Nach den ersten Zügen hat Jonas* Todesangst. Einfach nur eklig fühlt es sich an. "Ich dachte, ich muss gleich sterben." Trotzdem macht er weiter, der Gruppenzwang überwältigt ihn. Und mit der Zeit setzt langsam die Wirkung ein, nach der er sich gesehnt hatte: abschalten, einfach chillen. Doch was mit einem gemeinsamen Joint unter Freunden beginnt, führt für Jonas in eine fünfjährige Abwärtsspirale und Cannabis-Sucht.

Anfangs habe er gar nicht mitmachen wollen, erinnert sich Jonas. Doch als seine Freunde untereinander wieder mal einen Joint herumreichen, zieht er schließlich auch daran. Es dauert eine Weile, bis der anfängliche Ekel und die Panikattacken der Entspannung weichen. "Dann hat es so gewirkt, dass ich glücklich war. Und ab diesem Zeitpunkt habe ich es öfter gemacht." Da war Jonas 14 Jahre alt.

Schlechter Einfluss von falschen Freunden

Als er den Freundeskreis wechselt, wird der schlechte Einfluss größer und sein Drogenkonsum intensiver. "In einer Woche habe ich schon mal 30 Gramm weggeraucht. Sonst waren es eher zehn oder 20", erzählt der heute 19-Jährige über seine schlimmsten Phasen. Pro Tag gerechnet verbraucht er damals bis zu vier Gramm, zwischen 300 und 400 Euro gibt er teilweise im Monat für Cannabis aus. Den Stoff bekommt er von Bekannten. Es spreche sich eben herum, bei wem es etwas zu kaufen gibt.

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Doch seine Sucht belastetet ihn nicht nur finanziell: "Ich habe damit nur Probleme nach Hause gebracht", sagt Jonas leise. Als er seiner Mutter das regelmäßige Kiffen beichtet, fällt deren Reaktion zunächst überraschend gelassen aus. "In der Anfangszeit hatte sie nichts dagegen", erzählt Jonas. Rückblickend wünsche er sich, dass seine Mutter damals strenger durchgegriffen hätte. "Wenn sie gesagt hätte, dass ich es nicht machen soll, hätte ich wahrscheinlich nicht so viel geraucht. Und nicht von früh bis abends."

In der Schule fällt es Jonas zunehmend schwer, sich zu konzentrieren. Seine Sucht zwingt ihn schließlich dazu, vorzeitig abzubrechen. Ein erneuter Anlauf scheitert später ebenfalls ohne Abschluss. "Ich wurde dadurch völlig vergesslich. So viele Sachen sind mir einfach egal gewesen", gibt der 19-Jährige zu. "Diese Vergesslichkeit regt mich auf." Mit dem Kiffen aufzuhören, ist trotz der schädlichen Nebenwirkungen lange Zeit keine Option für ihn. "Ich habe es mal versucht, aber nicht richtig gewollt. Ich dachte mir immer: Weshalb soll ich denn aufhören?", sagt er ganz offen. "Aber jetzt habe ich einen Grund."

Clean werden mit Zeitlimit

Seit rund einem Jahr besucht Jonas die Jugendsuchtberatung der Caritas. Sozialarbeiterin Dorothea Walter weiß, wie viel von der Willensstärke ihres Klienten abhängt - denn den regelmäßigen Treffen geht ein Urteil des Jugendgerichts voraus. "Er hatte die Auflage, hier Gespräche wahrzunehmen und hat sich danach entschieden, auch weiterhin zu kommen", erklärt Walter. "Es hat seitdem immer gewechselt zwischen Auflagen vom Gericht und Freiwilligkeit."

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Doch die aktuelle Auflage hat es in sich: Neben der Suchtberatung muss Jonas Sozialstunden leisten. Zudem wurde ihm eine Deadline gesetzt, um clean zu werden. Sollten seine Drogentests im Oktober jedoch positiv ausfallen, drohen ihm vier Wochen Jugendarrest. "Wenn er das nicht schafft und bei den Drogen-Screenings im Herbst noch etwas nachweisbar ist, hat er seine Chance vertan", bringt es Walter auf den Punkt.

Verantwortung als großer Bruder

Jonas' Erfolg oder Scheitern betrifft nicht nur sein eigenes Leben: Seine Mutter arbeitet im Schichtdienst hauptsächlich nachts. Mittlerweile hat sich der Familienalltag so eingespielt, dass Jonas in dieser Zeit auf seinen kleinen Bruder aufpasst, der noch zur Grundschule geht. "Wenn er aber im Jugendarrest oder sogar Jugendgefängnis ist, sieht seine Mutter Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Betreuung und Arbeit", gibt Walter zu bedenken.

Doch die Chancen auf ein negatives Testergebnis stehen gut: Seit rund vier Wochen hat Jonas keinen Joint mehr angerührt. Die Gespräche mit Dorothea Walter hatten einen entscheidenden Anteil daran. "Die Lust am Kiffen ist seitdem einfach verschwunden", sagt der 19-Jährige.

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Um die Weihnachtszeit habe die Suchtberaterin eine deutliche Veränderung bei ihrem Klienten bemerkt: "Ich kann es nicht an einem bestimmten Punkt festmachen, aber da muss irgendetwas bei ihm passiert sein, sodass ein Schalter umgelegt wurde." Jonas habe von sich aus immer wieder betont, kein Verlangen mehr nach der Droge zu haben. "Dann haben wir geschaut, wie viele Tage er am Stück durchhält. Das war der erste Schritt", beschreibt Walter.

Ein Körper auf Entzug

Während der Entwöhnungsphase wurde Jonas von heftigen Entzugserscheinungen geplagt, schwitzte nächtelang und hatte Schwindelanfälle. Mittlerweile geht es ihm körperlich wieder besser. Auch seine Motivation ist zurückgekehrt: Beim Jobcenter holt er sich regelmäßig Tipps zu Stellenangeboten ein, seine Mutter wird in die Beratungsgespräche einbezogen und in seiner Heimatgemeinde hat der 19-Jährige über die Kirche neuen Anschluss gefunden. Zu seinem früheren Freundeskreis hat er mittlerweile keinen Kontakt mehr - wenn auch nicht ganz freiwillig. "Sie haben sich eher von mir getrennt. Es ist aber nicht schlimm, dass sie weg sind."

Aktuell drehen sich die Gespräche in der Suchtberatung vor allem darum, wie Jonas weiterhin clean bleiben und seine Drogentests im Herbst bestehen kann. Seinen Führerschein zu machen und eine Ausbildungsstelle im Kfz-Bereich zu finden, steht ebenfalls auf seiner To-do-Liste.

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Doch nicht jedem Abhängigen gelinge der Entzug so abrupt wie Jonas. Rückschläge gehören zum Krankheitsbild eines Suchterkrankten dazu, erklärt Walter. "Das ist kein Drama. Wichtig ist nur, dass man darüber spricht." Bei Jonas überwiegt mittlerweile die Zuversicht, auf dem richtigen Weg zu sein: "Ich kann mir gar nicht vorstellen, noch mal einen Joint zu rauchen." *Name von der Redaktion geändert.

~25 Klienten kommen zurzeit regelmäßig zur Jugendsuchtberatung des Caritasverbands Haßberge. Die Altersspanne umfasst Suchtkranke zwischen 13 und 20 Jahren.

230 Rauschgiftdelikte hat die Haßfurter Polizei 2019 erfasst. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um 23 Prozent. Mit 53,6 Prozent macht die Gruppe der Erwachsenen ab 21 Jahren den Großteil der Tatverdächtigen aus.

109 Fälle von Rauschgiftdelikten wurden 2019 im Haßfurter Dienstbereich registriert, bei denen Cannabis eine Rolle spielte. Amphetamine wurden in 20 Fällen beschlagnahmt, Methamphetamine nur fünf Mal.

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Kontrollen Unterfranken verzeichnet seit einigen Jahren einen starken Anstieg an konsumnahen Delikten, zu denen der Erwerb, Besitz, die Abgabe sowie die Herstellung von Betäubungsmitteln zählen. Laut Daniel Seeburg, Dienststellenleiter der Haßfurter Polizei, liegt dies unter anderem an den polizeilichen Kontrollen, die stetig intensiviert werden. "Es muss jedem, der mit Rauschgift zu tun hat, klar sein, dass er sich im Bereich von Straftaten bewegt und hierfür auch zur Rechenschaft gezogen werden kann", macht Seeburg deutlich. Er könne bei Kontrollen auf das hohe Fachwissen seiner Kollegen vertrauen, die beispielsweise im Verkehrsbereich schnell erkennen, ob ein Fahrer Betäubungsmittel konsumiert hat. "In Unterfranken werden viele Fortbildungsmöglichkeiten in diesem Bereich angeboten, was sich in den Kontrollergebnissen widerspiegelt."

Zugang Dass Cannabisverstöße den Großteil der Rauschgiftdelikte ausmachen, liege auch an der deutlich besseren Verfügbarkeit der Droge, die beispielsweise übers Darknet oder Soziale Medien erworben wird. "Ich glaube, es war noch nie so leicht, ohne großen Aufwand an Betäubungsmittel oder das Wissen über Zugangsquellen zu gelangen", sagt Seeburg. Speziell bei Cannabis sei das fehlende Unrechtsbewusstsein besorgniserregend. "Auch Cannabis ist keine harmlose Droge, sondern speziell bei Jugendlichen eine Droge, die die körperlichen, psychischen und psychosozialen Risikofaktoren deutlich erhöht."

Konsequenzen Die Polizei unterscheidet bei Rauschgiftdelikten zwischen allgemeinen Verstößen (Erwerb, Besitz, Abgabe), illegalem Handel, illegaler Einfuhr und sonstigen Verstößen. Die rechtlichen Konsequenzen hängen von der Art und Menge der Drogen, der kriminalpolizeilichen Vorgeschichte der Beteiligten und der Einschätzung der Staatsanwaltschaft ab. Das Auffinden von Drogen kann eine Blutprobe, aber auch Wohnungsdurchsuchungen oder vorläufige Festnahmen zur Folge haben.

Prävention Die Haßfurter Polizei beteiligt sich neben dem Projekt "Flashback", das zur Drogenprävention an Schulen dient, mit der Caritas-Suchtberatung am Programm "FreD" (Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten). Die Präventions- und Schulverbindungsbeamten halten auch Einzelvorträge zum Thema.

Hilfe Die Jugendsuchtberatung wird von Aktion Mensch und der Caritasstiftung der Diözese Würzburg gefördert. Sie hilft Suchtkranken, die abhängig von Alkohol, Drogen oder Glücksspiel sind. Weitere Jugendsuchtberatungsstellen gibt es frankenweit in Würzburg und Nürnberg. Freunde und Familienmitglieder von Suchtkranken können die Angehörigenberatung nutzen. Für erwachsene Betroffene bietet die Caritas eine separate Suchtberatung an. Mehr Infos gibt es unter 09521/926-563, per Mail an jugendsuchtberatung@caritas-hassberge.de oder unter www.caritas-hassberge.de.