von unserer Mitarbeiterin 
Pauline lindner

Forchheim — Er ist UN-Sonderbotschafter für landwirtschaftliche Familienbetriebe. Er hat einen 30 Hektar großen Hof in Niederbayern geerbt, Fachpraktika in Skandinavien absolviert und war bayerischer, deutscher und europäischer Bauernverbandsvorsitzender: Gerd Sonnleitner. Bei dieser Vita ist es verständlich, dass er auch beim dritten Landwirtschaftsforum der Sparkasse und des Bauernverbands Landwirtschaft global sah.
Sein besonderes Augenmerk galt Bauern in Ländern, die mit weitaus mehr Handicaps zu kämpfen haben als ihre europäischen Kollegen. "Bäuerliche Familienbetriebe sind der Stabilitätsfaktor schlechthin. Es gibt keine Alternative dazu." Bauernfamilien in Indien beispielsweise seien Geldverleihern ausgeliefert, die Wucherzinsen verlangten. Selbst die Weltbauernpräsidentin Evelyn Nguleka aus Sambia habe es erfahren müssen, dass ein afrikanischer Bauer so gut wie keinen Kredit bekommt.


Kein Auslaufmodell

Das sind nach Sonnleitners Überzeugung Punkte, bei denen die Entwicklungshilfe ansetzen müsse, "nicht bei der Finanzierung von Stahlwerken". Der landwirtschaftliche Familienbetrieb dürfe eben nicht zum Auslaufmodell werden. Er sei vielmehr unverzichtbar für die Entwicklung der Menschheit und den Erhalt beziehungsweise die Herstellung stabiler gesellschaftlicher Bedingungen.
Ein Dreieck gebe ihm Halt, fuhr der Sonderbotschafter fort. Ein Dreieck aus Familie, Landbesitz und Festhalten an Kultur, Tradition und Werte. Daraus resultiere weltweit die Verbundenheit mit der jeweiligen Region und den dortigen wirtschaftlichen Kreisläufen - "ganz gleich, ob die Hofgröße in Europa bei 14 Hektar liegt, in Asien bei zwei oder in Südamerika bei 120."
550 Millionen Familienbetriebe würden 90 Prozent der Weltbevölkerung ernähren, "wenn man sie denn lässt", fügte er leicht resignierend an. Er listete die Errungenschaften deutscher Bauern auf: Erzeugergenossenschaften, genossenschaftliche Geldinstitute und Standesverbände sowie bessere Lager- und Konservierungsmöglichkeiten für Lebensmittel.
Fortschritte in der Nahrungsmittelversorgung verzeichne man in den Ländern, "in denen eine freiheitliche und liberale Gesinnung herrscht - und Rechtsstaatlichkeit statt Willkür und Korruption", so der Redner, der einen aktuellen Vergleich zog: "Sepp Blatter ist dagegen ein Waisenknabe."
Mit vielen Zahlen untermauerte er die unauffälligen weltweiten positiven Entwicklungen wie die Verringerung des Analphabetismus und der Geburtenraten, die aus den besseren Bedingungen für die bäuerliche Bevölkerung resultierten.


Unsinnige Wertesysteme

Er prangerte aber auch unsinnige Wertsysteme an. So zähle in Äthiopien nur die Zahl der Tiere, nicht ihr Zustand.
Sonnleitners Blickwinkel begeisterte keineswegs alle bäuerlichen Zuhörer beim Landwirtschaftsforum in Forchheim. "Der Unterschied im Einkommen liegt nicht in der Anzahl der Kühe", warnte er hiesige Landwirte vor dem unbedingten Glauben an permanentes Wachsen der Betriebe.