Sie haben sich nicht getroffen. Jedenfalls fehlt der Beweis dazu, dass sich die beiden Künstler, welche die Kunst des Mittelalters mit Münnerstadt verbunden haben, je begegnet sind. Der Würzburger Tilman Riemenschneider (um 1460 - 1531) und Veit Stoß (um 1447 - 1533) haben in der unterfränkischen Provinz Kunstgeschichte geschrieben. Das hat sehr anschaulich und lebendig der Kunsthistoriker und Direktor des Bayerischen Nationalmuseums München, Dr. Franz Matthias Kammel, in der ausgebuchten Alten Aula vorgetragen.

Dr. Kammel (58) hat Kunstgeschichte in Berlin studiert und war wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Skulpturensammlung der Staatlichen Museen in Berlin. Später leitete er das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg. Seit vier Jahren ist Dr. Kammel Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums in München. Begegnungen mit den Münnerstädter Werken Riemenschneiders waren bei seinem Werdegang unvermeidlich. In Berlin befinden sich die originalen Apostel und zwei Bildtafeln und in München ist er jetzt Herr über die Zentralfigur der Maria Magdalena.

"Kunst und Verbrechen, Veit Stoß und der Altar Tilman Riemenschneiders", so lautete das Thema des Abends

Veit Stoß ist nach bisherigen Erkenntnisse in Horb am Neckar geboren. Seine Ausbildung ist wahrscheinlich in Straßburg und/oder Ulm erfolgt. Hier lässt er sich unter anderem vom Bildhauer Nicolaus Gerhaert beeinflussen. Dieser setzte als einer der ersten Kleidungsstücke auf die Skulptur, so dass sie die Sichtweise der Dreidimensionalität verstärkte.

Ansehen und Wohlstand

Veit Stoß ging 1477 nach Krakau, wo er zwölf Jahre an der Schaffung der Hochaltarretabel in der Marienkirche arbeitete. Die geniale, filigrane Bildhauerarbeit verdiente den hohen Respekt der Auftraggeber und der Bevölkerung. Veit Stoß kommt zu Ansehen und Wohlstand, er kauft ein Haus und investiert in lukrativ erscheinende Projekte. Seine Werkstatt erledigt Bestellungen privater, kirchlicher und adeliger Auftraggeber. Besonders das Grabmal des polnischen Königs Kasimirs IV. soll hier genannt werden.

1496 kehrt er aus nicht ganz geklärten Gründen nach Nürnberg zurück, wo er schon vor Krakau gewesen ist. Die Bürger- und Arbeitsrechte erhielt er dadurch schnell und auch die Beauftragung neuer Arbeiten war kein Problem gewesen.

Das verdiente Geld musste einmal gesichert und dann möglichst auch vermehrt werden: Veit Stoß begann im Handel verschiedener Waren zu spekulieren und investierte bei den falschen Kaufleuten. Mindestens einer von zweien war wenigstens per Gericht greifbar, so dass Veit Stoß es mit einer Klage versuchte, um wieder an sein Geld - 1265 Gulden - zu kommen. Dabei fälschte er einen Schuldschein, weil das Original ihm angeblich gestohlen worden war.

Den Betrug ließ sich das Gericht und damit auch der Rat der Freien Reichsstadt Nürnberg nicht bieten. Dort hatte die größte und wichtigste Stadt im Mittelalter einen guten Ruf zu verlieren. Besonders der Handel und damit die Kaufleute waren zu besonders vorbildlichem Verhalten verpflichtet. Auch der angesehene Bildhauer und Geschäftsmann Veit Stoß konnte da nicht geschont werden.

Glühende Eisen durch die Wangen

Er verlor die Bürgerrechte und wurde gebrandmarkt, also mit einem glühenden Eisen beide Wangen durchgestoßen. Dem Tode durch den Strang entging er durch eine Teilbegnadigung. Widerrechtlich verließ er jedoch 1503 Nürnberg und fand bei seinem Schwiegersohn Jörg Trummer in Münnerstadt Aufnahme.

Dort hatte 1492 Tilman Riemenschneider sein erstes großes Altarwerk abgeliefert, den Magdalenen-Altar mit der nackten, nur mit ihrem Haarkleid versehenen Hauptfigur. Ob eine Fassung schon zur Entstehungszeit vorgesehen war oder angesichts des Zeitgeistes später erst eine Bemalung durchgeführt werden sollte, ist nicht eindeutig belegt, so der Kunsthistoriker. Jedenfalls war mit dem Nürnberger Verbrecher der richtige Mann zur richtigen Zeit vor Ort. Veit Stoß führte die Bemalung aus und schuf für die Rückseite der Tafeln die einzigen bekannten Gemälde "Die Verschwörung der Gailiana", die den Tod des Frankenapostels Kilian darstellen.

Veit Stoß ging 1505 freiwillig wieder nach Nürnberg zurück. Zunächst erst wieder in Haft, dauerte es gut zehn Jahre, bis seine Vergehen zum großen Teil wieder getilgt waren und er bis zu seinem Tod 1533 auch für sich wieder erträgliche Lebensverhältnisse schuf.

Franz Matthias Kammel zeichnete das Leben des Veit Stoß sehr detailliert, er kramte Verästelungen hervor und brachte einen Bildhauer ans Licht, der sein Talent gut verkaufen konnte, jedoch in geschäftlichen Dingen nicht viel von Moral hielt. Stoß hat ungefähr 95 Prozesse geführt, er hat wohl mehr als üblich ein vermeintliches Recht eingefordert.

Altar im Nationalmuseum

Der wegen der Bauarbeiten in der Stadtpfarrkirche ausgelagerte Altar steht vom 26. November an bis zum 2. Mai 2021 im Mittelpunkt der Ausstellung "Kunst und Kapitalverbrechen" in München. Wo? Im Bayerischen Nationalmuseum.