Es kommt nicht oft vor, dass auf Ebene eines Amtsgerichts ein Staatsanwalt das Wort vom "versuchten Mord" in den Mund nimmt. Am Dienstag vergangener Woche war dem so. Das Verfahren gegen einen 21-jährigen Altenkunstadter bot überhaupt sehr viele Besonderheiten.

Das Tischtuch zwischen dem Angeklagten und zwei Zeugen dürfte nach dieser Verhandlung endgültig zerschnitten sein. Doch schon der 4. März war ein tiefer Einschnitt im Verhältnis zwischen dem 21-Jährigen und einem 25 Jahre älteren Mann. Doch während der ältere Mann sich selbst als väterlichen Freund schilderte, ließ der jüngere eingangs der Verhandlung eine erstaunliche Bemerkung fallen: "Er hat sich an mir vergangen." Der Angeklagte sagte noch mehr, beispielsweise, dass er von dem älteren Mann oft kontrolliert worden sei. "Er hat mich überwachen und verfolgen lassen - mit welchen Freunden ich mich treffe und so."

Das, worum es der Anklage, vertreten von Staatsanwalt Daniel Killinger hauptsächlich ging, war der Vorfall vom 4. März. Da hielten sich der Angeklagte und der 46-Jährige auf derselben Straße auf. Der Angeklagte in seinem Pkw, der väterliche Freund als Fußgänger. Dann, so die Anklage, habe der junge Mann beschleunigen und auf den 46-Jährigen zugehalten, so dass sich dieser nur mit einem Satz zur Seite in Sicherheit bringen konnte. Darum lautete der Vorwurf auf vorsätzlichen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr. Aber der Angeklagte wies das weit von sich. "Ich bin nicht schneller als 50 gefahren und es war noch eineinhalb Meter Platz zum Rand." Und weiter: "Er ist auch nicht weggesprungen." Als er noch den Satz "Ich halte mich an Verkehrsregeln" fallen ließ, entlockte das Staatsanwalt Killinger ein vernehmbares "Hm." Tatsächlich nämlich ist das Verkehrsregister des Angeklagten voller Verfehlungen.

Alles Übertreibung?

Dass der 46-Jährige eine andere Sicht auf die Dinge hatte als der Angeklagte, war klar. Aber der Mann zeigte sich nicht belastungseifrig und auf die Nachfrage, ob es wirklich zu Kontrollmaßnahmen gekommen sei, tat er dies mit "er übertreibt manchmal" ab. Dann erging eine Warnung gegen ihn, aus gesprochen von Richter Alexander Zenefels. "Passen Sie auf mit Ihrer Antwort. Haben Sie den Vorfall eventuell aufgebauscht, damit der Angeklagte seinen Führerschein verliert?" Das verneinte der Gefragte entschieden und durfte auch Gegenwind von Rechtsanwalt Bernd Legal zu spüren bekommen. Der suchte zur Verteidigung seines Mandanten der Frage nachzugehen, ob bei dem Zeugen womöglich "psychische Probleme" vorlägen. Auch das wies der Gefragte von sich. Mit der Missbrauchsaussage des Angeklagten wurde der Zeuge weder seitens der Verteidigung noch von anderer Seite konfrontiert.

Doch als entscheidend sollte sich besonders die Zeugenaussage einer Frau auswirken, mit der der Angeklagte im März in Kontakt stand. "Er hat gesagt: Ich habe das kleine Stück Scheiße fast erwischt." Dann erzählte die 35-Jährige davon, dass sie den jungen Mann "rein in die Wohnung genommen" und ihn gemaßregelt habe. Richter Alexander Zenefels erkundigte sich an dieser Stelle nach der üblichen Wortwahl des Angeklagten. "Ist das der normale Umgangston bei ihm?" Die Antwort war eindeutig: "Ja, generell ... egal wer's ist." Bezüglich seiner Eignung als Autofahrer äußerte sich die Frau auch in drastischen Worten: "Er hat einen Bleifuß, er hält sich an nix. Ihm ist egal, ob Kinder auf der Straße rumlaufen, er hat immer sein Handy in der Hand." All diese Aussagen nahm der auf der Anklagebank neben Bernd Legal sitzende junge Mann beteiligungslos auf. So sollte es auch bei der Urteilsverkündung bleiben.

Auch wenn Killinger bemerkte, dass das Verhalten auch in der Nähe eines versuchten Mordes hätte stehen können, seien Merkmale wie Heimtücke doch erfüllt, so wollte er es beim Anklagepunkt der versuchten gefährlichen Körperverletzung belassen. Während Legal auf Freispruch plädierte, da er die Glaubwürdigkeit des 46-Jährigen bezweifelte, forderte Killinger 3200 Euro Geldstrafe, eine zehnmonatige Fahrsperre und Führerscheinentzug. Zenefels sollte auf 2800 Euro, Führerscheinentzug und eine neunmonatige Fahrsperre entscheiden.