Im Gegensatz zu vielen anderen Orten, wo Kirchweihbräuche eingeschlafen sind und man vielleicht wenig von diesem ursprünglichen Fest mitbekommt, ist in Kirchaich mehr denn je die Hölle los. Dort dauert die Kirchweih mit vielen Aktionen fast eine ganze Woche lang. Sie beginnt schon am Mittwoch zuvor mit der Wahl des "Kerwas-Bürgermaster". Dieses Jahr ist es Sascha Pflaum geworden. Auf dem Festplatz findet dazu eine richtige geheime Wahl mit Stimmzetteln statt und meist stellen sich mehrere Bewerber zur Wahl. Dieser "Kerwas-Bürgermeister" tritt damit in Konkurrenz zum richtigen Oberhaupt Thomas Sechser und regiert die Kirchweihtage über Kirchaich und hat hier auch das Sagen.
Schon am Donnerstag folgt die traditionelle "Singstunde" in einer Gastwirtschaft, wo man mit Gitarrenunterstützung bekannte Lieder schmettert und feiert. Tags darauf am Freitag folgt das "Bullenreiten", wo es darum geht, wer es am längsten auf einer Bullen-Attrappe aushält und nicht abgeworfen wird. Traditionell wird dann am Samstag der Kirchweihbaum eingeholt. Seit dem Jahre 2004 kommt es nun auch zum "Honky-Tonky" nach Kirchaicher Art, wo man im großen Tross von Gastwirtschaft zu Gastwirtschaft zieht. Dieses Jahr haben sich dem 300 Bürger angeschlossen.


Der Tanz der Strohbären

Der Höhepunkt des Kirchweihtreibens ist aber ohne Zweifel der "Tanz der Strohbären" auf dem Dorfplatz, auf dem sich auch diesmal wieder Hunderte von Bürgern und Besuchern einfanden, um diesen alten Brauch mitzuerleben. Koordinator dieses großen Kerwas-Programms war diesmal Uwe Endres, der mit den Kerwas-Burschen und den Aicher-Kerwes-Moggel das alles organisierte. Dazu braucht er natürlich jede Menge Unterstützer und allein für das Binden der Strohbären sind dabei 30 bis 40 Helfer notwendig.

Abgeschieden von der Öffentlichkeit nehmen dann die Vorbereitungen in einer Scheune ihren Lauf. Bis dahin mussten aber schon weitere Vorbereitungen abgeschlossen sein. Dabei geht es um die Besorgung der richtigen "Strohhalme". Brauchbar dazu ist natürlich nicht das Stroh von der jährlichen Ernte, dazu noch durch den Mähdrescher geschüttelt und ausgequetscht. Die Kerwes-Burschen bauen vielmehr selbst ihr langstieliges Getreide auf einem Feld an und bunkern dies für einige Jahre. Das Stroh muss nämlich lang und dickstielig sein. Damit es zum Binden beweglich ist und um den Körper und die Gliedmaßen gebunden werden kann, wird es natürlich 3 Tage lang auch entsprechend gewässert.

Dann geht es für die fünf Strohbären, die in diesem Jahr Marco Heppt, Tobias Pickel, Peter und Thomas Wirth sowie Dominik Schirm hießen, in die erste heiße Phase. Sie müssen drei bis vier Stunden im Sitzen oder Stehen ausharren und die "Wickelprozedur" der vielen fleißigen Helfer über sich ergehen lassen. Schon dabei kommen sie richtig ins Schwitzen und auch die "Strohbinder", denn auch sie müssen die Technik beherrschen, damit der Bär nicht beim ersten Angriff und Sturz ohne sein Strohkleid dasteht. Die Arme und Beine müssen dabei ganz fest, sein, auch über den Kopf gilt es Ähren und Stroh zu stülpen und schließlich wird die Taille noch mit einer richtigen Kette gebunden.


Bunte Blumen für die Strohbären

Diese Tat vollbringen die "Kerwas-Burschen", denen Benjamin Siedler vorsteht und nur zwei junge Damen sieht man noch in der Scheune. Stephanie Heil (Trixy) und Veronika Schäder sind für den Blumenschmuck verantwortlich und stecken in die Strohzöpfe der Bären bunte Blumen.

Strohbär-Koordinator Uwe Endres steht schon etwas nervös da mit dem Blick zur Uhr, denn draußen auf dem Dorfplatz haben sich schon viele Besucher eingefunden und auch die Musikkapelle Kirchaich wartet schon auf das Zeichen zur musikalischen Begleitung der Bären. Aber zuvor werden die doch tatsächlich noch einmal auf den Rücken mit Wasser vollgepumpt, um sie frisch in die "Manege" zu bringen. Die lange Zeit im nassen Strohgewand und die Temperatur von mehr als 20 Grad machen die Beine nämlich schon von unten hoch warm und treibt den Strohbären den Schweiß aus den Poren. Trinken und besprengen mit Wasser kann da etwas Abhilfe schaffen. Es ist nämlich auch schon vorgekommen, dass ein Strohbär schon bald seinen Auftritt wegen Erschöpfung abgebrochen hat.

Der Strohbär Marco Heppt kann in diesem Jahr schon auf seine 10-jährige Erfahrung zurückblicken und beschreibt die Gefühle unter dem Strohpanzer so. "Man fühlt sich dabei wie ein Fahrradfahrer, aber beim Fahren in der Sauna". Deswegen werden die Strohbären auch schon ungeduldig und werden von ihren Führern oder Bärentreibern unter den Klängen auf den Dorfplatz geführt.


Strohbären ziehen junge Mädchen zu Boden

Und dann gibt es für die Strohbären kein Halten mehr und natürlich gehen ihre Blicke zu allererst auf junge, hübsche Mädchen. Wer sich hier nicht versteckt oder vom Fenster eines Hauses um den Dorfplatz herunterschaut, ist vor keinem Bär sicher und schon geht es in einer Ecke wüst zu. Schon hat ein Bär "Jenny" erwischt und auf den Boden gezogen und weitere Bären fallen über den Pulk her, so dass vom Mädchen nichts mehr zu sehen ist. Für die Besucher sieht das sogar schlimm aus, manche zittern um das Mädchen und glauben, sie bekomme darunter keine Luft mehr. Ein ehemaliger Bär gibt für diese Entwarnung. "Man zieht als erstes die junge Dame zu sich, dann fällt der Bär nach hinten auf die Straße und zieht das Mädchen mit sich auf den Boden. Die übrigen Bären, die sich darauf werfen, stützen sich schon mit den Armen etwas ab. "

Jenny schaut zuerst etwas dumm aus der Wäsche oder besser dem Stroh, findet aber sofort ihr Lächeln wieder. "Zuerst kommt man sich aber fast schon etwas erniedrigend vor. Aber es ist ja nur eine Gaudi und deswegen ist man trotzdem gerne dabei und es macht Spaß", meinte Jenny nach ihrem Luftholen wieder. Auf der anderen Seite hat es Melissa erwischt. Danach meint sie "man fühlt sich dabei schon etwas komisch, vor allem wenn sich die anderen Bären noch draufwerfen. Trotzdem habe ich keine Angst gehabt, weil ich den Bär erkannt habe." Von ihm verriet sie sogar ein kleines Geheimnis. "Es war Dominik und der gilt bei den jungen Damen als Chameur unter den Strohbären. Man macht also gerne mit."


Tradition geht auch nächstes Jahr weiter

Aber sind die Strohbären nur auf junge Damen aus? Ein junger Mann weiß anscheinend die Erklärung, die er einmal von Kreisheimatpfleger Christian Blenk gehört habe. "Früher war dieser Tanz ja zu Beginn des Frühjahrs und damit sollte die Fruchtbarkeit fürs nächste Jahr angeregt werden. Und junge Mädchen gelten ja als Fruchtbarkeitssymbol." Aber ab und zu sieht man doch auch junge Burschen, die danach trachten, dem Bären den Schwanz auszureißen. Wenn ihnen dies gelingt und sie erwischt werden, können sie aber mit einem wütigen Bären rechnen!

Die Strohbären nahmen dann langsam ihren Weg zum Festplatz, wo das bunte Kirchweihtreiben weiter ging. Mit den Kandidaten für die Strohbären für das nächste Jahr haben die Kirchaicher da auch kein Problem, höchstens das Problem aus einer großen Schar von willigen Kandidaten die fünf wieder auswählen zu müssen. Damit ist die Fortführung des Strohbären-Tanzes wohl auf Jahre hinaus gesichert. Das war nicht immer so, denn um das Jahr 1930 war diese alte Tradition in Kirchaich schon einmal eingeschlafen und lebt erst wieder seit den 70er Jahren neu auf. Der Kirchaicher Dorfgemeinschaft kann man zum Erhalt dieser Tradition und ihres Kirchweihfestes nur beglückwünschen.