Zweieinhalb Jahre muss ein 25-jähriger Nürnberger nach dem Urteil am Landgericht Bamberg ins Gefängnis. Er hatte am Herrentag des letzten Jahres auf einem Radweg und einem Pendlerparkplatz im südlichen Landkreis Bamberg eine Reihe ihm unbekannter Passanten angegriffen und verletzt. Einer bekam mehrere Tritte gegen Kopf und Oberkörper ab und konnte fünf Wochen lang nicht arbeiten.

"Von der anlasslosen, explosionsartigen Gewalt gegen einen wehrlos am Boden liegenden Menschen bin ich geschockt." Staatsanwältin Christiane Schütte ist nach drei Verhandlungstagen noch immer fassungslos ob der mindestens zwei wuchtigen Tritte "wie ein Elfmeterschütze" gegen den Kopf und eines Stampftritts gegen den Brustkorb. Einer der Zeugen, der den "brutalen Gewaltexzess" am Abend des Vatertages mitansehen musste, war bei seiner Vernehmung gar in Tränen ausgebrochen.

An die Tat selber konnte sich der bislang nicht vorbestrafte Angeklagte nicht erinnern. Von einer Bewährungsstrafe, wie es der Verteidiger erhofft hatte, hielt der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt mit seinen Kollegen nichts. "Sie haben gleich mehrere völlig unbescholtene Passanten angefallen und auf einen davon wild und wüst eingeschlagen und eingetreten." Da sei es der Öffentlichkeit nicht zu vermitteln, dass man nicht ins Gefängnis müsse. Zumal der Angeklagte nach der Tat auch noch Streifenpolizisten und Rettungssanitäter anschrie und beschimpfte. "Ich erkenne mich selber nicht wieder", so der junge Mann, der eigentlich Chemie studieren wollte, nun aber seit acht Monaten in Untersuchungshaft sitzt.

Der psychiatrische Sachverständige Prof. Hans-Peter Volz vom Bezirksklinikum Schloss Werneck attestierte wegen knapp 2,5 Promille Blutalkohol eine Schuldunfähigkeit während der Tat. Der Angeklagte habe sich durch für ihn ungewohnte Mengen Alkohols in einen abnormen Rausch getrunken. In diesem Zustand redete er wirr. Die Zeugen verstanden von dem "betrunkenen Englisch" nur wenige Satzfetzen, in denen von Teufelsaustreibung, Hitler und der AfD die Rede war. Einer meinte: "Er ist mit einem Blick wie Klaus Kinski in seinen tollsten Filmen herumgelaufen."

Taten geschahen im Vollrausch

Das Gutachten rettete den Angeklagten vor einem Urteil wegen versuchten Totschlags oder gefährlicher Körperverletzung, indes nicht vor einer Bestrafung. Gibt es doch den "Auffangtatbestand" des Vollrausches. Während der Wanderung von Strullendorf über Amlingstadt bis Hirschaid habe der Angeklagte mindestens zehn Bier und einige Schnäpse getrunken, "um dem Schwiegervater zu zeigen, dass Sie schon ein Großer sind", so Richter Schmidt. Zusammen mit dem Wegbier zu Beginn des Ausfluges und der Tatsache, dass er aus seiner Jugendzeit schwere Rausche mit Blackout gewohnt sei, leitete die Strafkammer einen vorsätzlichen Vollrausch ab.

Die Nebentatbestände wie Sachbeschädigung, Bedrohung und den Besitz eines illegalen Einhandmessers stellte das Gericht ein, weil die zusätzliche Strafe nicht erheblich ins Gewicht gefallen wäre.

Was die Verletzungen angeht, scheinen alle Seiten mit dem sprichwörtlich "blauen Auge" davongekommen zu sein. Sein erstes Opfer, das er in den Schwitzkasten genommen und gedroht hatte, ihm das Genick zu brechen, erlitt nur Schürfwunden. Das zweite Opfer, eine halb so große Frau wie er, die er am Hals gepackt und gewürgt hatte, kam mit Rötungen, Schluckbeschwerden und dem Schrecken davon. Dabei hatte die zierliche Frau ihm aus dem Straßengraben helfen wollen. Sein drittes Opfer, ein Radfahrer, der ihm helfen wollte, schubste er von dessen Gefährt. Sein viertes Opfer war indes gar keines, weil es sich, wie Richter Schmidt meinte "auf fränkische Art und Weise" gewehrt und dem Angeklagten eine verpasst hatte.

"Enthirntes, sinnloses Treiben"

Erst sein letztes Opfer bekam die volle Schlagkraft ab. Das Ergebnis der Aktion "wie ein Berserker": eine Gehirnerschütterung, mehrere Platzwunden am Kopf, eine gebrochene Rippe, eine Prellung des Brustkorbes, zahlreiche weitere Prellungen und Schürfwunden an Armen und Beinen.

"Ich möchte so etwas nicht live erleben", meinte Rechtsanwalt Thomas Skapczyk aus Erlangen, der von "enthirntem, sinnlosem Toben" sprach. Einer der Tritte hinterließ am Jochbein sogar einen mit bloßem Auge sichtbaren Sohlenabdruck. Dass dabei keiner der Schädelknochen entzwei gegangen war, schrieb Richter Schmidt dem Zufall zu.