Zeil —  So hatte sich Andrea Rauh, Schulleiterin der Grundschule Zeil-Sand, den Schulbeginn nicht vorgestellt. Wochenlang hatten sie und ihr Lehrerkollegium sich darüber den Kopf zerbrochen, wie sich die neuen Hygienevorschriften des Bayerischen Staatsministeriums im Schulalltag am besten umsetzen ließen. Die Vorgaben kommen zwar von oben, aber bei der Umsetzung sind die Schulen sich selbst überlassen.

Letzter Schritt bei den Vorbereitungen zum Start ins neue Schuljahr war eine freiwillige Corona-Reihentestung des Lehrerkollegiums und Schulpersonals am Montag, 7. September, also einen Tag vor Schulbeginn. Bis zum 18. September wurde den Schulen für die Reihentestung Zeit gegeben. "Alle haben teilgenommen, das war gar keine Frage", erinnert sich Rauh. "Und wir hatten ehrlich gesagt auch keinerlei Bedenken."

Deshalb traf die Schule der Anruf des Gesundheitsamtes am Donnerstag wie ein Schock: Das Testergebnis eines Lehrers war positiv. "Das kam völlig überraschend. Er hatte keine Symptome und war auch nicht verreist oder hatte Kontakt zu einem Erkrankten", weiß Rauh. Der betroffene Pädagoge musste sofort die Schule verlassen. Mit ihm ging eine Lehramtsanwärterin, die mit ihm unterrichtet hatte.

Große Aufregung

Im Schulhaus brach Hektik aus: Alle Klassen, die mit den beiden Pädagogen Kontakt gehabt hatten, mussten eruiert und schnellstmöglich von den anderen Schülern getrennt werden. Die betroffenen Kinder wurden dann von ihren Eltern abgeholt. Klassenleiterin Maria Evans (Name von der Redaktion geändert) schildert die Situation so: "Ich stand in meiner Klasse, als plötzlich die Rektorin herein kam und mich darüber informierte, dass die Kinder in Quarantäne müssen. Ich war völlig überrumpelt. Eigentlich hätte ich die Eltern anrufen sollen, aber ich musste ja erst einmal den Kindern erklären, was los ist", erzählt die 39-Jährige.

Also machten sich Rektorin Rauh, Konrektorin Christine Schmitt sowie eine Sekretärin daran, die Eltern zu erreichen. Bei 70 Kindern eine Herausforderung. Erschwert wurde die Situation dadurch, dass - am zweiten Schultag nach den Sommerferien - noch nicht alle Formulare mit den Notfallkontakten (Telefonnummern der Eltern, Großeltern oder anderen Personen, die das Kind abholen dürfen) vorlagen.

Ewans bekam die Order, ihre Erstklässler auf den Pausenhof zu bringen. "Als die kleine Pause nahte, bin ich mit den Kindern schnell wieder ins Klassenzimmer. Mir war wichtig, dass sie den anderen Schülern nicht begegnen. Leider hatten die Eltern meiner Schüler aber die Info, dass ihre Kinder auf dem Schulhof warten", erzählt sie.

Das Durcheinander und die 14-tägige Quarantäne verärgerte viele Eltern. Eine eilig angesetzte Reihentestung für alle Schüler und Lehrer am Samstag, 12. September, konnte die größten Ängste beruhigen. Schon am Sonntag lagen die Testergebnisse vor: alle negativ.

"Teilweise wurden die Lehrer angegangen, dabei können die doch am wenigsten dafür", stellt Daniela Schuck-Syka klar. Sie ist Elternbeiratsvorsitzende und damit das Sprachrohr, aber auch Ansprechpartnerin für die Eltern. "Viele Eltern wussten nicht, dass die Schule nicht entscheiden kann, wie sie mit einem Coronafall umgeht oder wie lange die Quarantäne dauert. Das macht das Gesundheitsamt."

Schulen werden alleingelassen

Auch Rektorin Rauh fühlte sich in der Situation "ein bisschen alleingelassen". Die 56-Jährige berichtet: "Wir haben nicht viele Informationen vom Gesundheitsamt bekommen und sind kräftemäßig ziemlich am Ende. Viele Eltern waren verunsichert und mussten informiert und beruhigt werden."

Schulleiterin, Lehrerin und Elternbeiratsvorsitzende eint der Wunsch, Außenstehenden das Vorgehen transparenter zu machen. "Ich verstehe alle Parteien: das Kultusministerium, das Gesundheitsamt, die Eltern und die Lehrer", versichert Rauh. "Für Kinder im Grundschulalter ist das sehr, sehr schwer und eine große Belastung", weiß die Schulleiterin.

Der Teufel steckt im Detail

Andererseits stolpert die Rektorin bei der Umsetzung der vielen neuen Vorschriften über Details, die ihr das Leben schwer machen. "In Bayern herrscht seit langem Lehrermangel. Der Kollege hatte keine Klassenleitung, da er für die Teilzeitkräfte die Unterrichtsstunden auffüllen muss. Das heißt, er kommt in verschiedene Klassen. Das ist anders nicht möglich", erklärt Andrea Rauh. Deshalb seien auch drei Schulklassen in Quarantäne geschickt worden. Auch die Länge der Isolation kann die Schulleiterin nicht beeinflussen. "Das bestimmt das Gesundheitsamt. Manch andere Gesundheitsämter verkürzen die Quarantäne nach einem zweiten, negativen Test. Unseres nicht", führt die Pädagogin weiter aus.

Warum das so ist, erklärt die Pressesprecherin des Landratsamtes, Monika Göhr, auf Anfrage: "Nach den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts und der Allgemeinverfügung des Bayerischen Staatsministeriums wird eine häusliche Isolation bis 14 Tage nach dem letzten Kontakt zum Infizierten angeordnet. Daran orientieren wir uns."

Auch die Frage vieler Eltern, warum die Reihentestung des Lehrerkollegiums erst so kurz vor Schulbeginn stattfand, kann die Pressesprecherin beantworten. "Vorgabe (des Gesundheitsamts) war, für alle Lehrer freiwillig einen Test anzubieten. Als Zeitraum waren die letzten beiden Ferienwochen vom Ministerium vorgegeben. Die Testung sowie einen testenden Arzt mussten die Schulen selbst organisieren. Im Landkreis wurde ein Großteil der Schulen getestet." Schulleiterin Rauh ergänzt dazu: "Da der durchführende Arzt im Urlaub war, war kein anderer Termin möglich."

Seit vergangenem Freitag ist die Quarantäne für Schüler und Lehrer beendet. In der 14-tägigen Zwangspause haben alle etwas dazugelernt. Maria Evans hat sich sprichwörtlich über Nacht das Wissen angeeignet, Lernvideos für ihre Erstklässler zu drehen. Auf einem Tablet, "das ich mir in weiser Voraussicht noch in den Sommerferien gekauft habe", wie sie berichtet.

Alle haben dazugelernt

Die Pädagogin hat ihre Schutzbefohlenen und deren Eltern tagtäglich per E-Mail und Telefon unterstützt. Elternbeiratsvorsitzende Schuck-Syka und Schulleiterin Rauh haben beim Schulamt die Erlaubnis eingeholt, dass der Elternbeirat die Schule bei einem weiteren Corona-Fall beim Anrufen der Eltern unterstützen dürfte. Die Eltern haben (hoffentlich) ihre Notfallkontaktlisten aktualisiert.

Und die Kinder? Die mussten ihre ersten Schulerfahrungen zuhause am Bildschirm machen. "Das haben sie ganz toll gemacht. Jetzt hoffe ich, dass sie die Gelegenheit haben, sich gut einzugewöhnen", sagt Maria Ewans. Sollte noch einmal eine Quarantäne anstehen, dann stehen bis dahin 19 Leihgeräte für Familien ohne Computer oder Tablet zur Verfügung, die die Stadt Zeil über ein Sonderbudget des Freistaats geordert hat.