Er heißt Ali. Fast auf den Tag genau sind es jetzt vier Jahre, dass der junge Mann aus dem Iran in Zeil wohnt. Das war nicht sein Wunsch. Überhaupt nicht. Aber schnell hat er gelernt, aus der Situation das Beste zu machen und niemals aufzugeben. Sein Traum für die Zukunft: "Ich möchte endlich wie ein normaler Mensch leben. Mit Arbeit und Freiheit. Das hier ist auch wie Gefängnis, nur in einer anderen Situation." Die deutsche Aussprache des 28-jährigen Persers ist fast perfekt. Manchmal fast schon fränkisch.

"Das hier" ist sein Lebens als Asylbewerber in Bayern. Im Jahr 2010 hat Ali seine Heimatstadt Teheran im Iran verlassen. Kurz nachdem die Proteste gegen die umstrittenen Präsidentschaftswahlen vom 12. Juni 2009 so richtig aufflammten. Er wurde verfolgt und sein Name war zur Fahndung ausgeschrieben. Eigentlich wollte er nur einem Freund helfen. Mit Sack und Pack floh er über die Berge in die Türkei.

Mit dem Boot nach Italien

Wenn Ali über seine Flucht spricht, dann stehen ihm die Schweißperlen auf der Stirn. Auf einem Schlauchboot entkam er von Griechenland in Richtung Italien. "Wir waren 13 Leute auf diesem Boot. Und das war wirklich nicht für das Meer gebaut", kann sich Ali heute noch erinnern. Sein Ankunftsort in Deutschland: der Bahnhof in Passau. "In Passau kontrolliert die Polizei fast jeden im Zug. So haben sie auch mich gefunden." Als die Beamten damals seine Frage "Deutschland?" mit "Ja" beantwortet haben, ist ihm ein Stein vom Herzen gefallen.

In Passau stellte Ali seinen Asylantrag. Mit vielen Erklärungen in deutscher Sprache wurde er mit dem Zug über die Zentrale Erstaufnahmeeinrichtung in München nach Zirndorf geschickt. Deutsch konnte er damals noch nicht. "Ich habe das trotzdem geschafft, weil ich intelligent bin", lacht der junge Mann heute mit großer Selbstzufriedenheit. In Sachen Asylpolitik ist der 28-jährige Iraner mittlerweile Experte.

Eineinhalb Jahre auf Anhörung gewartet

Bereits zweimal wurde sein Asylantrag abgelehnt. "Man hat mir nicht geglaubt, dass man mich in meinem Land umbringen wollte", so der Grund der Ablehnung in Alis Worten. Wenn er das sagt, wirkt er nicht zornig. Auch ein Rechtsanwalt konnte ihm bisher noch nicht erfolgreich helfen. Nach der zweiten Ablehnung hat Ali einen Folgeantrag gestellt. Seit eineinhalb Jahren wartet er jetzt schon auf den Termin für eine erneute Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Am 25. September ist es endlich so weit. Ali muss neue Beweise vorbringen, warum ihn eine Rückkehr in den Irak in Lebensgefahr bringen würde.

Ali hat noch viele Bilder aus seinem "alten" Leben. Im Iran war er Fitnesstrainer und Bodybuilder. 87 Kilogramm Muskelkraft brachte er auf die Waage. Bei Wettbewerben glänzte das Öl auf seiner Haut und das harte Training stand ihm ins Gesicht geschrieben. Heute bringt Ali 105 Kilogramm auf die Waage. Angst ist es, die sich in seinen Körper eingelagert hat, und ihn schwer wirken lässt. Denn seitdem ihm der Bescheid über die zweite Ablehnung seines Asylantrages zugestellt wurde, ist er in Deutschland nur noch geduldet. Diese Duldung wird zwar regelmäßig verlängert, aber der 28-jährige Iraner weiß: "Ich kann jederzeit abgeschoben werden."

Motto "Learning by doing"

Die Bilanz des junge Mannes im Hinblick auf seine Jahre in Zeil ist eindeutig: "Ich habe vier Jahre meines Lebens verloren." Trotzdem hat er einiges geschafft. Dass er nie einen Deutschkurs belegt hat, hört man kaum. Akzentlos spricht er nicht, aber Wortwahl und Grammatik sind nahezu perfekt. Wenn man das Zimmer von Ali in der Gemeinschaftsunterkunft in Zeil sieht, könnte der Gedanke kommen, er hätte eine Fortbildung in Sachen deutscher Ordnung und Kultur besucht. Aber auch das hat er nicht. "Learning by doing", war sein Motto. Stolz zeigt Ali seinen Putzplan, den er für die achtköpfige Wohngemeinschaft entworfen hat. "Die halten sich leider nicht wirklich daran. Ich muss die schon immer erinnern, wer mit dem Putzen an der Reihe ist", erklärt er. Er übernimmt Verantwortung.

Im Februar dieses Jahres wurden die Leistungen für Asylbewerber im Freistaat Bayern umgestellt. Vorher war das Essen eine sogenannte Sachleistung. In der Unterkunft wurden Listen verteilt, jeder durfte ankreuzen welche Lebensmittel er denn gerne haben würde, und zweimal in der Woche wurden die Lebensmittelpakete ausgeteilt. "Oft war nicht das drin, was man eigentlich bestellt hat." Dazu gab es für Ali noch 40 Euro Bargeld. "Um das Taschengeld abzuholen, musste ich aber schon fünf Euro für den Zug ausgeben. Für meinen Rechtsanwalt musste ich 20 Euro um Monat bezahlen. Da konnte ich überhaupt nichts sparen."

"Ich arbeite beim Hausmeister"

Ali ist froh, dass dies nicht mehr so ist. Jetzt bekommt er 279 Euro jeden Monat und noch dazu einen Kleidungsgutschein. Die Kosten für den Rechtsanwalt haben sich zwar erhöht, aber er kann nun in den Supermarkt gehen und genau das kaufen, was er will. Seit zehn Monaten verdient er sich im Rahmen einer gemeinnützigen Tätigkeit auch ein kleines Taschengeld dazu. "Ich arbeite beim Hausmeister. Da gibt es viele Sachen. Wir verstehen uns wirklich sehr gut", sagt Ali und ist sichtlich froh, dass diese Tätigkeit nun etwas Abwechslung und Struktur in sein Leben bringt.

Auf dem normalen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, damit hatte er keinen Erfolg. "Sechs Monate habe ich in einem Fitnessstudio gearbeitet, immer samstags. Dafür konnte ich kostenlos trainieren." Den Durchbruch als Bodybuilder in Deutschland hat er damit nicht geschafft, aber er hat viele deutsche Freunde gewonnen. Seitdem schreibt er Bewerbung um Bewerbung. Er weiß, dass er mit seinem Status als Asylbewerber ganz am Schluss der Schlange der Kandidaten steht. "Aber wenn du jeden Tag in dieser Unterkunft sitzt und den ganzen Tag nichts machst, dann geht dein Kopf kaputt. Du wirst depressiv." Ali hat die Chance, ab Oktober in einem Fitnessstudio als Trainer zu arbeiten. Seine Stimme ändert sich, wenn er davon erzählt. Sie wirkt leichter.

Genauso wenn es um seinen Glauben geht. Ali stammt aus dem Iran und ist Perser. Er ist heute aber kein Moslem mehr. Er fühlt sich halb deutsch, halb iranisch. Ali hat jeden Sonntag die Freie Evangelische Gemeinde in Nürnberg oder in Hof besucht. Dort hat er eine Familie gefunden: "Ich wurde so akzeptiert wie ich bin. Im Islam ist das nicht so einfach wie hier." 90 Prozent der im Iran lebenden Menschen sind Muslime. Ihr Buch ist der Koran. Bei Ali liegt heute eine Bibel auf dem Nachkästchen. Im November 2012 hat er sich im Christlichen Centrum Hof taufen lassen und sich damit vom Islam abgewandt. "Nicht nur wegen dem Schweinefleisch habe ich das gemacht", scherzt der sympathische Iraner, "es waren eher private Gefühle. Ich weiß jetzt, was Menschenliebe ist. Ich weiß, was richtige Liebe ist."

Vorher war Ali aggressiv. Heute ist er hilfsbereit und interessiert sich für die Probleme seiner Mitmenschen. Er geht regelmäßig nach Sylbach zum Gottesdienst. Wenn dort in der Gemeinde Not am Mann ist, packt Ali ohne Zögern tatkräftig mit an. "Die haben mich so gut aufgenommen", schwärmt er von seiner neuen Gemeinde. Ali ist dabei, wenn über Jesus gesprochen wird. Der junge Mann, der Türkisch, Kurdisch, Persisch, Aserbaidschan, Deutsch und Englisch spricht, ist heute aktiver Christ. Es wertet sein Leben unheimlich auf, dass er nun all die Hilfe, die er während seiner ersten Monate in Deutschland bekommen habe, einfach so an seine Mitmenschen weitergeben kann.

Um fünf Uhr nach Zirndorf

Mitunter ist es auch sein Glaube, der ihm so viel Optimismus in den harten Zeiten gibt: "Ich dachte nicht, dass ein Asylverfahren so anstrengend sein kann." Am 25. September, einem entscheidenden Tag in seinem Leben, wird er sich morgens um fünf Uhr in den Zug setzen und nach Zirndorf fahren. Er hat seinen Termin beim Bundesamt für Flüchtlinge und Migration um acht Uhr. Sein Rechtsanwalt hat ihn aufgeklärt, wie das Gespräch ablaufen wird.

Ali fühlt sich gestresst. Es geht um seine Zukunft. Er will diese mit seiner Freundin verbringen und als Fitnesstrainer arbeiten. In Deutschland. In Frieden und Sicherheit.