Neun Stunden dauerte die mühsame Suche nach der Wahrheit. Am Landgericht Bamberg musste sich ein 17-jähriger Azubi aus dem Landkreis dem Vorwurf des versuchten Totschlages und der gefährlichen Körperverletzung stellen. Dank glücklicher Umstände und eines umfassenden Geständnisses konnte der junge Mann nach dem Prozess mit seinen Eltern nach Hause fahren. Nach drei Monaten, die er bis dahin in Untersuchungshaft verbracht hatte.

"Er ist ein guter Junge. Wir sind froh, dass wir ihn haben." Seine Eltern sind schockiert, als sie von der Festnahme erfahren. In der Berufsschule hat er nur Bestnoten. Sein Ausbildungsbetrieb will ihn auch nach dem Prozess wieder aufnehmen. Der Jugendknast in Ebrach ist voll des Lobes. Vorstrafen hat er keine.

Niemand kann sich erklären, warum der sonst so hilfsbereite und höfliche Ben (Name geändert) plötzlich ein Messer gezogen und auf einen 18-jährigen Schüler eingestochen hat. Noch dazu jemanden, den er gar nicht gekannt hat. Und doch ist genau das am 11. Juni in der Bamberger Innenstadt geschehen. "Wir denken, dass der Alkohol ausschlaggebend war", so der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt. "Da macht man dann Sachen, die man am nächsten Tag bereut."

Zum ersten Mal nach den Corona-Beschränkungen ist Ben mit einem vier Jahre älteren Freund unterwegs. Den Abend über folgt ein Bier dem nächsten, bis die Zwei-Promille-Grenze überschritten ist. Kurz vor ein Uhr nachts will man dennoch Nachschub in einem Laden holen, der sonst rund um die Uhr geöffnet hat. Nur wegen Corona halt nicht.

Ein bisschen Spaß haben

Vor dem Geschäft trifft man auf eine Gruppe anderer Jugendlicher aus Hirschaid und Bad Staffelstein. Die fünf hatten dieselbe Idee: "Ein bisschen Spaß haben. Trinken und durch die Stadt laufen." Sie sind, nachdem sie ihren Zug verpasst haben, ebenso vergeblich auf der Suche nach Zigaretten. Man spricht Ben und seinen Freund an. "Ey, gib mir mal ne Kippe!" Doch der Ton gefällt Ben nicht. Nach einem deutlichen Nein eskaliert die eigentlich harmlose Situation. Es wird lauter an der Ecke Austraße und Fischstraße. Anwohner werden auf den Streit aufmerksam, der erst mit Worten, dann mit Drohungen und schließlich mit Schubsereien geführt wird.

"Auf einmal sehe ich, wie mein Freund einen Schlag abbekommt und zu Boden geht", so Ben. Dass der zuvor auch ein Messer gezückt hatte und dafür noch vor dem Amtsgericht Bamberg landen wird, daran kann Ben sich nicht mehr erinnern. Die Lage sei ihm bedrohlich vorgekommen. Als einer aus der Gruppe auf ihn zugekommen sei, habe er plötzlich ein Klappmesser in der Hand gehabt. "Das hatte ich noch von der Arbeit einstecken." Dort braucht es Ben, um Verpackungen zu öffnen. Die Klinge trifft das Gegenüber auf der rechten Bauchseite am unteren Ende des Rippenbogens. "Ich wollte niemanden töten", beteuert Ben vor dem Richter.

Er hätte die Möglichkeit gehabt, weitere Male zuzustechen, es aber nicht getan, so Rechtsanwalt Thomas Drehsen. Ein Tötungsvorsatz sei nicht erkennbar. Dann rennt der Verletzte in Todesangst mit seinen Kumpels davon. Am Gabelmann bricht er vor Schmerzen und Schock zusammen. Ein Taxifahrer ruft den Rettungsdienst.

Keine Lebensgefahr

Die Stichverletzung ist rund vier Zentimeter tief, hat aber weder lebenswichtige Organe noch größere Blutgefäße in Mitleidenschaft gezogen. "Eine konkrete Lebensgefahr bestand nicht", ist sich Prof. Stephan Seidl sicher.

Es sei andererseits aber überhaupt nicht absehbar, was man mit einem Messer alles verletzen könne, so der Rechtsmediziner der Universität Erlangen-Nürnberg. Zumal Angreifer und Ziel ständig in Bewegung gewesen seien.

Von einem "schlimmen Augenblicksversagen" sprach Oberstaatsanwalt Michael Hoffmann, zugleich sei aber die dreimonatige Untersuchungshaft gerechtfertigt: "Messerstecher gehen in Haft". Am Ende eines langen Tages verurteilte die Jugendkammer Ben wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Jugendstrafe von 22 Monaten auf Bewährung. Dabei soll ihm ein Bewährungshelfer unterstützen. Auch ein Anti-Gewalt-Training beim Verein für Jugendhilfe Bamberg steht auf dem Programm. Ben muss seinem Opfer außerdem 3000 Euro als Schmerzensgeld zahlen. Es wird nicht die einzige finanzielle Belastung bleiben. Schon hat sich die Krankenkasse des Verletzten gemeldet, die noch einmal 2800 Euro haben möchte. Und dann kommen noch die Gerichtskosten ... Anmerkung: Normalerweise finden Gerichtsverfahren gegen Jugendliche unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. In diesem speziellen Fall hatten aber weder der Angeklagte und seine Eltern, und auch nicht der Verteidiger und der Vertreter der Staatsanwaltschaft etwas gegen die Anwesenheit des Berichterstatters einzuwenden.