Zwei junge Männer aus Bamberg hatten am ZOB im März 2019 einen ihnen Unbekannten, der am Boden lag, mit Füßen getreten. Vor dem Jugendschöffengericht bestritten sie die Vorwürfe, wurden aber dennoch zu einem Dauerarrest und Sozialstunden verdonnert. Das Gericht glaubte den Belastungszeugen.

Oberflächliche Schilderung

"Wenn man um die Wahrheit kämpft, kann es länger dauern" - als Jugendrichter Martin Waschner diesen Satz sagt, ist noch nicht einmal Halbzeit im Gerichtssaal. Dabei müssen er und seine beiden Schöffen sich schon vier Stunden lang eine Märchengeschichte nach der anderen anhören. Mit zwei aus dem Hut gezauberte Zeuginnen, die mit ihrer oberflächlichen Schilderung beide Angeklagte entlasten wollen, wird sich Staatsanwalt Stürmer wegen uneidlicher Falschaussage noch beschäftigen.

Dabei hatte das Verfahren gegen drei junge Männer aus Armenien, der Ukraine und Russland bereits mit einem Paukenschlag begonnen. Alle sind Schüler bzw. Auszubildende, zwischen 18 und 21 Jahre, zwei wohnen in einer Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete in Bamberg. Der Armenier, der mit einem Faustschlag die Dinge in Bewegung gebracht hat, kann allerdings nicht erscheinen. Ihn hat man vor dem Prozess wegen eines anderen Urteils kurzerhand in sein Heimatland abgeschoben. Dort muss er derzeit Militärdienst leisten. Übrig bleibt ein Ukrainer, der eigentlich keiner ist. Den Behörden gegenüber haben seine Eltern und er eine Herkunft aus dem russisch besetzten Lugansk angegeben.

Der Vorfall, der nun angeklagt ist, hat sich im März 2019 am Zentralen Omnibus-Bahnhof (ZOB) in Bamberg abgespielt. Die beiden Angeklagten sind nach einer "erfolgreichen" Kneipentour auf dem Nachhauseweg. Sie wollen aber noch einige Alkohol-Vorräte aus den Schließfächern am ZOB bergen. Kurz nach ein Uhr nachts treffen sie dort auf eine Gruppe junger Männer und Frauen aus dem Landkreis Bamberg. Auch sie wollen nach einer Geburtstagsfeier heim. Der inzwischen abgeschobene Angeklagte beginnt mit den dabei üblichen Worten "Warum guckt Ihr so blöd?" einen Streit. Es kommt zur Schubserei, in deren Verlauf ein 19-jähriger Schüler aus der Gruppe rückwärts gegen eine Bank stürzt und bewusstlos liegen bleibt.

Widersprüche

Dann gehen die Geschichte der Angeklagten und der Zeugen aus der Gruppe auseinander. Und zwar so weit, dass die beiden Verteidiger Aybora Akgün aus Nürnberg und Manfred Hofmann aus Bamberg Freisprüche fordern werden. Von offensichtlichen Widersprüchen und bewussten Lügen ist in den Plädoyers die Rede. Wenn man den Angeklagten glauben mag, werden sie selbst angegriffen, mit einer abgebrochenen Bierflasche bedroht und am Boden liegend geschlagen. Man habe sich nur gewehrt. Bei einem Faustschlag zur Verteidigung habe sich der Russlanddeutsche die Mittelhand mehrmals gebrochen. Dadurch verlor er seinen Ausbildungsplatz. Eigene Tritte gegen Kopf und Oberkörper streiten sie aber vehement ab.

Wenn man den Zeugen aus der Gruppe glauben mag, dann haben beide Angeklagte auf den am Boden liegenden Jungen eingetreten. Ein anderer wurde am Bein gepackt und über den Platz geschleift. Grund dafür scheint gewesen zu sein, dass die Mädchen aus der Gruppe von den Angeklagten "dumm angemacht" worden sein sollen. Die "Klärung" beginnt "in normalem Ton", dann artet die Situation aus. Am Ende bekommen beide Angeklagte wegen gefährlicher Körperverletzung jeweils einen zweiwöchigen Dauerarrest. Den können sie in den Ferien in einer speziellen Jugendarrestanstalt in Würzburg absitzen. Zudem muss jeder 40 Stunden gemeinnütziger Arbeit beim Verein Lifeline Bamberg leisten.

Nur die Tatsache, dass es mit einer Lippenplatzwunde, einer Schädel- und Schulterprellung eher glimpflich geendet hat, erspart dem Duo eine Freiheitsstrafe.

Für den Russlanddeutschen gibt es zusätzlich eine sechsmonatige Betreuung durch die Gesellschaft zur Förderung beruflicher und sozialer Integration (gfi). "Sie müssen den Arsch hochkriegen und eine Arbeit finden", so Richter Waschner.