Derzeit müssen sich am Amtsgericht zwei 43 und 28 Jahre alte Männer aus Bamberg wegen gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung vor Strafrichterin Isabell Martin verantworten. Sie sollen an einem Samstagabend im Mai 2019 einen Nachbarn in der Gereuth geschlagen und ihm eine Glasflasche über den Kopf gezogen haben. Zum Auftakt des Prozesses war die Sache freilich nicht ganz so klar.

Kurz nach 22 Uhr ist es, als ein 18-jähriger Syrer, nennen wir ihn Abdul D., vor die Haustür geht, um eine Zigarette zu rauchen. Der junge Mann aus Göppingen ist bei Verwandten in der Gereuth zu Besuch. Plötzlich tauchen in der Dunkelheit mehrere kläffende Hunde auf. Abdul bekommt Angst und schnippt seine glühende Kippe in Richtung der Vierbeiner. Das ruft die Herrchen auf den Plan, die auf dem Nachbargrundstück mit Verwandten feiern. Sie stellen Abdul zur Rede, beleidigen und schubsen ihn. Der fühlt sich von den beiden betrunkenen Männern bedroht. Im Gegensatz zum nüchternen Abdul haben die Nachbarm rund zwei bzw. mehr als drei Promille Alkohol im Blut. Also schlägt er einem von ihnen ins Gesicht.

Es kommt, wie es kommen muss. Die beiden Männer drängen Abdul in die Ecke, schlagen ihn. Er duckt sich, hält sich die Hände schützend vors Gesicht. "Einer machte die Flasche auf meinem Kopf kaputt." Nur sein Cousin habe ihn durch einen Schubser davor gerettet, mit dem abgebrochenen Flaschenhals einen Stoß ins Gesicht zu bekommen, schilderte der Syrer die folgende Szene. Dennoch sind die Folgen schlimm genug. Neben Schmerzen wird man im Klinikum Bamberg später eine stark blutende Platzwunde am Hinterkopf und einen abgebrochenen Zahn feststellen.

Nachdem inzwischen Abduls Cousins heruntergekommen sind, um ihm beizustehen, entwickelt sich im Eingangsbereich und im Treppenhaus eine muntere Schlägerei. Neben Fäusten fliegen auch Blumentöpfe und nach Aussage Abduls auch zahlreiche Bierflaschen, die kastenweise von den Freundinnen der Angeklagten herbeigeschafft worden sein sollen. Manch einer bekommt einen Fuß ins Gesicht.

Woher stammt das Blut?

Glücklicherweise gibt es, wie ein Streifenpolizist vor Ort feststellt, keine weiteren Verletzten. Nur einen Angeklagten, dessen Kleidung voller Blut ist. Wie sich später herausstellt, handelt es sich um sein eigenes. Wie es dazu kam, bleibt rätselhaft.

Auch die Glasscheibe an der Eingangstür geht zu Bruch. Wie einer der Angeklagten erklärt, habe er sie aus Wut eingeschlagen, inzwischen aber selbst wieder repariert. Bis die Polizei mit insgesamt sechs Einsatzfahrzeugen eintrifft, die von einer Anwohnerin alarmiert wurden, sind allerdings alle Glasscherben auf wundersame Weise verschwunden. Damit sich niemand daran verletzt, meint eine fürsorgliche Cousine eines der Angeklagten. Nur einige Bruchstücke der Blumentöpfe liegen herum. Diese seien von den syrischen verwandten Abduls herabgeworfen worden, erklärte Rechtsanwalt Christian Barthelmes (Bamberg) für einen der Angeklagten. Dabei habe man wohl auch Abdul am Kopf getroffen.

Der Verteidiger rügte auch, dass angesichts des ersten Faustschlages eigentlich Abdul und nicht sein Mandant angeklagt sein sollte. "Ich habe mich nur gewehrt. Wieso soll ich mich schlagen lassen", verteidigte sich dieser, der gar nicht verstand, warum ihm der Prozess gemacht wurde.

Der Zeuge Abdul habe von einer zerbrochenen Glasflasche und der Attacke mit den scharfen Resten zuvor bei der Polizei kein Wort gesagt. Zudem habe man die vermeintliche Tatwaffe gar nicht sichergestellt, so der zweite Rechtsanwalt Stefan Kuhn (Bamberg). Dafür aber einen Teleskop-Schlagstock, der allerdings nicht auf Fingerabdrücke und DNA-Spuren untersucht worden sei. Ebenso wenig sei eine Wodka-Flasche unter die Lupe genommen worden. Auf beidem vermutete Rechtsanwalt Barthelmes Hinweise auf Abdul und dessen Cousins, die er nicht als Opfer, sondern als Täter ansah.

Dafür könnte auch sprechen, dass Abdul erst gar nicht im Gerichtssaal erschienen war. Um ihn befragen zu können, drohte Strafrichterin Martin dem unwilligen Zeugen gar mit der polizeilichen Vorführung. Der Prozess wird am 13. November um 9 Uhr fortgesetzt. Dann ist auch mit einem Urteil zu rechnen.