von unserem Redaktionsmitglied 
Matthias Einwag

Kreis Lichtenfels — Wer heute die Burgruine Niesten bei Weismain besucht, findet kaum noch historisches Gemäuer. Lediglich eine unscheinbare Stützmauer und einige Kehlgräben zeugen von der einst mächtigen Burg. Hier starb am 19. Juni 1248 Herzog Otto II. - der letzte Meranier. Die Umstände seines Todes sind bis heute mysteriös. Hartnäckig hält sich die Version, der 30-jährige, kinderlose Herzog sei von seinem Hofmeister ermordet worden. Der Mord gleicht einem Krimi: Der Herzog könnte erstochen, erdrosselt oder vergiftet worden sein. Genau ist auch das nicht bekannt.
Warum aber kam es ausgerechnet in der tiefsten fränkischen Provinz zum Zusammenbruch des ruhmreichen Geschlechts mit europäischem Ruf? Niesten war zwar die Lieblingsburg Ottos, aber längst nicht die bedeutendste der zahlreichen Ansitze der Meranier.


Machtzentrum in Franken

Eigentlich hatte Otto vorgehabt, sein neues Machtzentrum im Gebiet des heutigen Oberfranken aufzubauen - die Veste Plassenburg ist mit großer Wahrscheinlichkeit auf seine Initiative zurückzuführen. Die Meranier hatten das Gebiet um Hof als Reichslehen inne. Bayreuth, Kulmbach, Niesten mit Weismain, Lichtenfels, Scheßlitz, Thurnau, Guttenberg, die Burg Zwernitz, die Veste Rosenberg, der Gügel und Klosterlangheim - all diese Orte sind Zeugnisse davon, welchen entscheidenden Anteil zur wirtschaftlichen Erschließung des Landes die Meranier hatten.
Doch etwas kam dazwischen. Bevor Otto II. seine immense Territorialbildung am Obermain - vom Fichtelgebirge bis zum Frankenwald - abschließen konnte, erlosch das Geschlecht.


Meranien - das Land am Meer

Ihre unmittelbare Nähe zum staufischen Herrscherhaus wird von Historikern als Grund für den Aufstieg der Andechs-Meranier, für ihre Macht und ihren Einfluss gewertet - aber auch als wichtige Ursache für ihren Niedergang. Die Zugehörigkeit zur Oberschicht des Reiches hatte Berthold IV. wohl Ende 1180 den Titel Herzog von Meranien, Dalmatien und Kroatien eingebracht, eines an Istrien grenzenden Gebietes der nordöstlichen Adriaküste. Die Forschung geht heute davon aus, dass dies als Ausgleich für die Übertragung des bayerischen Herzogtums an Otto von Wittelsbach geschah. Der Name Meranien hat übrigens nichts mit der Stadt Meran zu tun; terra Marani bedeutet so viel wie "Gebiet am Meer", "Land am Meer gelegen".


Letzte Machterweiterung

Das Herzogtum Meranien war Ende des 12. Jahrhunderts ein realer Territorialstaat geworden, der den westlichen Teil des Herzogtums Baiern zwischen Augsburg und Bozen zu einem eigenen Feudalfürstentum und einer Landesherrschaft werden ließ. Die Meranier kontrollierten die wichtigsten Alpenpässe und sie stellten mit Berthold V. ab 1218 den Patriarchen von Aquileia. Das war jedoch die letzte Machterweiterung des Geschlechtes südlich der Alpen.
Ein Mord könnte Auslöser des Niedergangs der Meranier und des Aufstiegs der Wittelsbacher gewesen sein: Otto von Wittelsbach erstach 1208 König Philipp von Schwaben in der Residenz des andechs-meranischen Bischofs Ekbert in Bamberg. Der Bischof und sein Bruder Heinrich, der Markgraf von Istrien, wurden verdächtigt, Mitwisser zu sein, verfielen der Reichsacht und mussten fliehen. Philipp war der letzte noch lebende Sohn Kaiser Friedrich Barbarossas.


Was wäre, wenn...

Und nun beginnt unsere fiktive Reise durch die Jahrhunderte, ausgehend von den andechs-meranischen Staatsgebilden zwischen dem Patriarchat Aquileia und den Ländereien in Franken: Eine Krankheit rafft - sagen wir: im Jahr 1207 - Otto von Wittelsbach hinweg, so dass er nicht zum Mörder werden kann. Markgraf Heinrich baut sein Territorium zwischen der Steiermark und Istrien, Bozen und Triest aus. Am Obermain entsteht unter Herzog Otto II. ein meranisches Machtzentrum mit einer Akropolis in Niesten. Das Patriarchat Aquileia, das eine römische Gründung ist, wird so mächtig und einflussreich, dass der Papst sich 1264 entschließt, das verfallende Rom zu verlassen und den Sitz Petri nach Aquileia zu verlegen, wo seit dem 11. Jahrhundert eine wundervolle romanische Kathedrale steht und zudem das Klima wesentlich angenehmer ist als am Tiber. Im Lauf des 13. Jahrhunderts wachsen die Territorien der Meranier mehr und mehr zusammen. Im Bamberger Dom krönt Kaiser Horst der Große 1492 den Meranierherzog Otto Benedikt XVI. zum König von Franken-Friaul. Bamberg wird seine Residenzstadt. Das Meranierreich floriert. Der König baut Bamberg weiter aus, der Papst Aquileia. Die Wittelsbacher werden bedeutungslos und sterben 1516 schließlich aus.


Was heute sein könnte

Zeitsprung in die Gegenwart: Die europäische Geschichte, wie wir sie kennen, ist eine Illusion. Bamberg ist noch immer Hauptstadt - und Millionenstadt. Bamberg ist der Regierungssitz der Bundesrepublik Meranien, denn das Königreich ist längst passé - nach dem dritten habsburg-hohenzollernschen Erbfolgekrieg hatte die Revolution die Throne hinweggefegt. In Castell Niesten steht der prächtige Regierungspalast aus der Barockzeit, bei Ebensfeld erstreckt sich der Meranier-Airport, bei Ebern liegt das Olympia-Gelände, der Meranische Rundfunk sitzt in Laibarös und auf dem Staffelberg steht die Ekbert-Otto-Universität. Der Main ist mit einem Kanal erschlossen, Bad Staffelstein besitzt einen Hafen.