Wer am Wochenende wegen einer Extremsituation auf einen Notarzt angewiesen ist, dem dürfte es gleichgültig sein, wo der herkommt. Hauptsache Hilfe naht und zwar schnell. Auf jeden Fall handelt es sich im Eberner Raum nicht um ein bekanntes Gesicht oder einen bekannten Namen.

Am Wochenende hat der zuständige Obmann, Dr. Ingo Schmidt-Hammer aus Pfarrweisach, die Notarztgruppe Ebern bei der kassenärztlichen Vereinigung (KVB) wieder einmal abgemeldet, weil er und seine Kollegen nicht zur Verfügung stehen. Eine Versorgung im Notfall ist aber dennoch gesichert, wie die KVB-Sprecherin Kirsten Warweg aus München und der Leiter der integrierten Leiststelle in Schweinfurt, Thomas Schlereth, unserer Zeitung gegenüber versicherten.

Hilfe aus der Luft

Schlereth verweist auf die Übernahme von Einsätzen durch Notärzte aus den Nachbarstandorten, wie Hofheim oder Haßfurt.
Auch der Einsatz von Rettungshubschraubern stelle eine Maßnahme dar, um eine adäquate Versorgung zu gewährleisten. "Wir schöpfen alle unsere Möglichkeiten aus", versichert Schlereth. So könne es durchaus vorkommen, dass ein Hubschrauber aus Hessen, der gerade am Rhön-Klinikum in Bad Neustadt gewesen und nun frei sei, zum Einsatz in den Raum Ebern dirigiert werde, da er dort innerhalb von zehn Minuten eintreffe. Solche Fälle habe es schon gegeben. Im Zeitraum von Mai bis Juli kam es im Bereich Ebern zu 135 Notarzteinsätzen mit Fahrzeugen und vier mit Helikoptern, deren sofortiger Einsatz aufgrund des Meldebildes indiziert gewesen sei, so Schlereth.

Seitens der KVB werden solche unbesetzten Wochenenden "ausgeschrieben": "Wenn der Dienstplan vom Dienstgruppensprecher mit Lücken eingereicht wird, werden die offenen Dienste per E-Mail-Verteiler an rund 100 Notärzte gemeldet ("Springer-Pool")", informiert KVB-Sprecherin Warweg. Aber diese "Springer" zieht es kaum nach Ebern.

Die Gründe kennt die Leitende Notärztin Dr. Leonore Jahn aus Maroldsweisach, die immer weder zu Einsätzen auch im Raum Ebern gerufen wird. Sie hat derzeit zwar Praxisurlaub, war - weil sie im Lande ist - während der ersten Urlaubswoche aber zwölf Mal im Einsatz, darunter auch zwei Mal in Ebern: Einmal wegen einer akuten Vergiftung, einmal wegen einer Verlegung von der Haßbergklinik in eine Spezialklinik, da die Ärzte am Krankenhaus anderweitig beschäftigt waren.

Das rechnet sich nicht

Es geht ums Geld. "Solche kleinen Standorte wie Ebern mit vergleichsweise geringen Einsatzzahlen rechnen sich nicht für Kollegen von auswärts", die zumeist in wenig komfortablen Quartieren rund um die Uhr der Dinge harren, die sich dann - glücklicherweise - kaum ereignen, meint Jahn.

Die Ärztin mit Praxis in Maroldsweisach kennt solche Gegebenheiten aus Bad Königshofen, wo die Situation noch schlimmer ist als in Ebern, da "kein Bad, keine Kochstellen oder Internetzugang zur Verfügung stehen". Dr. Jahn: "Im Schnitt kommt man dort auf 1,5 Einsätze in 24 Stunden und kriegt 320 Euro brutto am Tag." In Ebern liege der Durchschnitt bei zwei Einsätzen in 24 Stunden.

Und solche Notarzteinsätze seien meist "hochsensible Sachen und teil sehr emotional, wenn beispielsweise Kinder beteiligt sind". Hinzu komme das erhöhte Risiko bei der eiligen Anfahrt, so Jahn.

Aber die werde in etlichen Fällen gar nicht honoriert. Beispielsweise, wenn das Opfer noch am Unfallort verstirbt oder sich eine Verletzung als nicht so gravierend herausstellt, wie es am Telefon noch geschildert worden war.
Schuld daran ist ein bürokratisches Monstrum, das im bayerischen Rettungsdienstgesetz verankert wurde und sich ZAST-Abrechnung schimpft. Dabei handelt es sich um eine Zentrale Abrechnungsstelle (ZAST), die über ein Computermodul die Einsätze von Notarzt und Rettungstransporten vergleicht. Soll heißen: Wird der Sani nicht (mehr) benötigt, bekommt der Notarzt für diesen Einsatz auch kein Geld, obwohl er vor Ort gewesen ist.

Zudem behält die kassenärztlichen Vereinigung - auf Druck der Krankenkassen und aufgrund in der Vergangenheit entstandener Finanzlöcher - noch 25 Prozent der berechtigten Honorare zurück. Leonore Jahn: "Da heißt es aus dem Ministerium in München, eine Einigung ist für 2013 erzielt worden, aber keiner sagt, wann die offenen Posten beglichen werden. Mir fehlen seit November letzten Jahres mehrere tausend Euro und bei der letzten Abrechnung war nichts zu finden."

Dabei kennt sie es ganz anders: "Wir haben ja auch eine Zweigstelle der Praxis in Hellingen, und dort habe ich Notarzteinsätze anstelle von Notfalldiensten." Dort komme es zu durchschnittlich vier Einsätzen in 24 Stunden und die kassenärztliche Vereinigung Thüringen übernehme anstands- und problemlos 728 Euro am Tag.

Ein riesiges Gebiet

Die Ärztin aus Maroldsweisach hält es für ein "Riesenproblem, das große Gebiet abzudecken", das immer größer werde, da die hausärztliche Versorgung am Abend und in der Nacht nicht mehr so gewährleistet sei. Eine Erfahrung, die auch die eigene Praxis belastet: "Unsere Praxis läuft gut, aber was denken die Patienten, wenn man Hals über Kopf zum Noteinsatz davon eilt und sie am Abend wieder kommen sollen?" Gleichzeitig dürfe sie dann noch ihrem zustehenden Geld hinterher rennen .

"Früher hatte ich zwei bis drei Einsätze in der Woche, jetzt jeden Tag mindestens einen." So sei sie über Pfingsten für einen Bereich zwischen Großeibstadt bis Kaltenbrunn eingeteilt gewesen. "Das funktioniert nicht mehr flächendeckend, da gibt es immer wieder weiße Flecken."

Eine leichte Entspannung erhofft sich Dr. Leonore Jahn von der Jahreswende, da eine neue Kollegin bei ihr in die Praxis einsteigt, die auch als Notärztin ausgebildet ist.

Dann hat Thomas Schlereth von der Integrierten Rettungsstelle für die Alarmierung zwei Alternativen im Außen-Notarzt-Standort Maroldsweisach, der wegen des Zeitvorteils immer wieder auch in den Bereich Ebern gerufen werden wird.

Schlereths Personal stellte Leonore Jahn im Übrigen ein besonderes Attest aus: "Absolut kompetent, zuverlässig, sehr persönlich und freundlich." Und auch Bürgermeister Wilhelm Schneider (CSU) bezieht sie in ihr Lob ein: Er setzt sich immer wieder für unsere Praxis ein und nutzt auch seine Kontakte zu Staatssekretär Gerhard Eck, um unsere Notarzt-Probleme vorzutragen. "