Die Wachstums-Phasen eines Prachtbaumes von 150 Jahren auf vier Stunden komprimiert. Diesen Schnelldurchlauf absolvierten Mitglieder des Stadtrats in einem Parforceritt am Freitagnachmittag, der sich im Amtsjargon Waldgang nennt. Dabei entdeckt wurde auch eine kleinen Sensation: ein mächtiger Zwillingsbaum, der nun beim der Naturschutzbehörde am Landratsamt als Naturdenkmal angemeldet werden soll.

Doch die Zeitreise war mit 150 Jahren noch lange nicht am Ende. Einen Abstecher in die Evolution unternahm der Leiter des Amtes für Landwirtschaft und Forsten, Franz Eder, gar, als er die Verwendung heimischen Saatgutes pries, weil sich dessen genetische Information den jeweiligen Klimaänderungen in einer Region.anpasst.


Aus diesem Grund gab es fast nur positive Einschätzungen zur Erstaufforderung der Löhr'schen Stiftung nahe
dem Weißfichtensee, wo Eicheln aus heimischen Wälder gesät sowie Bergahorn und Winterlinden als "dienende Baumart" auf fünf Hektar gesetzt wurden. 18 000 Pflanzen insgesamt.

Bei Gesamtkosten von 19 450 Euro bleiben nach Abzug der Förderung 5705 Euro an der Stadt "hängen". "Eine gute Investition in die Zukunft", wie Revierbetreuer Wolfgang Gnannt fand. Dies geschah, wie Bürgermeister Robert Herrmann rekapitulierte nach Jahren und Widerständen von Landwirten und Jägerschaft, die auch Josef Steinmetz nochmals nachdrücklich vortrug, da durch die großen eingezäunten Flächen, der Wildwechsel beeinflusst wird.

Spannende Erstaufforstung

Von großem Vorteil für die Pflanzaktion war die lange Regenperiode im Frühjahr. So fand es Gnannt "spannend", was neben den zusätzlich noch gepflanzten Baumarten wie Kirsche, Esskastanie, Trauben-Eiche und Elsbeere an Kiefern und Lärchen noch alles "kommt".

Mit dem ersten Pflegedurchgang bei den Schattbaumarten rechnet Gnannt in 15 Jahren, da er nicht mehr im Dienst sein dürfte. Stadtrat Oliver Kröner (EAL), im Hauptberuf Forstdirektor in Lichtenfels, erwartet in diesem Zeitraum auch die erste Nutzung für Brennholz.

Länger dürfte sich der Aufwuchs der Eichelsaat hinziehen, wo 15 Zentner auf einem Hektar verteilt wurden, die zum Teil aber auch erfroren sind, jetzt "aber ziemlich einheitlich auflaufen", wie Forstamtsleiter Eder befand.

Die nächste "Altersstufe" einer Waldabteilung präsentierte Gnannt der Stadtrats-Delegation im Distrikt "Lerchenstrich", nahe Fierst, wo 1997/98 eine Erstaufforstung erfolgte und sich mittlerweile die Z-Bäume herauskristallisieren. Diese Bäume mit Zukunft, meist Bergahorn, werden von störenden Nachbarn, den Verdrängern, befreit. Gnannt: "Wir suchen raus, wer vom Habitus her, ein guter Kandidat für die Zukunft ist. Der Konkurrent, der ihm an den Pelz bzw. die Krone geht, wird umgemacht. Das ist Profi-Arbeit für einen zertifizierten Holzfachwirt."

Wert auf Qualität gelegt

Ziel sei es, astfreies Holz zu bekommen. "Wir brauchen Qualität, kein Brennholz, das kriegen wir sowieso", meinte Gnannt und sein Chef fügte an: "Da werden Entscheidungen getroffen, die sich in 100 Jahren auswirken", so Franz Eder.

Einen kürzeren Zeitraum zurück liegt der Sturm vom 30. Juni letzten Jahres. Eine drei Hektar große Windwurf-Fläche bei Fierst wurde "so schnell wie möglich rausgemacht und wieder bepflanzt, damit die Konkurrenz-Flora keine Chance hat", wie Gnannt vor Augen führte. Dabei handelt es sich um einen rutschenden Hang, wo versucht wird, durch andere Baumart-Mischungen mehr Stabilität zu erreichen. "Der Hangrutsch hat damals für große Aufregung gesorgt", erinnerte sich Altbürgermeister Rolf Feulner, weswegen sogar das Bergamt aktiv wurde. "Seither hat man aber nicht mehr gehört", erklärte Feulners Nachfolger Robert Herrmann auf Nachfrage.

Die nächste Stufe eines Waldbildes demonstrierte Gnannt im Heubacher Wald, wo bereits die zweite Durchforstung erfolgte, damit die Z-Bäume mit Licht umflutet und stärker werden. Dabei zeigte der Förster auch den ehemaligen Schuttplatz von Heubach, wo man auf einen alten VW Käfer - ohne EBN-Kennzeichen- gestoßen sei. Ähnliche Schuttplätze gebe es noch in den Wäldern von Siegelfeld, Kurzewind und Eichelberg, was Bürgermeister Herrmann zu einem Stoßseufzer vernlasste: "Was man nicht alles machen könnt', 100 Leute wären Tag und Nacht beschäftigt."

Kapriole der Natur

Und letztlich stand die Stadtrats-Delegation ungläubig vor einem Zwillingsbaum, der im Heubacher Wald machtvoll auf eine Höhe von über 30 Meter anwuchs. "Eine Ei-Bu", wie Revierförster Wolfgang Gnannt seine Entdeckung liebevoll taufte. Weder Altbürgermeister Feulner noch sein Nachfolger hatten je von dieser Kapriole der Natur gehört, da zwei mächtige, unterschiedliche Bäume aus einer gemeinsamen Wurzel entsprangen. "Das ist ein Naturdenkmal, das müssen wir dem Landratsamt melden", staunte auch Oliver Kröner.

Diskutiert wurde noch die Notwendigkeit einer erneuten Waldinventur, da die letzte Erhebung nunmehr zehn Jahre zurückliegt. Die bisherige Forsteinrichtung hatte einen Einschlag von 4,4 Festmeter je Hektar vorgegeben. "Das war sehr zurückhaltend eingeschätzt", urteilte Franz Eder. Das Einschlags-Soll lag für zehn Jahre bei 56 000 Festmetern, tatsächlich wurden aber 76 000 Festmeter umgemacht, was auch auf Orkanschäden und die Vergrößerung durch den Bundeswehrwald zurück zu führen sei.

Für die nächste Waldinventur schlug Eder ein neues, aufwendigeres Verfahren vor, bei dem an 600 Punkten regelmäßig Stichproben erfolgen, wobei unterschiedliche Parameter aufgenommen werden. Dieses Verfahren findet unter der Regie der Forstverwaltung statt und kostet die Stadt 44 000 Euro.

Diese "permanente Stichproben-Inventur" soll der Stadtrat noch in diesem Jahr beschließen, denn "unsere Nachfolger sind uns bestimmt dankbar, wenn die Maßnahme schon angelaufen ist. Das ist auch Nachhaltigkeit", befand der Bürgermeister, der das Konzeptes des Waldganges lobte: "Es war sehr interessant, die drei Stufen von Bearbeitungszeiträumen zu erleben". "Die nächsten 150 Jahre werden zeigen, was draus wird", resümierte Franz Eder. Es habe sich jedenfalls gezeigt, dass es auf Kontinuität bei der Waldpflege ankomme.