Der erste Schritt in ein Leben ohne Alkohol und Drogen führt über die Suchtberatung. Diesen Weg sind auch die Bewohner des Hauses Martinsruh in Kasberg gegangen.
Über das breite Spektrum der Sucht und ihre Auswirkungen informiert Elke Wehowski vom Suchthilfezentrum Nürnberg.

Was ist Sucht?
Elke Wehowski: Sucht ist eine psychische Erkrankung. Mindestens drei von sechs Faktoren müssen in den letzten sechs Monaten erfüllt sein. Dann spricht man vom Abhängigkeitssyndrom.

Um welche Kriterien handelt es sich?
Die sechs Kriterien sind: der Zwang, die entsprechende Substanz zu konsumieren. Dem folgt die verminderte Kontrollfähigkeit über die Substanz. Entzugssyndrome sind das dritte Kriterium. Der vierte Faktor ist die Toleranz. Man braucht also immer mehr von dem Stoff, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Dann beginnt die fortschreitende Vernachlässigung als fünfter Faktor. Die Lebenswelt engt sich ein, Freunde und Hobbys fallen aus der Lebenswelt heraus. Schließlich folgt der anhaltende Substanzkonsum.

Sind die meisten Süchtigen alkoholsüchtig?
Den klassischen Alkoholiker gibt es nicht. Es sind Leute, die verschiedene Süchte haben. Sie trinken Alkohol und spielen. Oder jemand ist Alkoholiker und nimmt Cannabis. Jemand nimmt Crystal und nützt den Alkohol, um damit wieder runterzukommen. Aber die Monokonsumenten sind in der Überzahl.

Ist die Zahl der Suchterkrankungen gestiegen?
Von der Zahl her bleiben die Suchterkrankungen gleich. Das pathologische Glücksspiel, das sind Automatenspiele, nimmt deutlich zu. Das hängt auch mit der Verfügbarkeit zusammen. Bei Alkohol und Drogen gibt es keine großen Sprünge. Die Zahl der Jugendlichen, die bis zur Bewusstlosigkeit trinken, war ein Trend, der wieder am Abnehmen ist. Früher haben die Jugendlichen mit 13 oder 14 Jahren angefangen, Alkohol zu trinken. Das hat sich verschoben. Nun sind es schon Zehn- bis Elfjährige, die trinken.

Einmal süchtig, immer süchtig, sagt der Volksmund. Was ist dran an dem Ausspruch?
Die Abhängigkeit ist eine chronische Erkrankung. Ist der Weg einmal beschritten, ist ein Zurück zum normalen Konsum versperrt. Es passiert schnell, wieder in das alte Muster hineinzurutschen. Das kontrollierte Trinken funktioniert nur eine Zeit lang. Sich ständig zu kontrollieren, gelingt nicht dauerhaft.

Welche Menschen sind besonders anfällig?
Jahrelang hat man versucht, eine Suchtpersönlichkeit ausfindig zu machen. Es hat mit der Genetik zu tun, aber es kann jeden treffen. Leute aus Familien mit einer Suchterkrankung haben ein höheres Risiko. Aber manche Menschen trinken viel und hören wieder auf, andere bleiben hängen. Eine Suchterkrankung zieht sich über Jahre hin. Man fängt als Jugendlicher an, doch es zeichnet sich häufig ab, dass der Alkohol funktional angewendet wird, um die Stimmung zu heben oder Probleme zu lösen.

Welche Auswirkungen hat eine Suchterkrankung auf die Angehörigen, insbesondere die Kinder?
Die Auswirkungen für die Familie sind spürbar und schwierig, da ein Elternteil schlecht oder nicht erreichbar ist. Dieser Elternteil steht unter Alkohol oder erholt sich gerade davon. Die Kinder übernehmen häufig die Aufgaben der Erwachsenen. Aus dem Suchtproblem wird ein Tabu. Doch Geheimnisse zu halten, ist für Kinder nicht günstig. Wo können sie schimpfen, sich ausheulen? Für den Partner ist auf den anderen Partner kein Verlass. Die Hilflosigkeit der Angehörigen ist am schlimmsten. Doch nur der Betroffene kann etwas ändern. Das macht es schwer aushaltbar.

Wie kann man helfen?
In jeder Suchtberatung gibt es Hilfe für Angehörige. Dem Betroffenen sollte man seine Beobachtungen nennen, ohne sie zu interpretieren. Man sollte ihn aber an seiner Verantwortung packen. "Ich sehe, dass du trinkst. Neulich hast du schon getrunken. Ich mache mir Sorgen und würde mich freuen, wenn du anschauen lässt, ob das noch koscher ist", könnte man sagen.

Das Gespräch führte
Petra Malbrich.