Rudolf Görtler

Am Ende stand eine neue Nachdenklichkeit bzw. Verwunderung. Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass Fragen des friedlichen Zusammenlebens der Religionen, von Blasphemie und beleidigten religiösen Gefühlen in Westeuropa je wieder so aufschäumen würden? Thomas Fischer jedenfalls nicht. Der Richter am Bundesgerichtshof nahm an einer Diskussion am Freitagnachmittag in den Harmoniesälen teil. Die war zur Jahrestagung des PEN-Zentrums Deutschland veranstaltet worden und sollte Teil einer Debatte über "Freiheit des Ausdrucks und Blasphemie" sein. Weitere Teilnehmer waren die aus dem "Literarischen Quartett" bekannte Sigrid Löffler, der Theologe und Soziologe Horst Herrmann, dem die katholische Kirche 1975 die Lehrerlaubnis entzogen hatte, und der Philosoph Christoph Türcke. Es moderierte PEN-Generalsekretärin Regula Venske.
Türcke referierte auch einleitend über den Begriff "Blasphemie" - der nicht nur im Zusammenhang mit den Attentaten auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" ungeahnte Aktualität gewonnen hat. Ursprünglich bedeutet er "durch Rede entstellen", wurde als Herrschaftsinstrument von Kirche und Staat eingesetzt und von aufklärerischer Religionskritik im Sinne von Freigeisterei umgemünzt. Türcke sah Blasphemie nur gerechtfertigt, wenn sie von Schwachen komme und gegen Stärkere gerichtet sei. Er warnte vor einer "Besserwisserei der Privilegierten" insbesondere in Bezug auf den Islam. Die hysterische Empörung vieler Muslime etwa angesichts der Mohammed-Karikaturen sah er als "Stellvertreterleiden", was er im Lauf der Diskussion präzisierte: Der "Drang nach einfachen Orientierungen" in der westlichen "unerträglichen Leichtigkeit des Seins" sei ein Ausdruck der "deregulierten neoliberalen Weltsituation".
Mit dem Islam hat sich Horst Herrmann nicht auseinandergesetzt, dafür mit der Kirche umso vehementer. Der einstige Professor für katholisches Kirchenrecht verteidigt Gott gegen die Gläubigen und die Kirche und möchte Gott nicht als Datenspion interpretiert sehen. Zum Islam hatte er naturgemäß wenig zu sagen.
Der Islam als Religion wiederum interessiert Thomas Fischer kaum, ja überhaupt nicht. "Deutschlands bekanntester Richter", "Zeit"-Kolumnist, ist bekannt für seine Meinungsfreude und Scharfzüngigkeit. Mit beidem sparte er erfreulicherweise nicht; wer an das Herumgeeiere von Politikern in sogenannten Talkshows gewöhnt ist, empfand den Kontrast wohltuend. Für Fischer ist der Blasphemie-Paragraph 166 im Strafgesetzbuch "komplett überflüssig". Es gehe nur um den Passus "den öffentlichen Frieden zu stören" - geschützt könnten auch Fußballfans oder andere Weltanschauungsgemeinschaften sein. Ergo genüge der Volksverhetzungs-Paragraph 130. "Es geht nicht um Religion, sondern um Strafrecht", sagte Fischer, um Fragen des politischen Zusammenlebens.
Türcke widersprechend argumentierte Fischer, dass Bestrafungen wegen Blasphemie immer eine Minderheit träfen. Er erinnerte an den Achternbusch-Film "Das Gespenst", der in Österreich bis heute verboten ist und in Deutschland Sühneprozessionen provozierte. "Kein vernünftiger Mensch kann das ernst nehmen", so Fischer, der auch "nebulöse religiöse Gefühle" begrifflich nicht so recht fassen konnte.
Die Moderatorin versuchte mehrmals auf das eigentliche Gebiet des PEN, der in seiner Charta sich "gegen jede Form der Zensur" ausspricht, zurückzukehren, die Literatur. Fachfrau dafür ist die Literaturkritikerin Sigrid Löffler, für die Geschmack- oder Taktlosigkeiten "keine ästhetischen Kategorien" sind. Für sie gibt es nur gelungene oder misslungene Texte. Sie erinnerte an den mittlerweile abgeschafften Index verbotener Bücher der katholischen Kirche, der Höhepunkte der Weltliteratur enthält, "Stars eines Gegenkanons". Für Löffler war der Protest französischer Intellektueller gegen einen algerischen Dissidenten wegen "Islamophobie" eine "irre Koalition", so wie sie an die nach wie vor bestehende Fatwa gegen Salman Rushdie erinnerte, auf dessen Kopf vier Millionen Dollar ausgesetzt sind.
Einig waren sich die Diskutierenden über die "neue Dringlichkeit von Fragen der Konfession" (Türcke) wie über das Erregungspotenzial, das nur ein Stichwort benötige, jedoch keine Literatur wie die "Satanischen Verse". Einig waren sie sich auch darin, dass "wir" bzw. "der Westen" sich nicht auf falsche Weise anbiedern solle.