Friederike Stark

Hermann Jäger ist ein echter Ureinwohner in Tretzendorf. Seit seiner Geburt lebt der 67-Jährige in dem beschaulichen Ort in der Gemeinde Oberaurach. "Und hier werde ich auch sterben", sagt er und man spürt, dass er seine 400 Einwohner zählende Heimatgemeinde liebt. Doch momentan ist diese Liebe etwas getrübt.


Angezeigt von der Gemeinde

Denn Hermann Jäger wurde angezeigt. Des Diebstahls bezichtigt. Von der Gemeinde Oberaurach mit dem Rathaus in Tretzendorf, dem Ort, den er liebt, den er seine Heimat nennt.
Wie ist das passiert? Jäger und seine Frau schütteln noch immer fassungslos den Kopf. Dass ihnen beiden so etwas einmal passiert, nein, damit haben sie nicht gerechnet. "Ich hab' doch nur meinem Nachbarn geholfen", sagt Hermann Jäger.
Es war an einem freundlichen Frühlingstag, als Maria Jäger von ihrem Balkon aus sah, dass der Nachbar, "ein älterer Mann", sich an der groß gewachsenen Salweide unterhalb des Grundstücks der Familie Jäger zu schaffen machte. Sie rief ihren Mann hinzu und der erinnerte sich, dass eben dieser Nachbar vor einiger Zeit sagte: "Die Salweide muss weg."
Denn: Die Salweide stand zu dem Zeitpunkt auf einem schmalen, abschüssigen Grasstreifen. "Und die morschen Äste hingen weit in den privaten Zufahrtsweg zum Haus meines Nachbarn hinein." In den Augen des Nachbarn und der Jägers stellte die Salweide tatsächlich eine Gefahr dar. "Schließlich ist an diesem Abhang schon einmal ein Baum umgefallen, einfach so. Einen Tag, nachdem an gleicher Stelle Kinder gespielt hatten", erinnert sich Jäger.


Wenn aus Hilfe eine Anzeige wird

Nun stand der ältere Nachbar mit "hochrotem Kopf" auf dem kleinen Hang vor Jägers Haus und mühte sich an der Weide ab. "Meine Frau sagte, ich solle ihm doch mal helfen", erinnert sich Jäger und fügt, bemüht um ein wenig Galgenhumor, hinzu: "Eigentlich ist meine Frau schuld an allem."
Hermann Jäger half dem Nachbarn, die "wild und unkontrolliert vor sich her wachsende, ganz gewöhnliche Salweide" zu entfernen. "Im Nachhinein war das falsch und das tut mir auch leid. Ich hätte bei der Gemeinde nachfragen müssen, ob sie einverstanden ist", sagt Jäger. Denn der abschüssige Grünstreifen, auf dem die Salweide stand, gehört der Gemeinde.
Im Rathaus ärgerte man sich genau darüber: "Es kann nicht sein, dass Bürger auf Grünflächen der Gemeinde einfach so Bäume fällen", sagt Oberaurachs Bürgermeister Thomas Sechser (CSU). Deswegen forderte die Gemeinde in einem Schreiben die Jägers auf, Stellung zu dem Vorfall zu nehmen. In dem Brief, der dem Fränkischen Tag vorliegt, ist von "Sachbeschädigung" die Rede.
Daraufhin hat sich Maria Jäger, wie sie darstellt, telefonisch bei der Gemeinde erklärt. "Der Gemeindemitarbeiter, mit dem ich sprach, sagte schon, dass dennoch mehr auf uns zukommen könnte", erinnert sich Maria Jäger. Dass aber eine Anzeige wegen Diebstahls bevorstand, damit rechneten die Jägers nicht. "Die Sachbeschädigung sehe ich ja ein, aber ich habe nichts geklaut", sagt Hermann Jäger.


Sachbeschädigung oder Diebstahl

Inzwischen nämlich warf die Gemeinde den Jägers und dem Nachbarn vor, "sich den Holzschlag angeeignet zu haben", wie es im Schreiben der Polizei heißt. "Dass ich deswegen eine Stunde bei der Polizei wie ein Schwerverbrecher verhört wurde, das war zu viel für mich", sagt Jäger wütend. Und erklärt: "Ich war nicht mal dabei, als das Holz weggebracht wurde."
Bürgermeister Sechser hingegen reagiert gelassen: "Wir hatten nur gesehen, dass Herr Jäger beim Fällen des Baumes beteiligt war." Für den Bürgermeister der Gemeinde steht fest, dass es richtig war, den Fall von der Polizei prüfen zu lassen. "So ganz verstehe ich die Aufregung nicht: Das Verfahren wurde doch eingestellt", sagt Sechser.
Jäger kam der Aufforderung der Polizei nach und erklärte sich. Und Ende Juni kam das erlösende Schreiben von der Staatsanwaltschaft aus Bamberg, dass das Ermittlungsverfahren gegen Hermann Jägers wegen Diebstahls nach Paragraf 170 Abs. 2 StPO eingestellt wurde. Für Sechser ist damit der Fall erledigt. Aber nicht für die Jägers. "Wir müssen uns noch immer hier als Holzdiebe beschimpfen lassen", sagt Hermann Jäger. Immer wieder werde er, so schildert der Tretzendorfer, auf den Vorfall angesprochen - auch von Leuten aus Orten, die weiter entfernt liegen. Und den Vorwurf des Holzdiebs will er nicht auf sich sitzen lassen. Auch deswegen wandte er sich an die Zeitung. Und er wünscht sich eine öffentliche Entschuldigung von der Gemeinde und erwartet vom Bürgermeister, "dass er in Zukunft die Leute erstmal direkt anspricht, bevor Anzeigen erstattet werden".


Versöhnliches Ende

Bürgermeister Sechser zuckt mit den Schultern: "Woher die Leute von der Anzeige wissen, weiß ich nicht. Aus der Gemeinde hat das sicher niemand erzählt." Aber er findet Jägers Vorschlag, nächstes Mal erst das persönliche Gespräch zu suchen, durchaus sinnvoll. Dann wäre es wohl nicht zu dieser Aufregung gekommen. Thomas Sechser sagt versöhnlich: "Für mich ist der Fall erledigt. Und wir werden sicher keine weiteren Schritte gegen die Jägers einleiten."