Matthias Einwag Viele Faktoren veränderten das Geschäftsleben in den vergangenen Jahrzehnten. Angefangen bei der Thermalbaderöffnung (1986) und Grenzöffnung (1989), die der Stadt viele Urlauber und Kurgäste sowie den Gewerbetreibenden neue Kundschaft brachten bis zur Digitalisierung, zum Onlinehandel und bargeldlosen Zahlungsverkehr. Wie sie den Wandel erlebten, schildern uns Heidi Aigner-Klob, Rosi Jörig, Christine Edelmann, Susanne Mayr, Rainer Büschel und Roger Mayer.

Vor genau 30 Jahren übernahmen Rosi Jörig und Heidi Aigner-Klob das Fotostudio Bornschlegel (heute "promedia"). "Zwei jungen Frauen wurde das damals nicht zugetraut", erinnert sich Heidi Aigner-Klob. Es sei ein weiter Weg gewesen von der analogen zur digitalen Fotografie. In Zeiten des Online-Handels haben die beiden Fotografenmeisterinnen jüngst die Erfahrung gemacht, "dass die Leute ein Geschäft mit einer Tür schätzen", wie Rosi Jörig sich ausdrückt. "Wir punkten mit Regionalität und mit Service, denn die Menschen wollen jemanden gegenüber haben", fährt sie fort. "Inzwischen haben wir in der Stadt eine ältere Klientel aus Hamburg, Stuttgart und Berlin, denn diese Menschen investieren dort in Immobilien, wo es ihnen gefällt", sagt Heidi Aigner-Klob.

Aufschwung durch die Therme

Diese Entwicklung stellt der Augenoptiker und Optometrist Rainer Büschel ebenfalls fest. Er hatte sich vor 30 Jahren ganz neu in Staffelstein angesiedelt, weil er die Entwicklung der Obermain-Therme als vielversprechend einschätzte: "Es gab damals eine Aufbruchstimmung, aber das ist heute anders." Als Geschäftsmann dürfe man jedoch nicht den Kopf in den Sand stecken, man müsse eben umgestalten. "Es ist eine normale Entwicklung: Die Leute haben heute mehr Kapital und kaufen mehr", sagt er. Generell sieht er für die Stadt eine gute Entwicklung: "Ich glaube, dass Bad Staffelstein eine Riesenzukunft hat."

Christine Edelmann, die 1989 die Drogerie ihrer Eltern übernahm und sie zur Parfümerie umwandelte, spricht von einer neuen Struktur durch den Internet- und Onlinehandel: Während die meisten Leistungen gleich geblieben sind , änderte sich der Verkauf. Inhabergeführte Parfümerien in Deutschland nähmen ab, denn Märkte und Ketten führten zu anderem Kaufverhalten. Die Stammkunden (Fußpflege, Maniküre, Kosmetikanwendungen) blieben treu, doch sei der Trend zu beobachten, dass sich Kunden im Internet vorinformierten und erwarteten, "dass man auf dem neuesten Stand ist".

Verlagerung an den Stadtrand

Zu den Filialen großer Ketten komme in Bad Staffelstein der Wandel durch die Umgehungsstraße (Frankenring), merkt Rainer Büschel an. Es sei zu einer Filialisierung am Stadtrand gekommen. Das Verhalten der Besucher umreißt er so: "Konsumiert wird nach dem Thermenbesuch außerhalb - und dann geht's noch zum Essen nach Loffeld." Er gibt zu: "Aldi & Co. gehören raus, an den Stadtrand. Ich wüsste auch nicht, wie man's besser macht." Und er zitiert Altlandrat Reinhard Leutner: "Am liebsten würden die Leut' am Sonntag in die Kirch' neifahr'n."

"Das große Problem liegt beim Fachpersonal", so Büschel weiter, denn in seiner Branche werde zu wenig ausgebildet. Christine Edelmann gibt ihm Recht, denn den Beruf des Drogisten erlerne heute ebenfalls kaum noch jemand. "Durch die Filialisten wird die Gesamtqualität der Leistungen verändert", sagt Christine Edelmann, und Rainer Büschel stimmt ihr zu: "Alles geht auf Masse und günstigere Personalkosten."

Susanne Mayr übernahm 1998 die 1911 von ihrem Urgroßvater in Kleukheim gegründete und seit 1954 in der Staffelsteiner Angerstraße angesiedelte elterliche Bäckerei; führt sie das Stadtcafé. Sie prangert die überbordende Bürokratie heutzutage an: "Mit der Meisterprüfung allein schaffst du's nimmer." Deshalb bildete sich die Konditormeisterin zur Betriebswirtin fort. 24 Angestellte hat sie, darunter fünf Lehrlinge. "Wir haben viel mehr Bürokratie, man kann sich weniger als früher ums eigentliche Geschäft kümmern - und für die Lehrlingsausbildung bleibt zu wenig Zeit." Durch die vielen Touristen im Staffelsteiner Land hat sie freilich volle Auftragsbücher, denn ihre Bäckerei und die Konditorei beliefern nicht nur den eigenen Laden und das Stadtcafé, sondern auch Hotels.

Verbale Grobheiten nehmen zu

Was Susanne Mayr beobachtet hat: Der Umgangston hat sich in den vergangenen Jahren nicht zum Positiven verändert. Die Leute wurden ichbezogener, dreister und ungeduldiger, sagt sie. Auf solche Kunden reagiere sie besonders freundlich, etwa mit dem Satz: "Setzt euch halt einfach in die Sonne und genießt - auch wir müssen den Kaffee erst einschenken." Rainer Büschel hat ebenfalls diese Verrohung der Sprache bemerkt: "Es gibt immer mehr Ausreißer als früher."

Probleme, Lehrlinge zu finden, hat Susanne Mayr nicht: Sie geht an Schulen und wirbt dafür, Berufe wie Bäcker, Konditor, Bäckerei- und Konditoreifachverkäufer zu ergreifen, weil diese eine gute Basis böten, auf der eine berufliche Zukunft aufgebaut werden könne. "Ich fang' schon im Kindergarten an, lass' die Kinder bei mir backen - das zahlt sich aus, ich finde immer noch genug Mitarbeiter", sagt sie. "Ich will ihnen die Freude am Beruf beibringen, denn dies ist der schönste Beruf der Welt."

Die Öffnung der innerdeutschen Grenze habe in der Folge die Geschäftswelt verändert, findet Rainer Büschel: "Bad Staffelstein ist internationaler geworden." Der Tourismus bringe Menschen aus aller Welt an den Obermain: "Wir haben Asiaten als Kunden, etwa eine Frau aus Vietnam, die eine Sonnenbrille bestellte."

Das bargeldlose Zahlen habe in den vergangenen Jahrzehnten rapide zugenommen, fährt der 59-Jährige fort und ergänzt: "Drei Viertel unserer Kunden zahlen mit Kreditkarte. Junge Kunden begleichen sogar winzige Beträge bargeldlos." Etwa zehn Prozent seines Umsatzes laufe inzwischen über den Onlinehandel, sagt der Optiker. "Beratungsintensive Produkte haben eine große Zukunft", urteilt er, "doch wenn Produkte verkauft werden, die keine Beratung erfordern, wird dieses Geschäft von Ketten abgedeckt." Rainer Büschel macht jedoch einen Trend aus, dass Kunden nun zwischen wieder in persönlichem Kontakt beraten und individuell betreut werden möchten. Rosi Jörig: "Und diese Individualisten geben für eine Leistung mehr Geld aus."

Bürokratie nahm stark zu

Die steuertechnischen Auflagen durch das neue Kassensystem erforderten heute viel größeren zeitlichen Mehraufwand in der Buchführung als früher, sagen Christine Edelmann, Susanne Mayr und Rainer Büschel. Der Radio- und Fernsehtechnikermeister Roger Mayer stimmt zu: "Das Dokumentieren und der Aufwand im Büro haben in den vergangenen fünf bis zehn Jahren so extrem zugenommen, dass man sich weniger um seine Kundschaft kümmern kann."

Kunden möchten Serviceleistung

Roger Mayer, der den seit 1963 bestehenden Elektrofachbetrieb seines Vaters Ludwig fortführt und seit 1986 eine Filiale in Hochstadt (EWH - Elektrowaren Hochstadt) betreibt: " Markengeräte sind mit Service verbunden - und diese Geräte sind meist im Internet nicht billiger als bei uns." Erklärend fügt er an: "Wir leben hauptsächlich vom Service, wenn wir vom Verkaufen leben müssten, müssten wir zusperren." Durchs Internet und die Vergleichsmöglichkeit der Produkte habe sich der Markt sehr verändert. Ein Produkt müsse jedoch zum Kunden passen, meint er. Das sei im Internethandel nicht immer gewährleistet: "Wir wollen, dass der Kunde ein Produkt kauft, mit dem er zurechtkommt."

Mayer blickt positiv in die Zukunft: "Wir halten unsere Leute." Und das, obwohl viele gut ausgebildete Fachkräfte in die Industrie gingen: "Bei Bosch arbeiten mindestens 20 Mann, die bei uns gelernt haben." Vielleicht kommen ja einige irgendwann einmal zurück. Die Chancen stünden nicht schlecht.

Altersgruppe 45plus profitiert

"Große Industrien wie Michelin bröckeln", findet Heidi Aigner-Klob, weshalb sie einen Trend "zurück zum Mittelstand" sieht. "Für die Altersgruppe 45plus ist in Staffelstein viel passiert", hält Rainer Büschel fest. Leider machten Jugendliche und junge Erwachsene, die keine Dienstleistungen bräuchten, nur klick und bestellten im Internet. Rosi Jörig hat festgestellt: "Persönlichen Service und Kundenbindung - das ist es, was der Mensch heute braucht in dem ganzen Wirrwarr der Welt."

Ob sie den Schritt in die Selbstständigkeit jetzt noch einmal wagen würden? Rainer Büschel: "Wahrscheinlich würde ich's wieder machen." Rosi Jörig: "Ja, denn alle unsere Berufe sind heute längst im Digitalzeitalter angekommen." Roger Mayer: "Ja, denn die Elektronik im Alltag nimmt zu, man denke nur an das Smart-home."

Und was ist wünschenswert in der Badstadt? Rainer Büschel: "Die zügige Fertigstellung des Umbaus der Bahnhofstraße."