Seit sechs Monaten ist vieles anders. Die Kommunalwahl am 15. März war noch nicht komplett ausgezählt, da rief Bayern den Katastrophenfall aus. Das hatte freilich nichts mit der Kommunalwahl zu tun, sondern mit der Ausbreitung des damals so bezeichneten "neuartigen Coronavirus". Beides hatte Neuerungen zur Folge. In Coburg ganz besonders.

Dass es einen neuen Oberbürgermeister geben würde, war klar, weil der alte nicht mehr antrat. Dass es Dominik Sauerteig von der SPD wurde, hat viele überrascht - und noch mehr überraschte die Routine und Sicherheit, mit der er sich ins neue Amt einfand. Sichtbar wird das vor allem in den Stadtratssitzungen, die - wegen Corona - seit Mai im Kongresshaus stattfinden. Sitzungsleitung ist kein einfaches Geschäft, wenn man die Rednerliste und die Entwicklung der Diskussion im Blick behalten und gleichzeitig dafür sorgen muss, dass die Geschäftsordnung gewahrt bleibt. Sauerteig macht das gut - und ihm ist neulich sogar etwas gelungen, was keiner seiner beiden Vorgänger ernsthaft versucht hat: Gerhard Amend (CSB) durfte sich zu einem Punkt nur einmal zu Wort melden und dann nicht mehr. Denn die Geschäftsordnung sagt, dass jedes Stadtratsmitglied zu jedem Punkt nur einmal sprechen soll - vom Sitzungsleiter abgesehen. Gerhard Amend, als langjähriger Vorsitzender Richter permanentes Rederecht gewohnt, hat seine Leidenschaft für die Politik nicht immer ganz im Griff. Ein Stadtrat, der öfter reden will, muss zu dem Kniff der Nachfrage greifen. Das haben auch die neuen Stadträte schnell heraus gehabt.

Überhaupt, neue: Der Coburger Stadtrat ist grüner und weiblicher geworden. Auch die Themengewichtung hat sich verschoben. Klimaschutz hat einen höheren Stellenwert als bisher, sichtbar darin, dass es einen neuen Senat für Bauwesen/Klimaschutz, Mobilität und Energie neben einem für Stadt- und Verkehrsplanung geben wird. Welcher Senat wofür zuständig ist, wird nächsten Donnerstag festgelegt. Zudem soll ein berufsmäßiger Stadtrat sein das Bauamt leiten, weil es jemand mit einschlägiger Kompetenz sein soll - auch eine Neuerung in Coburg.

Manche Themen nächsten Donnerstag sind nicht so ganz neu. Sie kommen nur von neuen Stadtratsmitgliedern: Michael Zimmermann (FDP) möchte eine neue Straße von Cortendorf nach Rögen mit Radweg daneben. Zumindest der Radweg stand schon mal im mittelfristigen Investitionsplan und flog wieder raus, weil finanziell nicht darstellbar. Mal sehen, ob sich die neuen politischen Prioritäten (mehr Klimaschutz, mehr Radfahren, mehr Transparenz) auch im Investitionsplan niederschlagen. Wenn dort noch Platz ist: Globe und Landestheater stehen schon drin, Schulsanierungen sind noch abzuwickeln, und am Schlachthof soll ja auch etwas getan werden.

Zu den neuen alten Themen gehört auch die Versorgung der Stadt mit Hausärzten. Hier hat Christina Vatke (CSU) einen Antrag gestellt und die Situation durchaus richtig analysiert: Sich im Landkreis anzusiedeln ist für Hausärzte derzeit attraktiver, weil das staatlich gefördert wird. Doch sollte die Stadt hier Konkurrenz machen? Oder sollte man auf der landespolitischen Ebene etwas ändern? Da dürfte die CSU einige Möglichkeiten haben. Abgesehen davon ist die Anwerbung von Ärzten eins der Schwerpunktthemen der Gesundheitsregion Plus von Stadt und Landkreis mit aufwendiger Werbekampagne. Sogar die von Vatke vorgeschlagene Hilfe bei der Suche nach Wohnungen und einem Arbeitsplatz für den Partner gibt es schon. Möglicherweise ist da das eine oder andere verbesserungsfähig - aber neu zu erfinden braucht man es nicht.

Was sich in den vergangenen sechs Monaten geändert hat, ist die Sichtweise auf manche Dinge. Als es im alten Stadtrat einen Vorstoß gab, die Sitzungen im Internet zu streamen, damit jeder dabei sein kann, der sich nicht auf den Weg ins Rathaus machen will, gab es vor allem Argumente dagegen: zu aufwendig, zu umständlich, datenschutzrechtlich nicht ganz klar. Diese Ansicht könnte sich geändert haben, jetzt, wo wir uns alle an Videokonferenzen gewöhnt haben oder zumindest an das Wort. Die Konferenztechnik ist inzwischen so weit, dass man am Tisch sitzen kann, ohne selbst da zu sein. Telepräsenz ist das neue heiße Ding.

Die Geräte für Erwachsene sehen aus wie ein Tablet auf einem Stativ, platziert am Tisch anstelle des Bildschirms an der Wand. Für Kinder, die nicht zur Schule gehen können, wurde schon vor drei Jahren eine Büste vorgestellt, die stellvertretend im Unterricht sitzt. Von zu Hause aus per Handy gesteuert, überträgt sie Bild und Ton. Über diesen Datenübertragungskopf können sich die Schüler sogar melden und mitdiskutieren. Wenn also demnächst über neue Sitzungstechnik mit elektronischer Abstimmung und alldem nachgedacht werden sollte, dann wäre es vielleicht nicht verkehrt, solche Erweiterungsmöglichkeiten offen zu halten. Man stelle sich eine Stadtratssitzung vor, in der nur die maschinellen Vertreter sitzen. Kein Problem mehr mit dem Datenschutz und dem Dazwischenreden. Das reguliert sich dann alles von alleine. Niemand bräuchte eine Maske, jeder hätte einen bequemen Stuhl, und keiner könnte mehr versuchen, heimlich nicht mit abzustimmen, denn das System merkt alles.

Undenkbar? Naja, der jetzige Zustand erschien vor sechs Monaten auch noch undenkbar. Überall soll man Abstand halten, aber im Schulbus kann es eng zugehen. Dieses Thema steht am Donnerstag erneut an. Klaus Klumpers (ÖDP) lässt nicht locker.

s.bastian@infranken.de