Unter Prozessbeobachtern gilt die Amtsrichterin Ilona Conver als Person, die besonnen und geduldig abwägend möglichst vollständig aufklärt. Als jemand, dem so schnell nichts aus der Fassung bringt. Beim jüngsten Nachbarschaftsprozess am Amtsgericht in Haßfurt aber, der wegen einer angeblich schweren Körperverletzung angestrengt wurde, platzte ihr der Kragen: "Hier wird doch von allen Seiten gelogen, dass sich die Balken biegen! Man könnte alle miteinander in einen Sack stecken, gescheit draufhauen und würde keinen Falschen erwischen! Wir müssen uns hier stundenlang mit Ihrem Streit beschäftigen, weil Sie nicht in der Lage sind, sich wie vernünftige Menschen zu verhalten!"

In der Tat hätten die Szenen im Gerichtssaal in der Haßfurter Zwerchmaingasse über weite Strecken als Vorlage für das Königlich-Bayrische-Amtsgericht dienen können. Der Angeklagte, als selbstständiger Zimmermann in standesgemäßer Kluft seiner Zunft erschienen, bot mit Pferdezopf, Schnurrbart und Goldohrring fast schon ein bühnenreifes Bild. Zur Sache befragt, sprang er flugs von seinem Stuhl auf, fuchtelte theatralisch mit den Armen und demonstrierte mit ausgeprägter Gestik und Mimik vor der Richterbank das Geschehen - aus seiner Sicht, versteht sich.


Es fing ganz harmlos an

Im Kern ging es dabei um einen Nachbarschaftsstreit, der sich am 10. Oktober letzten Jahres, es war ein Samstag, in einem kleinen Dorf am Rande der Haßberge abgespielt hatte. Ein Arbeiter des Zimmerers stellte sein Auto kurz vor acht Uhr in der Früh vor dem Anwesen einer Nachbarin (60) ab. Da die Rentnerin an diesem Tag auf eine Lieferung Holz wartete, rannte sie gleich raus und wies den Fahrer an, das Fahrzeug woanders hin zu stellen. Der hatte damit kein Problem, startete den Wagen und fuhr etwa 30 Meter weiter. Doch dann wurde es heftig.

Nachvollziehen lässt sich das nur im Kontext einer langen Vorgeschichte. Seit etlichen Jahren machen sich der selbstständige Handwerker und die Nachbarin gegenseitig das Leben zur Hölle. Vor langer Zeit - als das Verhältnis noch nicht zerrüttet war - war die Frau sogar als Putzfrau für ihn tätig. Während er nun behauptet, dass sie "bei jeder Gelegenheit raus kommt und Terror macht", beklagt sie sich bitterlich, dass er ihr ständig übelste Schimpfwörter an den Kopf werfe. Damals im Oktober jedenfalls rumpelten beide wieder mal böse aneinander.
Die Beteiligten schilderten völlig unterschiedliche Versionen. Aus Sicht des Beklagten ging die Konfrontation von seiner Nachbarsfrau aus. "Wenn das Auto über der Bordsteinkante steht, zeige ich dich an!" habe sie gekeift.

Als sie ihn als "Verrückten" beschimpft habe und angriffslustig näher gekommen sei, habe er sie mit teilweise ausgezogenem Meterstab auf Distanz gehalten. Um sich die etwas korpulente Dame vom Leib zu halten, habe er ihr eine Ohrfeige gegeben, was seiner Meinung nach aber als "Befreiungs- und Abwehrschlag" zu werten sei.
Die Sichtweise des Opfers lautete zusammengefasst folgendermaßen: Der Angeschuldigte habe ihr wiederholt mit dem Maßstab auf den Kopf geschlagen, habe ihr eine Watsche auf die rechte Backe und mit der Faust aufs linke Ohr geschlagen. Dann habe er sie sogar von hinten geschubst, dass sie zu Boden fiel und habe mit seinen festen Arbeitsschuhen "mit voller Wucht gegen Hüfte, Schulter und Hals" getreten. Dabei habe er sie als "Schlampe und besoffenes Schwein" tituliert. Zwölf Wochen lang habe sie Schmerztabletten nehmen und wegen eines Kieferrisses sich zahnärztlich behandeln lassen müssen.


Maßlos übertrieben

Da die solcherart Traktierte sofort ihren Arzt aufsuchte, lag der Vorsitzenden Richterin das ärztliche Attest vor. Und dort hieß es sinngemäß: Keinerlei Schmerzen oder Beschwerden. Damit war klar, dass die Frau die Attacke des Handwerkers maßlos übertrieben und aufgebauscht hatte, indem sie sich als krankenhausreif geschlagenes Opfer beschrieb. Die Strafrichterin ermahnte die Zeugin und machte ihr klar, dass sie verpflichtet sei, die Wahrheit zu sagen.

Der Angeklagte wiederum konnte sich während der Aussage der Geschädigten nur mühsam beherrschen. Immer wieder schüttelte er heftig den Kopf, drohte mit ausgestrecktem Finger und kommentierte bissig das Gesagte. Auch ihn musste die Amtsrichterin tadeln und schließlich sogar ein Ordnungsgeld androhen.
Nachdem etliche Zeugen - die alle nicht als neutral gelten konnten - gehört waren, beantragte Ilker Özalp seitens der Staatsanwaltschaft für die zugegebene Schelle als Körperverletzung eine Geldstrafe von 40 Tagessätzen á 50 Euro, also insgesamt 2000 Euro. Rechtsanwalt Alexander Wessel, der die Nachbarin als Nebenklägerin vertrat, schloss sich diesem Antrag an. Verteidiger Hans Andree hingegen sprach von einem fast schon "kriminellen Belastungseifer" der Geschädigten und forderte Freispruch für seinen Mandanten. Mit gerade mal 20 Tagessätzen á 50 Euro lag der Richterspruch im unteren Bereich dessen, was bei einer Körperverletzung möglich ist. Die Kosten für den Anwalt der Nebenklage werden fifty-fifty aufgeteilt.