Die Corona-Pandemie hat auch den Zeitplan am Amtsgericht Bamberg ordentlich durcheinandergebracht. So kam es, dass vor dem Jugendschöffengericht ein Fall aus dem März 2019 verhandelt wurde. Damals war es während des Faschings in Rattelsdorf zu hässlichen Szenen gekommen. Die Quittung dafür bekam ein heute 21-jähriger Arbeiter. Er muss für eine gefährliche Körperverletzung aus erzieherischen Gründen 800 Euro an den Verein Lifeline Bamberg zahlen.

Längst ist der Faschingszug durch Rattelsdorf gezogen. Nun ist es Abend. Die After-Hour-Party läuft. Auf dem Marktplatz wird noch weiter gefeiert. Keiner ist nüchtern. Vor dem Zelt spielt sich im Halbdunkel eine kuriose Szene ab. Ein sichtlich betrunkener 19-jähriger Mann möchte einem wildfremden Gegenüber, nennen wir ihn Lenny (26), unbedingt die Telefonnummer einer Bekannten geben. Als Lenny dies mehrfach ablehnt, stößt der Kuppler ihm das Smartphone wieder und wieder in den Bauch. Nicht um ihn zu verletzen, sondern um seinen Kuppel-Versuchen Nachdruck zu verleihen. Denn irgendwie möchte Lenny nicht verbandelt werden.

Irgendwann wird es Lenny zuviel. Er schubst die 19-jährige Nervensäge leicht weg. Wohl auf Grund des Alkohols kommt die ins Stolpern und fällt auf den Hintern. Das hätte Lenny im Nachhinein betrachtet nicht tun sollen. Denn ein Kumpel des 19-jährigen Mannes missversteht das als Angriff und nimmt Lenny urplötzlich von hinten in den Schwitzkasten. Der Angreifer bringt den völlig überrumpelten Lenny zu Boden und drückt so lange zu, bis der bewusstlos wird.

"Es war wie Schraubstöcke am Hals", so Lennys Anwalt Peter Plischke aus Hallstadt. Das hätte auch viel schlimmer enden können. "Wenn der Angeklagte etwas länger und etwas stärker zudrückt". Bei dem Schwitzkasten entstehen Rötungen am Hals und geplatzte Äderchen in beiden Augäpfeln. "Der Angeklagte hat es übertrieben", erklärte sein Verteidiger Christian Barthelmes. Erst Lennys Bruder (33) bringt die Rettung. Indem er sich auf den Kopf des Angreifers kniet. "Da ließ er los".

Zweiter Angriff

Doch nach dem Vorfall ist es noch nicht zu Ende. Am anderen Ende des Festplatzes kommt es beim Warten auf den Rettungsdienst kurz darauf zu einem zweiten Angriff. Dabei wird Lenny derart zu Boden geschleudert, dass ein Innenband reißt und die linke Kniescheibe herausspringt. Ein extrem schmerzhafter Moment, der für den Koch auch berufliche Probleme mit sich bringt. Schließlich muss er in der Küche meist im Stehen arbeiten. Dafür hat der Angeklagte im Frühjahr schon ein Urteil wegen vorsätzlicher Körperverletzung kassiert: 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

Wie der Vorsitzende Richter Martin Waschner ausführte, war das Eingreifen des Angeklagten anfangs noch als Nothilfe gerechtfertigt. Dann aber habe es sich zu einer ganz gefährlichen Sache entwickelt. "Irgendwann ging es zu weit.".

Letztlich blieb das Jugendschöffengericht weit unter der neunmonatigen Bewährungsstrafe, die Staatsanwältin Stefanie Zettelmeier beantragt hatte. Auch ein eigentlich angemessener Jugendarrest von zwei oder drei Wochen schien nach so langer Zeit nicht mehr erzieherisch geboten. "Sie haben sich inzwischen straffrei verhalten", so Richter Waschner. Da keine Vorstrafen zu Buche standen und der Angeklagte sein Fehlverhalten einsah, blieb es bei der im Jugendrecht üblichen Verurteilung zu einer Geldauflage. Die 800 Euro bekommt der Verein Lifeline Bamberg. Allerdings wird die Attacke zu Fasching den Angeklagten in Form von Prozesskosten, einem Schmerzensgeld und Schadenersatzansprüchen für Krankenhausaufenthalte und Verdienstausfälle noch teuer zu stehen kommen.