Ekkehard Roepert Forchheim —  Diese Geschichte erinnert an eine jener amerikanischen Aufsteiger-Legenden. Zwar spielt sie weitgehend in Forchheim, aber ohne Amerika wäre sie nicht denkbar. Die Geschichte beginnt mit der Hartnäckigkeit des Glasbläser-Sohnes Anton Landgraf, der sich, in Furth im Wald geboren, aus bitterer Armut zu einem Forchheimer Schuhfabrikanten hocharbeitet. "Nie mehr arm und immer gesund", das war das Lebensmotto von Anton Landgraf, der 1992 als Hundertjähriger starb.

Sein Sohn Egon Landgraf, mittlerweile auch schon 85 Jahre alt, hat das Unternehmen längst übergeben - an seinen Sohn Robert Landgraf (54). Doch Egon Landgraf wollte nicht nur das materielle Erbe weitergeben, sondern auch seine Erinnerungen. Die vier Enkel, aber auch die bis nach Berlin und Amerika verstreute Verwandtschaft soll Bescheid wissen.

Daher hat Egon Landgraf einen Wäschekorb voller Bilder und vier Kladden zu Olaf Willett getragen. Der promovierte Historiker arbeitet als Texter für die Werbeagentur Claudius Bähr und friends. Familienchroniken zu machen, das sei nicht das "tägliche Brot" der Agentur, sagt Willett.

Schnell merkte der Historiker, dass dieser Stoff mehr hergab als eine Chronik: "Es hat mich gereizt, in diese Forchheimer Wirtschaftsgeschichte einzutauchen", erzählt Willett.

Das von ihm geschriebene und von Egon Landgraf herausgegebene Buch "Die Schuhpioniere" ist also "ein Stück Industriegeschichte" (Willett) geworden. Im Stadtarchiv und in der Stadtbücherei liegen Exemplare für neugierige Forchheimer Leser bereit. Das 75-Seiten-Werk schildert bewegte hundert Jahre einer Unternehmerfamilie.

Gewinnbringende Pantoffeln

"Ideenreichtum, Mut und ungeheurer Fleiß" hätten ihm zum Wohlstand verholfen, sagt Egon Landgraf über seinen Vater Anton. Der legte den Grundstock für seinen späteren Reichtum in den Wirren nach dem Ersten Weltkrieg. Riskante Handelsgeschäfte an der deutsch-tschechoslowakischen Grenze brachten ihm und seinem Schwager Oskar Kögel so viel Geld ein, dass sie eine Schuhfabrik in Calbe an der Saale aufbauen konnten. Eigenständiger Unternehmer wurde Anton Landgraf Anfang der 20er Jahre, als er in der Forchheimer Hornschuchallee 11 die "Anton Landgraf Pantoffelerzeugung" gründete.

Zwei-Kräfte-Betrieb

Der eheliche Zweit-Kräfte-Betrieb expandiert rasch; 1930 baut Landgraf in der Bayreuther Straße seine "Mechanische Schuhfabrik" auf. Mitten in den wachsenden Wohlstand hinein wird am 15. August 1933 Egon Landgraf geboren.

Der trat Mitte der 50er Jahre in die Fußstapfen seines Vaters. Dabei konnte sich Egon Landgraf keineswegs in ein gemachtes Nest setzten. Denn die "internationalen Trittversuche" von Anton Landgraf hatten mit einem desaströsen Afrika-Geschäft geendet: Nach einer "ruinösen Erpressung" lag 1954 die Forchheimer Produktion am Boden.

Nach dem Besuch des Technologischen Institutes der deutschen Schuhfachschule in Pirmasens und nach ersten Berufsstationen in fränkischen Schuhfabriken, wanderte Egon Landgraf in die USA aus. Er wird Führungskraft einer Firma und macht sich mit der produktiven Denkweise amerikanischer Schuhfabrikation vertraut. Nach vielen Umwegen gelingt ihm in Forchheim 1961 der Neuanfang: Im Erdgeschoss eines ehemaligen Kuhstalls bringt er gemeinsam mit seiner Frau Lilli eine Pantoffelzwickerei unter.

Die "Schuhpioniere" dokumentiert den spannenden Werdegang einer Schuhdynastie; wobei die Übergänge in dieser Geschichte alles andere als nahtlos verliefen. Bei der Präsentation des Buches erzählt Egon Landgraf, dass er eigentlich ins Forstwesen gehen wollte, bevor er Schuhfabrikant wurde. Und sein Sohn Robert erzählt, dass er eigentlich Elektriker werden wollte, bevor er 1989 das Unternehmen übernahm. Im Mittelpunkt seines Geschäftslebens stehe heute jedoch nicht mehr die Schuhproduktion, sondern das Immobiliengeschäft, sagt Robert Landgraf.

Im kommenden Jahr feiert das Familienunternehmen 100. Jubiläum. Glücklicherweise sei die Produktion von Filzpantoffeln heute nicht mehr mit jenem Stress verbunden, den er bei seinem Vater erlebt habe, sagt Robert Landgraf.

Rekordjahre

Die Rekordjahre mit Millionenumsätzen lagen am Anfang der 80er. Egon Landgraf blickt dankbar zurück: Seine Mitarbeiter hätten in den 60er, 70er und 80er Freizeit und Familienleben für die Schuhproduktion geopfert - "in einer Form, wie es in der heutigen Zeit kaum mehr vorstellbar ist". Der Druck, bedingt durch "Verpflichtungserklärungen für zeitnahe Nachbestellungen" sei damals sehr hoch gewesen, erinnert sich der 85-Jährige: Ohne den "unglaublichen Einsatz" seiner Mitarbeiter wäre das Geschäft mit Großabnehmern und Versandhäusern gar nicht möglich gewesen.