Vor hundert Jahren entschied die Oberste Heeresleitung (OHL) nach dem Frieden von Brest-Litowsk im Frühjahr 1918, die im Osten frei gewordenen Truppen an der Westfront einzusetzen. Mit den zusätzlichen Kräften sollte der Weltkrieg auch im Westen gewonnen werden. Dieses letzte militärische Aufbäumen kostete vielen jungen Männern auch aus unserer Region das Leben.
Am 21. März 1918 begann die unter dem Decknamen "St. Michael" geplante Frühjahrsoffensive. Bis Ende Mai machten die deutschen Truppen erhebliche Geländegewinne, wurden dann aber gestoppt, weil mit der stetig wachsenden Zahl amerikanischer Soldaten die Alliierten ihre Front stabilisieren und ab dem 11. Juni sogar mit ersten Gegenangriffen beginnen konnten.
In dieser Schlussphase des Krieges beklagten die Deutschen 641 000 Mann Verluste; das waren neben dem August und September 1914 die höchsten während des Krieges. Ablesen lässt sich das auch jeweils an der Zahl der Gefallenenanzeigen in den drei Tageszeitungen der Region: dem "Forchheimer Tagblatt", der "Forchheimer Zeitung" und dem Ebermannstadter "Wiesent-Boten".


Gefallenen-Anzeigen

Allein im "Wiesent-Boten" erschienen 24 Gefallenen-Anzeigen zwischen dem 21. März und dem 30. Juni 1918. Als Todesursache wurde häufig eine Verletzung durch Granaten genannt, aber auch Beschuss mit Bomben und Maschinengewehrfeuer vom Flugzeug aus.
Gleich am ersten Tag der Offensive fiel aus Hollfeld der "Jüngling Fritz Engelhardt" zusammen vier Kameraden "beim Bedienen seines Geschützes", wie es in der Todesanzeige hieß - im Alter von knapp 20 Jahren und noch nicht einmal ein Jahr im Krieg. Die Mehrzahl der Gefallenen aber starb wie Konrad Ott aus Ebermannstadt nach mehrjähriger "ununterbrochener und treuester Pflichterfüllung den Heldentod fürs Vaterland". Wie Ott waren viele "Inhaber des Eisernen Kreuzes 2. Kl.".


Hohe Verluste

Nicht nur die hohen Menschenverluste machten der Heeresführung zu schaffen. Zunehmend traten ab 1918 an der Front auch Disziplinprobleme auf. Oftmals marschierten Soldaten nicht weiter vor, wenn sie in den Stellungen der Gegner Lebensmittel und Alkohol vorfanden, andere fragten sich: Wofür sich aufopfern? Etwa fürs Vaterland und seine heiligen Güter? Nein, den Patriotismus hatten sie schon längst alle begraben. Sie wollten keinen Eroberungskrieg mehr führen. Diese Ansichten teilen 95 Prozent sämtlicher Truppengattungen im Felde, heißt es in einem Feldpostbrief an das preußische Kriegsministerium.


Heimat wusste Bescheid

In den drei örtlichen Tageszeitungen war von der verzweifelten Lage an der Front nichts zu lesen. Dafür sorgte schon die Zensur. Dass man aber trotzdem davon in der Heimat wusste, belegen die Wochenberichte der kommunalen Behörden. Die Stimmung in der Bevölkerung sei "sehr gedrückt", schrieb der Forchheimer Bezirksamtsvorstand, und werde "durch Gerüchte beeinträchtigt, als ob im Westen einige tausend Mann zu den Feinden übergegangen seien, als ob der Kurswert der Kriegsanleihepapiere auf die Hälfte des Nennwertes herabgesunken sei und dergl." Urheber dieser Flüsterpropaganda, so sein Bayreuther Amtskollege, "seien meistens die von der Front kommenden Militärurlauber, welche auf ihren Eisenbahnfahrten und in der Heimat die unglaublichsten Dinge über Vorkommnisse an der Front und über die militärische Lage verbreiten, die von der Bevölkerung trotz aller Unwahrscheinlichkeit geglaubt und weiter verbreitet werden. Wie muss es auf die Bevölkerung wirken, wenn Urlauber - auch Unteroffiziere - erzählen, dass unsere Truppen jetzt ,regimenterweise' zum Feinde ,überlaufen' und dass wir militärisch unterliegen müssen?"
Aus Pegnitz kamen ähnliche Beobachtungen. Der Amtsvorstand teilte nach Gemeindevisitationen in Volsbach, Reizendorf, Christanz, Kirchahorn, Brünnberg usw. Anfang September mit, dass er sich nicht nur mit Bürgermeistern, Geistlichen und Lehrern, sondern auch mit Landwirten und Gewerbetreibenden eingehend über die politische Lage unterhalten und dabei eine niedergedrückte und vielfach verärgerte und verbitterte Volksstimmung erfahren habe. Gleichzeitig häuften sich die Beutezüge der Großstädter auf dem Lande. Zum Teil nahmen sie Auswüchse an, deren die Polizei nicht mehr Herr wurde. Die öffentliche Sicherheit geriet in Gefahr.


In Gruppen durch das Dorf

Im März wurde vom Bahnhof Plankenfels berichtet, dass mit dem Abendzug aus Bayreuth Hamsterer einfielen, in Gruppen durch das Dorf zögen, Beute machten und sich ab Dreiviertel 12 Uhr im Bahnhof bis zur Abfahrt ihres Zuges um 3 Uhr bei Mundharmonikamusik sammeln und sogar das Tanzbein schwingen würden. "So sieht's jetzt in der Kriegszeit aus. Es ist eine wahre Plage, in welcher Weise die Hollfelder und Waischenfelder Gegend mit Hamsterern tagtäglich, hauptsächlich aber samstags überschwemmt wird. Die Station Plankenfels ist machtlos und muß notgedrungen den Wartesaal offen lassen, sonst - . Es wäre höchste Zeit dem Treiben einmal Einhalt zu gebieten."
Drei Tage später beschlagnahmten Beamte des Kriegswucheramtes am Bahnhof in Bamberg "4 Ztr. Fleisch und Wurstwaren, 6 Ztr. Mehl, 3 Ztr. Butter und Schmalz, ½ Ztr. Käse und über 1600 Eier. Die Lebensmittel stammen meist von gewerbsmäßigen Schleichhändlern", berichtete der Wiesent-Bote am 30. März 1918.
Auch in Forchheim wurden am Bahnhof Lebensmittel konfisziert. Aber der Magistrat verzichtete auf Anzeigen und vereinnahmte lediglich die Waren für die Versorgung in der Stadt.
Die Not vor hundert Jahren war groß: nicht nur wegen der hohen Verluste an der Front, sondern auch, weil an der "Heimatfront" die Polizei nicht mehr Herr der Lage war. Aber es sollte noch schlimmer kommen.