Zu einer echten Mammutverhandlung entwickelt sich ein Prozess vor dem Amtsgericht Bamberg. Dort muss sich ein 25-jähriger Student aus dem Landkreis Bamberg den Vorwürfen stellen, er hätte ein 13-jähriges Mädchen schwer sexuell missbraucht und vergewaltigt. Die Tat soll sich im Januar 2014 in einem Bauwagen in einem Waldstück abgespielt haben. Neue Beweise zwangen den Angeklagten am zweiten Verhandlungstag nun, erstmals einen Teil der Anklagepunkte zuzugeben.

Fast zwei Stunden dauert das Rechtsgespräch hinter verschlossenen Türen. Nicht einmal der Angeklagte darf zuhören, solange die Prozessbeteiligten miteinander über sein Schicksal verhandeln. Auch die Angehörigen des jungen Mannes, dem man vorwirft, er habe eine Mitschülerin vor sechs Jahren sexuell schwer missbraucht und sogar vergewaltigt, und einige Freundinnen des Opfers müssen warten. Schon nach einer Stunde ist erfahrenen Beobachtern freilich klar, dass sich Staatsanwalt Johannes Bartsch, Verteidiger Thomas Gärtner, die Vertreterin des Opfers, Martina Leuteritz, und das Jugend-Schöffengericht unter Vorsitz von Martin Waschner nicht werden einigen können. Ein Deal hätte lauten können: ein Geständnis im Sinne der Anklage. Dafür eine zuvor bekanntgegebene, deutlich reduzierte Jugendstrafe. Ganz nebenbei hätte man sich viel Zeit und Aufwand sparen können.

Verräterische Worte

Denn kurz zuvor ist der Facebook-Chat aufgetaucht, den das Mädchen und der Angeklagte zwischen Dezember 2013 und Oktober 2014 miteinander geführt hatten. Dabei hatte der wohl gedacht, nach so langer Zeit seien seine verräterischen Worte nicht mehr aufzufinden. Die getippten Nachrichten zeigen, dass der Angeklagte sehr wohl wusste, dass seine "Freundin" noch nicht 14 Jahre alt und damit juristisch ein Kind gewesen ist. Allerdings scheint es auch Widersprüche zur Aussage der Zeugin zu geben, die diese beim Ermittlungsrichter gemacht hatte. Nur kann man das als Beobachter nicht feststellen, denn das Video wurde zum Schutz der Intimsphäre des Täters und des Opfers unter Ausschluss der Öffentlichkeit angesehen.

Nur mit Mühe gelang es dem erfahrenen Rechtsanwalt Gärtner, seinen stets regungslosen Mandanten zu einem Teilgeständnis zu überreden. Ja, der habe sich in das Mädchen verguckt, sich verliebt, habe sexuelle Absichten gehabt. Sie sei aber mit einem Treffen in dem Bauwagen am Waldrand einverstanden gewesen. Mit seinem Auto hätte er sie vom Bahnhof abgeholt und hingebracht. "Es kam zum Austausch von Zärtlichkeiten", sprach der Jurist für den schweigenden Angeklagten. Sie hätten einander geküsst. Er habe sie unter der Kleidung berührt. "Er ging von einvernehmlichem Sex aus." Eine Ohrfeige, wie von dem Mädchen behauptet, habe es nicht gegeben. Und erst recht keinen Griff in die Hose.

Was droht dem Angeklagten?

Wenn sich die Staatsanwaltschaft durchsetzen sollte, dann dürfte es eine Jugendstrafe von bis zu zwei Jahren geben, die bei dem bislang nicht vorbestraften jungen Mann zur Bewährung ausgesetzt werden könnte. Denn aufseiten der Anklage sieht man einen schweren sexuellen Missbrauch. Allerdings schwingt im Hintergrund noch die finanzielle Frage mit. Dabei geht es nicht nur um die 2500 Euro Schmerzensgeld, die der Angeklagte angeboten hat. Viel dramatischer dürften die Schadenersatzansprüche für psychiatrische Aufenthalte und Therapien des jungen Mädchens sein, die bei einer Verurteilung am Täter hängenbleiben könnten. Je schwerer der Vorwurf, desto wahrscheinlicher ließe sich dies zivilrechtlich einklagen.

Erneute Befragung

Rechtsanwalt Gärtner sah indes nur einen einfachen sexuellen Missbrauch und plädierte für die im Jugendstrafrecht möglichen Zuchtmittel. Dabei kann es sich um erzieherisch wirkende Arbeitsleistungen und Geldauflagen, um einen Täter-Opfer-Ausgleich oder einen Jugendarrest handeln. Das geht vom Kurzarrest (bis zu sechs Tage), über den Freizeitarrest (ein bis zwei Wochenenden) bis zum Dauerarrest (maximal vier Wochen).

Nun wird genau das passieren, was der Vorsitzende Richter Martin Waschner bis zuletzt hatte verhindern wollen. Eine erneute, konfrontative Befragung des inzwischen 19-jährigen Mädchens. Mit all den traumatischen Folgen, die das für die psychisch labile Studentin bedeuten kann.