Zug um Zug spritzt die Milch in den weiß emaillierten Eimer. Anna ist heute friedlich. Die acht Jahre alte Kuh kennt die kräftigen Hände, die abwechselnd die vier Zitzen an ihrem Euter bearbeiten. Zweimal am Tag, um 6.30 Uhr und um 17 Uhr, Woche für Woche, werktags und an Sonntagen, auch an Heiligabend oder Dreikönig.

"Wenn es ihr nicht passt, schlägt sie mit dem Schwanz aus", sagt Erwin Hirschberger. Seine Hände machen das, was heute auf den Bauernhöfen so gut wie nicht mehr zu finden ist. Sie melken regelmäßig eine Kuh. Andernorts haben längst - zumindest tragbare - Melkmaschinen Einzug gehalten. Im kleinen Kuhstall von Erwin und Hannelore Hirschberger in Wadendorf (Landkreis Bayreuth) geht es noch zu wie vor 80 Jahren, als der Stall gebaut wurde. Vier Kälber und Milchkuh Anna versorgt der Nebenerwerbslandwirt heute dort. Er hat sich nie eine Melkmaschine angeschafft. Aber er gibt nicht auf, schon seinem 88 Jahre alten Vater zuliebe. "Reiner Idealismus, finanziell bringt es gar nichts mehr", sagt der 63-Jährige. Mittlerweile ist er Rentner, doch die Stall-Arbeit bleibt. Vor allem das regelmäßige Melken schränkt die Freizeit ein. "Die Kühe wollen ihre Ordnung haben. Da muss man schon auf vieles verzichten", sagt Hannelore Hirschberger.



Viel Arbeit hat Ute Wanner auch. Aber seit sie und ihr Mann Klaus im November 2011 einen sogenannten Melkroboter angeschafft haben, ist auf dem Bauernhof der Familie in Wässerndorf (Landkreis Kitzingen) einiges leichter geworden. Voll erwerbslandwirt Klaus Wanner hat sich auf Milchvieh- und Rinderzucht spezialisiert. Seine rund 60 Milchkühe, die er in Wässerndorf versorgt, haben keine festen Melkzeiten mehr. Das Fleckvieh bestimmt selbst, wann es gemolken werden will.

Transponder am Halsband
Es ist kurz vor 15 Uhr. Eine Kuh von Wanner passiert den Eingang zur automatischen Melkanlage im Stall. Auf dem Computer-Monitor taucht die Zahl 659 auf. Der Roboter hat die Kuh erkannt - durch ihren Transponder am Halsband. Dass sie gemolken werden will, ist kein Zufall. Bei jedem Melkvorgang gibt es Kraftfutter, das lockt an. Der Roboter ist so programmiert, dass eine Kuh frühestens alle sieben Stunden gemolken wird. Kommt sie vorzeitig, kriegt sie kein Futter und wird auch nicht gemolken. "Manche haben es verinnerlicht, manche gehen zehn Mal am Tag rein und versuchen es", berichtet Ute Wanner. Milchkuh 659 hat Erfolg. Sieben Stunden und 34 Minuten sind seit ihrem letzten Melken vergangen.

Kamera erkennt Lage der Zitzen
Der Roboter startet. Langsam fährt der Schwenkarm unter die Kuh. An ihm ist eine Kamera befestigt. Die vier Zitzen-Becher am Melkarm können so passgenau an den Zitzen "andocken". Die Kuh bleibt währenddessen still. Sie erhält ihr individuelles Kraftfutter und ist zufrieden. Die Maschine reinigt die Zitzen, stimuliert und melkt. Das dauert sechs bis sieben Minuten. Die abgepumpte Milch fließt in einen Sammeltank. Unterdessen können die Familienmitglieder am Monitor alles genau beobachten. "Da könnte man stundenlang dastehen und zugucken", sagt Else Wanner. Die 82 Jahre alte Mutter des Wässern dorfer Landwirts ist begeistert. Kein Wunder. Seit die Wanners ihren Melkroboter haben, ist ihre Milchviehhaltung flexibler geworden. "Wenn du außer Haus bist, kannst du länger sitzen bleiben und musst nicht heim zum Melken", nennt Klaus Wanner ein Beispiel. "Oder früh länger schlafen", ergänzt Ehefrau Ute.

Auch die Kühe haben die Technik nach Aussage des Landwirts schnell angenommen. Jetzt haben sie täglich 23 Stunden die Gelegenheit zum Melken zu gehen. Zweimal am Tag reinigt sich die Anlage selbst eine halbe Stunde lang.

Rund 28 Liter im Durchschnitt
Während Kuh Nummer 659 gemolken wird, stehen vier weitere Tiere schon in einer Reihe vor der Melkroboter-Gestell-Box. Sie warten geduldig wie Kunden an der Kasse im Supermarkt. Im Schnitt gibt eine Kuh in Wässern dorf täglich 28 Liter Milch. Manchmal schafft ein Tier laut Wanner sogar bis zu 60 Liter am Tag.

Die Zeitanzeige am Monitor zeigt 15.06 Uhr. Nummer 664 ist in die Melkanlage gegangen. Der Roboter öffnet die Metall-Box wieder. Er hat erkannt: Kuh 664 wurde zuletzt um 9.48 Uhr gemolken. Zu früh fürs nächste Melken. Sie muss wieder raus.


Knapp 1000 Betriebe in Bayern nutzen inzwischen einen vollautomatischen Melkroboter, berichtet Jan Harms, Arbeitsgruppenleiter Milchgewinnung und Prozesstechnik bei der bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft. Vorreiter war 1997 ein unterfränkischer Bauernhof in Biebelried. Die meisten fränkischen Roboter stehen heute in Mittelfranken (rund 130), gefolgt von Oberfranken - das hängt vor allem mit der Zahl der Milchkühe in den Bezirken zusammen.

Fällt die Technik einmal aus, kann Klaus Wanner auf den Service der mittelfränkischen Herstellerfirma zurückgreifen. "Der Monteur kommt sofort, wenn etwas nicht geht." Dass die Anlage nicht funktioniert, erfährt Wanner durch einen automatischen Anruf auf seinem Handy.

So etwas benötigt Erwin Hirschberger nicht. Seine Hände sorgen für alles. Zum Dank schenkt ihm seine "Anna" täglich zehn bis zwölf Liter Milch. Die schüttet er früh in seinen Kaffee. Abends freuen sich seine sieben Katzen und die Kälber darauf. Der Handmelker ist zufrieden. Nur auf eines verzichtet er seit Jahrzehnten: Urlaub.