von unserer Mitarbeiterin Sonja Adam

Sanspareil — Regisseur Dominik Kern hat dem Einakter "Der fliegende Arzt" von Molière seine ganz eigene Handschrift aufgedrückt. Das Werk nimmt die Ehrerbietigkeit der Menschen gegenüber den Ärzten aufs Korn, und dem Publikum im Felsentheater Sanspareil wurde ein turbulentes Schauspiel mit Tempo und Klamauk geboten.
Gutsherr Gorgibus (Oliver Hepp) ist ein seniler, etwas schlichter Vater, der den Vorwand, seine Schlüssel in der Hosentasche zu suchen, gerne dazu nutzt, um am eigenen Schritt herumzufummeln.

Kreative Inszenierung

Aus purer Geldgier möchte er seine Tochter Lucile (Katharina Leschinsky) mit dem beinahe scheintoten Villebrequin (Nick-Martin Sternitzke) vermählen. Dumm nur, dass Lucile sich unsterblich in den neuen Nachbarn Valère (Nick-Martin Sternitzke) verliebt hat. Es kommt zur Begegnung zwischen Lucile und Villebrequin. Doch während Lucile und Valère sich in die Gegebenheiten fügen wollen und an Selbstmord denken, nimmt Luciles Zofe (Johanna Burkhardt) die Sache in die Hand. Kurzerhand ermuntert sie den alles andere als fleißigen und schlauen Diener Sganarelle (Robert Eller) einen Arzt zu spielen. Und dieser soll dafür sorgen, dass die Hochzeit mit dem alten Villebrequin nicht stattfinden kann und sich Lucile und Valère s heimlich vermählen können. So sieht es die Geschichte vor.
Dominik Kern hat bei seiner Bearbeitung viel Kreativität walten lassen und Molières Werk in die Neuzeit übersetzt. Noch immer ist das Thema Ehrerbietigkeit und Arztgläubigkeit brisant wie eh und je. Und vor den neuesten Klinikskandalen bekommt das Werk eine ganz eigene Brisanz. Kostümbildnerin Heike Betz nahm die Schwarz-Weiß-Malerei wörtlich. Sie zog den Mimen abstruse Kostümierungen an, schminkte die Gesichter weiß.
Die Schauspieler überspitzten die Handlung, sorgten zudem mit musikalischen Einlagen wie im Zirkus für jede Menge Klamauk. Und auch so mancher freche Spruch sorgte für Lacher beim Premieren-Publikum. Als der brave Diener Gros-René (Matthias Kählert) zum Beispiel seiner Angebeteten einen romantischen Reim darbot und ihre Zähne mit Sternen verglich, verstand Sabine (Johanna Burkhardt) dies völlig falsch: "So gelb und weit auseinander stehend?", fragte sie beleidigt.
Die wohl anerkennenswerteste Leistung des Abends zeigten Robert Eller und Johanna Burkhardt. Eller schlüpfte abwechselnd in die Dienerrolle und mimte den falschen Arzt mit großem Pathos. Und den Zwillingsbruder des Arztes spielte Eller auch noch. Eller verlieh dem Stück Drive und hatte sicherlich den größten Anteil am Erfolg. Bei Regisseur Dominik Kern war der Arzt auch noch ein bekannter Fummler, der seine Hände nicht von den Damen lassen konnte. Ob dieser Seitenhieb angesichts der laufenden Arztprozesse in Oberfranken gelungen war, ist sicherlich eine Geschmackssache. Für Klamauk sorgte das Auftreten des Arztes jedenfalls immer.
Und zudem flog Robert Eller als "fliegender Arzt" an einer Wäscheleine hin und her und leistete wirklich Beachtliches.
Doch auch Johanna Burkhardt konnte als Schauspielerin punkten. Denn sie hatte Monologe, die sie in atemberaubendem Tempo meisterte. Zudem verkörperte Sabine alias Johanna Burkhardt die eigenständige selbstdenkende Frau, die weiß, was sie will und sich nicht an der Nase herumführen lässt, perfekt. Kurioserweise war sie viel aktiver, viel selbstbewusster als die Tochter des Gutsherrn.
Molière hätte an der modernen Version seines kritischen und zynischen Einakters sicherlich seine Freude gehabt. Obwohl dem Stück so mancher Verzicht auf sich stetig wiederholende sexuelle Anspielungen sicherlich gut getan hätte. Denn beim dritten verklärten Augenrollen des Gutsherrn beim Griff nach dem Schlüsselbund war dieser "Gag" bereits ein bisschen "abgegriffen".