"Bei der CSU in Haßfurt geht's ja eh turbulent zu. Weiß der Geier, was da wieder los war!" So spontan die Reaktion eines alterfahrenen CSU-Politikers aus dem Landkreis Haßberge heraussprudelt, so zutreffend ist sie in ihrem Doppelsinn. Hohe Wellen schlägt der überraschende Frontenwechsel des Haßfurter CSU-Urgesteins Norbert Geier. Der langjährige Fraktionsvorsitzende seiner Partei im Haßfurter Stadtrat und frischgewählte Zweite Bürgermeister verlässt die "Schwarzen" und wechselt zur Fraktion der Wählergemeinschaft (WG) Haßfurt. Auch dem CSU-Ortsverband gehört er nicht mehr an.

Das Stühlerücken beginnt

Die Neuigkeit ploppte zunächst auf der Tagesordnung für die Stadtratssitzung am Donnerstag, 12. November, auf, wo das Stühlerücken bereits vollzogen werden soll.

Inzwischen hat der 64-jährige Geier die Nachricht auch per Facebook-Botschaft und in einer E-Mail an die FT-Redaktion bestätigt. Dort erklärt er seinen Schritt mit einer Zerrüttung in der eigenen Fraktion. Nähere Details nennt Norbert Geier nicht. Er werde "Grenzen der Vertraulichkeit einhalten", lässt der Sparkassenbetriebswirt im Ruhestand wissen. Am Telefon sagt er: "Ich halte nichts davon, öffentlich Dreckwäsche zu waschen."

Offene Grabenkämpfe

Dreckwäsche also!? Bei den Christsozialen in Haßfurt knirscht es seit geraumer Zeit. Verwunderung hatte in der Stadt ausgelöst, dass nicht Volker Ortloff, unterlegener Kandidat der CSU im Ringen ums Rathaus, sondern Geier zum Bürgermeister-Stellvertreter gewählt wurde. Einerseits sicher eine Verbeugung vor dem verdienten Parteimitglied und Fraktionssprecher, der laut FT-Informationen auf den Stellvertreter-Posten pochte. Andererseits aber wäre eher zu erwarten gewesen, dass die CSU den jüngeren Stadtrat mit Ambitionen und Zukunftsperspektive in Position gebracht hätte, um Günther Werner nach der nächsten Kommunalwahl zu beerben.

So wurde unter der Hand gemunkelt, Geier wolle sein Bürgermeisteramt nur für die Hälfte der Wahlperiode bekleiden, mit 67 abtreten, um seinem Favoriten Michael Schlegelmilch Platz zu machen. Geier hat dies stets dementiert.

Richtig deutlich zeigten sich die Verwerfungen im August, als der neue Fraktionschef Ortloff durch einen sprachlich missverständlichen Facebook-Post Aufsehen erregte. Noch ehe Ortloff damals Hintergründe klarstellen konnte, hatten sich sowohl Ortsverbandsvorsitzende Claudia Glückert als auch der Zweite Bürgermeister von ihrem Fraktionskollegen distanziert.

Vergebliche Versuche

Der Riss ging offenbar tiefer, als dies nach außen drang, so tief, dass für Geier "der Wechsel jetzt nötig wurde". Seit der Neuwahl 2020, so erklärt er, "hat sich die Zusammenarbeit und Kommunikation mit einigen Mitgliedern der Fraktion nicht so entwickelt, wie ich es mir gewünscht hätte". In den vergangenen 18 Jahren, so lange sitzt er im Gremium, habe es in der CSU-Fraktion keine unüberbrückbaren Probleme gegeben. Dies habe sich seit dem Frühjahr geändert. Wiederholt sei der Versuch, klärende Gespräche zu führen, gescheitert.

Nun der Schnitt. "Der Schritt fällt mir nach knapp zwei Jahrzehnten als CSU-Stadtrat nicht leicht, da es in der Fraktion einige Personen gibt, mit denen ich gerne für die Stadt und zu guter Letzt auch für die CSU gearbeitet habe", sagt Geier.

Stimmenverluste

Die Kommunalwahl im März hatte die CSU zwei ihrer neun Stadtratsmandate gekostet. Mit nur noch sieben Sitzen wurde sie erstmals von der Wählergemeinschaft, der Gruppierung des Bürgermeisters Günther Werner (acht statt bislang sechs Mandate), übertrumpft. Mit Geiers Wechsel gewinnt die WG weiter an Gewicht.

Ans Aufhören denkt Geier nicht: "Meine Ämter als Stadtrat und Zweiter Bürgermeister werde ich auch nach dem Ausscheiden aus der CSU-Fraktion weiterhin nach bestem Wissen und Gewissen ausüben." Die Kommunalwahl sei eine Persönlichkeitswahl und im Stadtrat vertrete er nicht nur seine Wähler in der Stadt, sondern auch in den Ortsteilen. 2660 Wählerstimmen und eine deutliche Mehrheit im Stadtrat (18 von 25 möglichen Stimmen bei der Wahl zum Zweiten Bürgermeister) sprächen für sich und hätten nicht dem CSU-Mann, sondern der Person gegolten, ist sich der 64-Jährige sicher. "Die Leute vertrauen mir und wissen, wie ich ticke. Ich kann und werde sie nicht enttäuschen."

Enttäuscht und traurig

Unverständnis äußert Volker Ortloff. Er sei enttäuscht und traurig. Der Neu-Stadtrat vergleicht die Situation mit einer zerrütteten Ehe, findet aber, Geier handle voreilig, wenn er bereits nach fünf Monaten, drei Stadtrats- und wenigen Fraktionssitzungen (erschwert durch Corona-Bedingungen) die Reißleine ziehe. Bei vier etablierten und drei neuen Mitgliedern sei es selbstverständlich, dass sich eine Fraktion erst zusammenraufen müsse. Er - Ortloff - sehe seine Aufgabe als Sprecher darin, alle einzubeziehen und zu vermitteln: "Da widerspricht man eben auch mal einem Norbert Geier." Man könne sich die Mitglieder in einem gewählten Gremium nicht aussuchen: "Du kannst immer nur mit denen tanzen, die auch im Saal sind."

"Dünne Argumentation"

Für ihn hinterlasse Geiers Austritt und die "dürftige Argumentation" mehr Fragezeichen als Klarheit. Letztlich hofft der Berufssoldat, dass in die CSU-Fraktion Ruhe einkehrt, um vernünftig Stadtpolitik machen zu können: "Lieber zu sechst an einem Strang ziehen, als zu siebt in verschiedene Richtungen." Man müsse sehen, wie sich die Sitzverteilung in den Ausschüssen des Stadtrats ändert.

Menschlich zutiefst enttäuscht zeigt sich Geiers Fraktionskollegin Claudia Glückert, Vorsitzende des CSU-Ortsverbands.

Wertvolles Mitglied

Sie habe sich mit Norbert Geier stets sehr gut verstanden und ihn als erfahrenen Kollegen um Rat fragen können. Als Neuling im Gremium schaue sie sich die Dinge erst mal an, wolle nicht ,hauruck‘ alles ändern und orientiere sich an der Erfahrung anderer. Umso trauriger sei sie nun, einen geschätzten Fraktions- und Parteikollegen zu verlieren. "Er war ein wertvolles aktives Mitglied. Das tut weh." Die Geschäftsfrau berichtet von etlichen Gesprächen im engeren CSU-Vorstand und in der Fraktion, in denen man versucht habe zu moderieren und Geier gebeten habe, seinen intern schon länger angekündigten Schritt zu überdenken. Vergebens.

Warum es so weit kommen musste? Claudia Glückert überlegt. Dann, vielsagend: "Was soll ich jetzt sagen? - Männer!"