Am Landgericht Bamberg spielt sich derzeit ein theaterreifer Prozess ab. Auf der juristischen Bühne tummeln sich ein Angeklagter, der mit querulatorischem Verhalten aber auch jeden gegen sich aufbringt, und sein Verteidiger, der auch schon einmal deutliche Worte findet, damit sein Mandant sich nicht um Kopf und Kragen redet. Immerhin geht es beim Vorwurf eines versuchten Totschlags doch um einiges.

"Sie halten jetzt den Mund, oder wollen Sie alles kaputtmachen?" Um diesen Mandanten ist Jochen Kaller nicht zu beneiden. Egal welchen Ratschlag der bekannte Bamberger Strafverteidiger seinem Schützling gibt, der lässt sich davon nicht beeindrucken. Soll er keine Angaben machen, redet er einfach drauflos. Erst beschwert er sich über zu enge Fußfesseln, dann, dass seine früheren Anwälte ihn in der JVA Bamberg nicht besucht hätten. Zuletzt gibt er die Tat teilweise zu. Da kann man beobachten, welche Qualen der zuvor bestens gelaunte Rechtsanwalt aushalten muss. Und man kann hören, mit welchen handfesten Drohungen er dem Angeklagten den Mund zu verbieten sucht.

Freilich ist Jochen Kaller nicht der einzige, der mit dem ständig vor sich hinsprechenden Angeklagten hadert. Auch der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt muss sich nach einigen versöhnlichen Versuchen lautstark Respekt verschaffen. Da hat der Angeklagte gerade wieder angesetzt, um seine angebliche Verhandlungsunfähigkeit anzumelden. Aus gesundheitlichen Gründen könne der Prozess gegen ihn nicht stattfinden, so der 50-jährige Mann aus Bamberg. Er führt verschiedene Vorerkrankungen und einen selbst gemessenen Bluthochdruck ins Feld. Weshalb er erst gar nicht ins Fahrzeug steigen wollte, das ihn von der JVA Bamberg zum Justizpalast am Wilhelmsplatz bringen sollte.

Verschleiß an Rechtsanwälten

Dabei ist Jochen Kaller bereits der dritte Rechtsanwalt, den der Angeklagte in kürzester Zeit zu verschleißen droht. Zuvor hatten bereits Thomas Gärtner aus Bamberg und Michael Zahareas aus Nürnberg das Handtuch geworfen. Von einem "zerstörten Vertrauensverhältnis" ist die Rede, von fehlenden Gesprächen und eigenmächtigen Verhandlungen seiner Pflichtverteidiger. Richter Schmidt macht aber auch klar, dass er einen weiteren Anwaltswechsel zur Verzögerung des Verfahrens nicht zulassen wird. Notfalls werde Jochen Kaller auch gegen den Willen des Angeklagten bis zum Urteil neben diesem sitzen. Angesichts der Begleitumstände gerät beinahe aus dem Blickfeld, was der neue Oberstaatsanwalt Michael Hoffmann dem Angeklagten vorwirft. Der soll an einem Abend Ende September 2019 seine von ihm getrennt lebende Ehefrau angegriffen haben. In einem Auto mitten auf dem Laurenziplatz. Von der Beifahrerseite aus soll er sie mit beiden Händen am Hals gepackt, immer stärker zugedrückt und dabei "Jetzt reicht's" gesagt haben. Von einer ganzen Reihe an Schlägen gegen die 48-jährige Frau ist die Rede. Zudem von Griffen, mit denen er ihr in die Augen gedrückt haben soll. Nachdem sie sich mit einem Biss in einen Finger zu wehren versucht hätte, habe der Angeklagte ihren Schal zugezogen. Selbst als es ihr gelungen sei, sich abzugurten und die Fahrertür zu öffnen, habe er nicht aufgehört, die Frau mit Fäusten zu bearbeiten und am Hals zu würgen. Rücklings auf dem Asphalt liegend soll sie bewusstlos geworden sein. Spätestens an diesem Punkt geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass nicht nur eine gefährliche Körperverletzung, sondern gar eine versuchte Tötung vorliegt. Erst ein zufällig vorbeikommender Mann habe den Angreifer von seinem wehrlosen Opfer weggezogen. Kurz darauf klickten die Handschellen.

Psychiater hat das Sagen

Nun soll der Angeklagte von einem psychiatrischen Sachverständigen begutachtet werden. Aber nicht etwa von Prof. Hans-Peter Volz vom Bezirksklinikum in Schloss Werneck. Den lehnt der Angeklagte rundheraus ab. Stattdessen soll dessen Mitarbeiter Bernd Münzenmayer klären, ob der Angeklagte zum Tatzeitpunkt überhaupt wusste, was er tat und ob er sich nach einer Verurteilung im Gefängnis oder einer geschlossenen Anstalt wiederfindet. Wenn er denn mit dem Sachverständigen überhaupt spricht und seine bisherigen Ärzte von der Schweigepflicht entbindet.