von unserer Mitarbeiterin Pauline Lindner

Eggolsheim — Klimawandel - Klimakatastrophen. Diese Schlagworte tauchen immer wieder in den Nachrichten auf. Doch sie sind keineswegs ein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Richard Dübell hat in seinem historischen Roman "Zorn des Himmels" eine vergleichbare Epoche herausgegriffen, das 14. Jahrhundert.
"Eines der schlimmsten Jahrhunderte überhaupt, 1348 kam die Pest und forderte 25 Millionen Tote in ganz Europa. Davon ist unser Mittelalterbild bis heute geprägt" Und sechs Jahre zuvor wurde das Heilige Römische Reich Deutscher Nation von einer Wetter-Katastrophe heimgesucht, die in der Magdalenenflut gipfelte.


MIt dem Boot über die Stadtmauer

Am 16. Juli 1342 kam es im Süden Deutschlands zu verheerenden Sturzfluten. Nach einem nassen Frühjahr herrschte monatelange Trockenheit, und der ausgedörrte Boden konnte die gewaltigen Wassermassen nicht aufnehmen. In Würzburg zeigte der Pegel 13 Meter über Normal und in Köln konnte man mit Booten über die Stadtmauer fahren.
Aus den spärlichen Wetteraufzeichnungen jener Zeit weiß man, so Dübell, dass die zwei Dekaden zuvor durch Kälte und Nässe in den Sommermonaten aus dem Rahmen fielen. Vulkanausbrüche in der Südsee, so weiß man heute, haben zu diesen Klimaverzerrungen geführt.


Mit düsterer Musik untermalt

Dieses Prämissen brachte Dübell bei der letzten Blätterwald-Lesung dieses Jahres auf der Jägersburg dem Publikum durch lebhafte Szenarien nahe: der verzweifelte Kampf eines Deutschordens-Ritters um das Leben eines Gauklers, der in einem verschlossenen Karren ertrinken muss. Der verkrüppelte Mann ist die Symbolfigur für alle Opfer, die die "schlimmste Überschwemmung in Europa" (Dübell) forderte. Düstere Musik, die Dübell auch beim Schreiben als Hintergrund gewählt hatte, sorgt für die passende Gefühlslage bei den Zuhörern.
Es sind plastische, farbige Bilder, die Dübell entstehen lässt. Auch wenn die Ortsnamen im Duktus der damaligen Zeit verwendet werden, sprechen die Handelnden unsere Sprache, haben Charaktere, deren Motive wir verstehen. So könnte die Streitszene zwischen dem Chef der Kaiserlichen Garde Hilpolt Meester und den Frankfurter Ratsherrn auch erst gestern stattgefunden haben: Schutzmaßnahmen für ein Staatsoberhaupt kontra wirtschaftliche Interessen.


Schuppenkratzer

"Geschäfte von ein paar Schuppenkratzern", wie Meester die Fischer- und Fährmannszunft verunglimpft, gegen die Sicherheit des Kaisers Ludwig des Bayern, der sich mit dem Papst überworfen hatte und dem Kirchenbann unterworfen wurde. Wegen ihm sei der Zorn Gottes losgebrochen, wurde allenthalben kolportiert.


Gut nachvollziehbar

Es ist eine absolut greifbare, gut belegte Situation, in die Dübell die Geschichte der Fährmannstochter Philippa, ihres Verlobten Albrecht und des geheimnisvollen Matthias einbettet. Dübell lässt den Leser durch zwei Szenen nur ahnen, dass hier ein Konflikt ausbrechen wird.
Und wieder ist es eine scheinbar alltägliche Begegnung: Auf der Mainbrücke kontrolliert die Leibgarde ankommende Fuhrwerke, ein Streit zwischen den Soldaten und der "Kaufmannsmiliz" bricht aus. Die Streithähne werden immer giftiger, Dübells Stimme immer lauter. Da mischt sich noch ein Stiftsprobst ein. Besonderes Kennzeichen, ein kräftiger Sprachfehler. Dübell "imitiert" ihn trefflich, so dass das Publikum herzhaft auflachen muss.


Vom MIttelalter fasziniert

Drei Monate etwa schreibt der Autor an der Endfassung eines Romans; zwei Monate arbeitet er das Exposé aus. Wie lange er recherchieren müsse, wird er gefragt. "14 Tage", lautet die verblüffende Antwort. So lange dauere das Verifizieren von Fakten, die er überwiegend im Internet finde, durch örtliche Fachleute und Archivare. Vieles wisse er längst aus seiner fortdauernden Beschäftigung mit dem Mittelalter, das ihn seit der Kindheit fasziniert. Manches wie Reiten oder Schwertkampf hat er selber durch Kurse erlernt. Originaltreue, historische Authentizität ist das eine, die Beziehung zur Gegenwart das andere Element, aus denen Dübells Phantasie schöpft.