Es gibt wohl nichts Schlimmeres, als wenn Eltern ein Kind verlieren. Warum ein Kind stirbt, ob durch Krankheit, einer Straftat oder durch einen Verkehrsunfall, wird dabei letztlich keinen großen Unterschied machen. Mit einem schweren Schicksalsschlag müssen Diana und Enrico Mußbach aus Prappach fertig werden. Ihr Sohn Joshua wurde vor zwei Jahren von einem Auto überrollt. Er starb zwei Tage nach dem Unfall und wenige Tage vor seinem vierten Geburtstag. Am 27. September jährt sich der Todestag von "Joschi", wie das Ehepaar seinen Sohn liebevoll nennt, zum zweiten Mal.


Reden als Therapie

"Ja, wir sind bereit, darüber zu sprechen, unsere Therapeuten haben uns geraten, viel darüber zu reden", sagt Diana Mußbach. Dass manche Leute dies nicht verstehen, ist beiden egal. Ihr Leben hat sich seit dem Unfalltod ihres Joschi grundlegend verändert. "Vieles ist uns nicht mehr so wichtig wie vorher, über manches, worüber sich Menschen aufregen, können wir nur lächeln", sagt die heute 38-jährige Hotelfachfrau, die den Haushalt für ihren Mann und ihre beiden Kinder Antonia-Viktoria, acht Jahre und Henry, ein Jahr, führt.
Mit Henry war Diana schwanger, als der schreckliche Unfall vor ihrer Haustüre passierte. Beide Mußbachs erinnern sich daran, als sei es gestern gewesen. "Ich kam an diesem Tag von der Arbeit etwas früher nach Hause", sagt der 38-jährige Enrico, der als Fachberater für einen großen Discounter arbeitet. "Mein Sohn Joschi begrüßte mich fröhlich und sagte, Papa, ich habe dich ganz toll lieb." Diana mähte zu diesem Zeitpunkt Rasen, und Enrico wollte noch zum Brot holen fahren. "Joschi wollte mit und blieb im Hof, während ich kurz in unsere Wohnung ging", erzählt Enrico.


Auf die Straße gelaufen

Er muss kurz danach auf die Straße gelaufen sein, wo er von einem Auto überrollt wurde, welches eine Frau steuerte, die ihr eigenes Kind vom Kindergarten, der dem Anwesen der Mußbachs gegenüber liegt, abholen wollte. "Schreie ,Joschi, Joschi', die ich in der Wohnung hörte, gingen mir durch Mark und Bein", sagt Enrico, der sofort nach draußen eilte, wo ihm sein verletzter Sohn von einer Frau in die Arme gelegt wurde. Er übergab sein Kind einer Kindergärtnerin und setzte sogleich einen Notruf ab.
"Mittlerweile hatte ich auch mitbekommen, dass was Schlimmes passiert sein muss", sagt Diana, die dann vor dem Haus ihr Kind in die Arme nahm. Sie habe sofort gesehen, dass Joschi sehr schwer verletzt war, da seine Atmung flach wurde.
Das Kind wurde mit einem Rettungshubschrauber in eine Klinik nach Würzburg geflogen, wo es am 27. September 2015 starb. "Zuvor hatten wir die Hoffnung nicht aufgegeben und gehofft, dass unser Joschi es schafft", sagen die Eltern. "Aber unsere Hoffnung erfüllte sich nicht", sagen beide.


Wie in Trance

In dieser Zeit lebten beide Eltern wie in Trance, erzählt das Ehepaar. "Uns wurde von den Ärzten gesagt, dass Joschi hirntot ist, aber das wollte ich zunächst nicht realisieren", sagt die junge Mutter und fährt fort: "Ich denke, da schaltete auch mein Hirn ab." Ihr Mann Enrico kämpft mit den Tränen. "Entschuldigen Sie, ich bin das Weichei in der Familie", sagte er. Entschuldigen muss er sich nicht.
"Ja, in einer solchen Situation wirst du dann auch gefragt, ob man zu einer Organspende seine Zustimmung geben würde", sagt Diana. "Wir wären eventuell sogar hierzu bereit gewesen. Warum soll man damit nicht möglicherweise einem anderen Menschen helfen, sinniert sie. Zu diesem Zeitpunkt sei sie, wie sie sagt, in einen gewissen "Vorbereitungsmodus" gefallen, dachte daran, wie es weitergeht mit Beerdigung usw.
Zu einer Organspende sei es dann nicht mehr gekommen, weil die Ärzte zweifelten, ob das noch möglich wäre. "Ich wollte dann auch lieber, dass mein Kind in meinen Armen stirbt, was dann auch so kam", sagt Diana bedrückt.
Schlimme Tage und Wochen folgten für das Ehepaar und ihre damals sechsjährige Tochter Antonia-Viktoria. Für Zuwendung von Freunden und Verwandtschaft waren sie dankbar. Auch für die Betreuung durch die Malteser - hier fiel öfter der Name Traudl Schulz - war das Ehepaar dankbar. "Das hat uns wirklich sehr geholfen", sagen sie unisono. "Vor allem mein Mann, aber auch ich, suchten in dieser schweren Zeit Ablenkung durch verschiedene Tätigkeiten", erzählt Diana. Sie hätten viel geweint. "Manchmal hatten wir keine Tränen mehr", sagt die Prappacherin. Auch wolle man mitunter nach außen demonstrieren, dass man stark ist, aber das klappe halt nicht immer.


Zuhause zur Welt gekommen

Joschi war eine Hausgeburt. "Ich habe meinen Sohn selbst mit auf die Welt gebracht", sagt Enrico mit Tränen in den Augen. Er war der Sonnenschein der Eheleute. "Wenn Joschi in ein Zimmer kam, erstrahlte dieses", sagt der Vater. Auch Diana stimmt dem zu: "Joschi war ein Typ wie Michel von Lönneberga aus dem Kinderfilm", sagt sie mit einem zarten Lächeln.
Enrico erzählt, dass er häufig an das Grab von Joschi gehe, mit ihm spreche, ihm erzähle, was er gemacht hat oder noch vorhat. Die "Pflichttermine", bis es zur Beerdigung kam, seien sehr belastend gewesen, erinnert sich Diana, und auch den Tag der Beerdigung fürchtete sie. Ihre Tochter Antonia spielte in dieser Zeit oft den Clown, womit sie ihre Trauer überspielen wollte, wissen die Eltern.


Luftballons am Grab

Es sei ein trister Tag gewesen, als Joschi beerdigt wurde. Bekannte ließen an seinem Grab Luftballons in den Himmel steigen. "Da hat sich der Himmel geöffnet und die Sonne spitzte hervor. Ein Zeichen, ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde", sagt Diana Mußbach. Die Familie wird auch künftig am Todestag ihres Joschi Luftballons mit Botschaften aufsteigen lassen. "Das wollen wir beibehalten", sagt Enrico.
Das Familienleben habe sich grundlegend verändert. Diana sagt noch, dass sie oder ihr Mann sich nie gegenseitig die "Schuld" am Tod von Joschi gaben. "In solchen Situationen sind schon manche Ehen zerbrochen", wissen beide. Lange waren sie in psychologischer Behandlung, derzeit geschehe das noch sporadisch. "Wir opfern uns beide nicht mehr so für andere auf, wie wir das vor dem Tod von Joschi taten", sagt das Ehepaar. Daraus hätten sie auch gelernt, dass die Familie und der Zusammenhalt das Wichtigste sei und auch, für ihre beiden Kindern da zu sein.


Weglaufen geht ncht

"Geflüchtet" seien sie auch schon mal am Todestag von Joschi und zwar nach Amsterdam. "Wir wollten uns damit ablenken, gelungen ist es nicht wirklich", sinniert Diana. Daraus habe man auch den Schluss gezogen dass es keinen Sinn mache, wegzulaufen, man müsse sich dem Ganzen stellen, sagt die starke Frau mit überzeugender Stimme. Für ihre beiden Kinder Antonia und Henry wollen sie so viel Normalität wie nur möglich. "Nichts ist verblasst, nichts ist schmerzfrei", sagt der junge Vater und seine Frau Diana ergänzt: "Wir haben ein anderes Schmerzlevel als vorher." Sie bekräftigt nochmals, dass, was manche für Probleme erachten, für sie Lappalien seien.
Joschi zählt in ihren Augen und auch in den Augen ihrer Tochter Antonia nach wie vor zur Familie. Diese sage manchmal: "Joschi gehört dazu. Er ist jetzt im Himmel." Vater Enrico hört sich oft selbst gedrehte Filme an, um Joschis Stimme zu hören. "Ich möchte nicht, dass diese irgendwann verblasst", sagt er. Für die Familie wird das Leben nie wieder sein wie vorher.
Wichtig ist es den Mußbachs, im familiären Bereich ihren Seelenfrieden zu finden. "Du wachst früh auf und weißt, da fehlt einer", sagt Diana.
Enttäuscht sind Diana und Enrico, dass die Fahrerin des Unfallautos keinen Kontakt mit ihnen aufgenommen hat. Eine Entschuldigung, einige Worte des Bedauerns oder auch einige Zeilen hätten gut getan, sagt das Ehepaar Mußbach. Das Strafmaß für die Frau sei ihnen relativ egal gewesen. Sie wurde zu 70 Tagessätzen zu je zehn Euro verurteilt. "Keine Strafe der Welt kann uns unseren Joschi wiedergeben", sagt das Ehepaar.