat sich dieser "Feiertag" noch nicht wirklich herumgesprochen.

Ein Grund, dem Instrument mal hinter die Kulisse zu schauen und mit Missverständnissen zwischen Pusten, Spucken, Quietschen und Musik aufzuräumen.

Die Blockflöte ist mehr als ein Kinderinstrument; doch kommen in der Vorschule und Grundschule die meisten zum allerersten Mal mit ihr in Berührung. Dafür gibt es einige Gründe: "Es ist einfach ein kostengünstiges Instrument", informiert Fabian Usleber, Leiter der Musikschule Ebern. Kunststoffflöten mit einer guten Intonation, die auch für Kinder geeignet sind, können bereits für 20 Euro gekauft werden. "Leicht erreichbar für jeden", meint Ulrike Zeidler, sei mit eine Erklärung, warum die Sache mit der Blockflöte auch hin und wieder als "Breitensport" bezeichnet wird.

Rasche Erfolge

Wer in die Blockflöte reinpustet, hat relativ schnell Erfolg und dudelt die Tonleiter rauf und runter. Fast ein Kinderspiel. "Natürlich brauchen manche für einen guten Ansatz nur drei Stunden, andere sechs Wochen", weiß Ulrike Zeidler aus ihrer Lehrtätigkeit, "aber jeder kann recht schnell ein Liedchen spielen. Das ist doch, wenn man ein Instrument lernt, ein großes Erfolgserlebnis." Jüngere starten mit der Sopranflöte, für Erwachsene ist das Einsteigerinstrument die Tenor- oder die Altblockflöte. "Das tut dem Ohr einfach wohler", erklärt Ulrike Zeidler.

Aber egal ob die Flöte nur 16 Zentimeter oder doch 90 misst, "sie ist einfach sehr praktikabel und transportabel." Ein Instrument für alle Fälle eben.

Und für alle Tage. Denn so hört sich das in der Grundschule Untermerzbach an, wo die Musik einen hohen Stellenwert im Schulprofil hat, und die Flöte täglich ausgepackt wird. "Das liegt auch daran, dass die Lehrkräfte an unserer Schule Musik studiert haben", sagt die Lehrerin Anja Schmidt. Bei allen Erstklässlern befindet sich im Nikolaussäckchen eine Blockflöte. Dann wird bis zur vierten Klasse gepustet, was das Zeug hält. "Flötenhausaufgaben", merkt Anja Schmidt an, "sind gleichwertig" mit anderen Aufgaben, die die Kinder zuhause erledigen müssen. Die Blockflöte zählt also genauso viel wie Rechnen, Lesen und Schreiben.
mzt

Eine "Renaissance"

In Fachkreisen spricht man von einer "Renaissance", die die Blockflöte im 20. Jahrhundert erlebt hat: Sie wurde in der Pädagogik als Einsteigerinstrument in die Musik entdeckt. Schaut man sich heute in den Musikschulen im Landkreis Haßberge um, ist ihre Blütezeit jedoch längst vorbei. Bei Dreiklang in Haßfurt wird überhaupt kein Unterricht für Blockflöte angeboten. Ingrid Jäger hingegen, die beim Musikstudio der Stadt Zeil Blockflötenkurse anbietet, unterrichtet in diesem Jahr noch 15 Schüler. In der Musikschule in Ebern lernen derzeit sechs von knapp 180 Schülern das Holzblasinstrument. Die Zahlen sind bereits seit Jahren rückläufig.

"Es werden aktuell andere Formen des Musikeinstiegs in die Grundschulen getragen", formuliert Fabian Usleber und blickt damit nicht nur auf das Angebot der Bläserklasse. Dieser Einstieg in die Musik entspricht jedoch nicht der Struktur der Institution, in der er tätig ist: "An Musikschulen, die staatlich gefördert werden, ist eine musikalische Grundausbildung verpflichtend, bevor ein Instrument gelernt wird." Ingrid Jäger aus Zeil sieht die Ganztagsschule als Grund, warum ihr Unterrichtsangebot immer weniger genutzt wird. "Die Kinder haben viel weniger Zeit", meint die Musikerin. Zudem sind Klavier und Gitarre als Einstiegsinstrument auf dem Vormarsch.
Für Ulrike Zeidler sind nicht nur manche Blockflöten-Dissonanzen ein unangenehmer Ohrwurm, sondern auch die Meinung von einigen Eltern: "Nach der Blockflöte lernt das Kind dann ein "richtiges" Instrument." Blockflöten gibt es nicht nur aus Kunststoff, sondern auch aus Ahorn-, Birnen-, Oliven- und Rosenholz. 700 Euro kostete die teuerste Flöte, die Ulrike Zeidler sich bisher kaufte. Vom Hirteninstrument entwickelte sie sich im frühen Mittelalter zum Instrument der Gaukler und Spielmänner. Im 15. und 16. Jahrhundert hielt sie Einzug in Hof- und Adelskapellen. Johann Sebastian Bachs "Actus Dragicus" kann ohne einem Blockflötenduett überhaupt nicht auf die Bühne gebracht werden. Von wegen "Folterwerkzeug" und "Einsteigerinstrument" also: Der erste Ton ist zwar leicht gepustet, aber wer dran bleibt, der steht vor den gleichen Herausforderungen und Erfolgen wie bei jedem anderen Instrument.