Hasen, Wildschweine oder Rehe laufen Spaziergängern in unterfränkischen Wäldern immer wieder mal über den Weg, aber seltsame Vögel mit staksigen Storchenbeinen, einem wuchtigen Rumpf und langen Hälsen, die sie bis zu 1,60 Metern in die Höhe recken können? Wenn unverhofft ein Laufvogel den Weg kreuzt, muss man sich schon mal kräftig die Augen reiben.

So ging es vergangenen Mittwoch gleich mehreren Spaziergängern, als ein Vogel dieser Gattung - ein Emu - bei Rannungen im Osten des Landkreises Bad Kissingen auftauchte. Dass solch ein "Viech", dessen Vorfahren aus Australien stammen, nicht unbedingt in hiesigen Wäldern heimisch ist, war den Anwohnern rasch klar. Sie informierten daher Harald Leurer, den dortigen Wald- und Jagdpächter. "Wir wollten es eigentlich sofort einfangen, haben aber dann gewartet, bis es dunkel war", erzählt der 49-Jährige.


Von Aufregung erholt

Denn die Häscher mussten eine List anwenden, um das Tier, das sich zumindest körperlich auf Augenhöhe befand, sicher in einem Anhänger zu verstauen: Zur Nachtzeit blendeten sie den Emu und nutzten den kurzen Moment seiner Irritation. "Drei Mann haben sich dann auf ihn geworfen und seine Füße gefesselt", sagt Leurer, der dem Vogel Unterschlupf auf dem Gelände um seine Lagerhalle gewährte.

Von der Aufregung haben sich inzwischen sowohl Mensch als auch Tier wieder erholt. Mit Salat, Körnern und aufgeweichten Brötchen hielt der Rannunger Getränkehändler seinen Gast bei Laune. Genau so, wie es ihm Fachleute empfohlen hatten. "So langsam gewöhnt man sich an ihn", sagt Leurer. "Er ist richtig zutraulich geworden und sehr aufmerksam. Er registriert einfach alles und guckt ganz interessiert, wenn sich jemand nähert", erzählt der Jäger.

Die "Fahndung" nach dem rechtmäßigen Besitzer des Tieres lief dennoch auf Hochtouren. Emus sind wahre Marathonläufer, die schnell weite Strecken zurücklegen können. Deshalb muss es nicht verwundern, wenn sich jetzt - nicht zuletzt durch einen Suchaufruf des Radiosenders Antenne Bayern - der Besitzer im Landkreis Haßberge fand.

Über 60 Kilometer hatte das Tier offenbar zurückgelegt, denn zu Hause war es zuletzt in der Stadt Hofheim. Genauer im dortigen Ortsteil Sulzbach. "Der Besitzer bemüht sich jetzt darum, einen Transporter aufzutreiben, um das Tier abzuholen", sagt Leurer, der dem Emu aber gerne noch etwas länger Unterschlupf gewährt. "Auf ein oder zwei Tage mehr kommt es jetzt auch nicht an."

Da das australische Federvieh nicht alleine ausbüxte, wird die bisher recht nette Tiergeschichte allerdings um eine etwas tragische Komponente erweitert. Denn neben dem beschriebenen Emu wagten am 8. November auch ein Artgenosse sowie einige Nandus (südamerikanische Laufvögel) den Sprung über einen 2,80 Meter hohen Zaun. Die Nandus waren offenbar aber so handzahm, dass sie sich mit Futter wieder einfangen ließen.


Verkehrsgefährdung

Während die Flucht für Leurers Gast glimpflich endete, hatte der zweite Emu weniger Glück. Er wurde nach zwei Tagen auf freiem Fuß von Beamten der Polizeiinspektion Haßfurt erschossen. Zuvor ist er nach Angaben der Polizei mehrfach über die Staatsstraße Haßfurt-Hofheim an der Einmündung Junkersdorf gelaufen, weshalb eine konkrete Gefahr für Autofahrer bestanden habe. "Wenn ein Laufvogel dieser Größe angefahren wird, knicken zuerst die Beine weg und der ganze Oberkörper prallt auf die Windschutzscheibe", erklärt Kathrin Thamm von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Unterfranken. "Schon ein Reh kann ja erheblichen Schaden anrichten. Bei einem Emu wäre er noch einmal um einiges größer gewesen."

In seine Hofheimer Heimat zurückkehren wird der wieder eingefangene Emu aber wohl nicht. Der Besitzer habe Leurer gegenüber inzwischen angedeutet, dass er nur einen Vogel nicht weiter halten möchte. "Ich habe mir sagen lassen, dass Emus Herdentiere sind und alleine eingehen würden", erklärt der Rannunger Jäger.

Der Emu-Besitzer aus Sulzbach möchte sich daher nun mit einem Züchter aus Kitzingen in Verbindung setzen, der sich gestern bei Leurer meldete und bereiterklärte, den (Ent-)Laufvogel in seine Herde aufzunehmen. Damit würde eine kleine Serie an Ausbruchsversuchen enden.


Nicht die erste Flucht

In diesem sowie im vergangenen August hatten sich die beiden Emus schon einmal auf die Reise gemacht. "Damals konnten sie allerdings wieder eingefangen werden", sagt Thamm. "Wir sind froh, dass es gelungen ist, den anderen Emu zu fangen." Die Polizei renne zwar gerne durch Wald und Wiese hinterher, doch wenn ein Tier nicht einzufangen sei und Menschen in Gefahr geraten können, müsse gehandelt werden, sagt sie.