Als ob Schule nicht schon anstrengend genug wäre: Ein P-Seminar (Praxisseminar) zog 14 Schüler des Friedrich-Rückert-Gymnasiums Ebern auf den Jakobsweg. Sie liefen 164 Kilometer nach Santiago de Compostela und lernten sich und andere dabei kennen: "Ein einzigartiges und unbezahlbares Erlebnis", wie die Gruppe jetzt bei einem Vortragsabend über ihre abenteuerliche Exkursion in der Aula der Schule berichtet hat.
Nach monatelangen Vorbereitungen waren die Schüler kurz vor Ende der Sommerferien tatsächlich nach Santiago de Compostela in Spanien gepilgert. Sie haben sich Blasen gelaufen, auf heimischen Luxus verzichtet und bei strömenden Regen ihr Ziel, die Kathedrale in der Pilgerstadt im Norden der iberischen Halbinsel, erreicht.
Trotz der ganzen Strapazen, ist ihre Meinung unisono: "Wir würden es nochmal machen."

Einmaliges Projekt

Dieses Schulprojekt wird vorerst "einmalig" bleiben, ist sich die Spanischlehrerin Martina Jäger heute dennoch sicher. Ihre Fächerkombination - Spanisch und Psychologie - war es, die die junge Lehrerin auf die Idee dieses besonderen Unterrichtsangebotes für die angehenden Abiturienten gebracht hatte. Dabei ging es nicht allein um das Wandern in Spanien. Die Schüler mussten die Reise und den Pilgermarsch von Anfang bis Ende selbstständig organisieren.

Denn: "Erfahrungen in der Projektorganisation sind auch Ziel eines solchen Seminars", ergänzt Jäger. Die Schüler haben Streckenabschnitte geplant, sich über Blasenmittel erkundigt, Herbergen und eine Probewanderung organisiert, Experten zur Beratung eingeladen und vieles mehr. Eine intensive Planung von sechs Monaten ging dem Pilgermarsch von 164 Kilometer im September dieses Jahres voraus.
Annafried Schmidt war davor schon einmal in Santiago de Compostela in Spanien. Sie kannte das Ziel des Weges. Aber als sie dann am 17. September, selbst mit ihrem schweren Rucksack vor der Kathedrale ankam, konnte sie "erst nachvollziehen, wie überwältigt die Leute waren." Eine unheimlich emotionale, und wohl auch die schönste Erfahrung dieser Exkursion war für die Jugendlichen das Ankommen am Ziel. Und das schlimmste Erlebnis? "Dass ich zu viel eingepackt habe."

Acht Kilo geschleppt

Rund acht Kilogramm haben die Jugendlichen sieben Tage lang auf dem Rücken getragen. Eine hatte den Erste-Hilfe-Kasten dabei, "das waren dann schon elf Kilo", berichtet die Gruppe am Informationsabend, zu dem sie Eltern und Sponsoren im Nachklang eingeladen haben. Schon am dritten Tag auf ihrem Pilgerweg haben sich die Schüler von Unnötigem getrennt und ein Päckchen vom Jakobsweg nach Ebern geschickt. Massiert haben sie sich gegenseitig abends in der Herberge. "Die Rückenschmerzen wurden immer schlimmer. Die vorherigen Tage hat man ja auch immer gemerkt."

Aber: "Die Leiden haben uns den Weg nicht vermiest", beschreibt Luisa Beland, "wir haben versucht, den Geist, das Mentale, mal über den Körper zu stellen. Der Kopf musste in diesen Tagen stärker als der Körper sein."
So gab es zwar unzählig viele Blasen, gegen die weder Blasenpflaster noch Fußbutter geholfen hatte, aber das Gejammer blieb klein. Ein Schüler musste wegen Magenproblemen ein Stück mit dem Taxi zurücklegen: "Da haben wir gemerkt, wie der Zustand einer Person die Stimmung der ganzen Truppe trüben kann." Nach einer kleinen Verschnaufpause berührten auch seine Wanderschuhe wieder den Jakobsweg.
Auf engstem Raum

Die 14 Schüler und zwei Lehrer haben auf der Reise nicht nur außergewöhnliche körperliche Erfahrungen gemacht, sondern auch menschliche. Denn: "Wir waren ja zehn Tage auf engstem Raum zusammen", so die Wanderer. Geschlafen haben sie in Gruppenräumen in den Herbergen. Gekannt haben sie sich vorher nur kaum.
"Wir haben uns so auf eine ganz andere Art und Weise kennen gelernt. Mir ist während der Tage niemand auf die Nerven gegangen", erzählt eine Jugendliche. "Ab und zu ist einem auch mal der Gesprächsstoff ausgegangen", erinnert sich Johanna Lang, die sich in diesen Momenten dem "Pilgergedanken" dann näher fühlte.
"Richtige Pilger waren wir aber nicht", ist sie sich sicher. Denn diese gehen den Weg zum Nachdenken. So wie Dani aus dem Saarland und Ivan aus Argentinien. Im Gespräch mit den Beiden, die sie unterwegs trafen sind die Eberner der Leitfrage ihrer Pilgertour - Aus welchen Gründen gehen Menschen diesen Weg? - näher gekommen. Ivan war ohne Schuhe unterwegs. Ab und an gönnte er sich mal die Flip-Flops. Seit sechs Monaten pilgerte er schon. Dani ist gelaufen, um über ihre Kindheit im Waisenhaus nachzudenken.

Ans Aufgeben gedacht

Auch die Gruppengröße war ausschlaggebend, dass "man nicht richtig philosophieren konnte. Wir haben ja immer wieder rumgeplaudert", erinnert sich ein Schüler.
Trotzdem hat sich jeder einzelne Schritt gelohnt. Auch wenn sich der Gedanke ans Aufgeben schon am ersten Tag nach der zwölfstündigen Anreise von Deutschland nach Spanien seinen Platz suchen wollte. Emotional und auch mit den Füßen ist die 16-köpfige Gruppe durch Höhen und Tiefen auf dem "Camino" gegangen. Genau 800 Jahre nachdem Franz von Assisi in Santiago de Compostela ankam, haben die Gymnasiasten das Ziel vieler Menschen aus der ganzen Welt erreicht.
"Wir haben zusammen gelacht und wir haben zusammen geheult", fasst die Lehrkraft Martina Jäger ihr Fazit in Worte, "es war alles dabei. Und ich konnte mich in allen Dingen und zu jeder Zeit auf die Schüler verlassen."