Bei der letztjährigen Kirchweih in Hallstadt hatten drei Jugendliche und ihr Onkel für einiges Aufsehen gesorgt. Das Quartett hatte zuerst "Sieg Heil!" gerufen, dann andere Festbesucher heftig beleidigt. Zuletzt war man mit der Security aneinandergeraten, die die vier mit dem Hitlergruß empfangen hatten. Nun wurde das Ganze am Amtsgericht Bamberg ein Fall für Jugendrichter Fahr.

Angefangen hat alles bereits auf dem Festgelände selbst. Dort sind die Geschwister und ihr Onkel nach der ersten Strophe des Deutschlandliedes mit einer anderen Gruppe in Streit geraten. "Sie haben darüber geredet, dass zu viele Ausländer ins Land kämen, die anderen die Arbeit wegnähmen", so ein Zeuge. Darunter befinden sich auch ausländisch aussehende Menschen. Denen schleudert man einige derbe Beschimpfungen entgegen.

Sie habe nicht darüber nachgedacht, sondern es einfach so gesagt, erklärt das Mädchen. Derweil hat der Onkel den Arm zum Hitlergruß erhoben, grölt "Sieg Heil!" hinterher. Dann ruft einer der Brüder: "Euch müsste man vergasen." Warum diese Volksverhetzung sich am Ende nicht im Urteil findet, bleibt rätselhaft. Auch weil die Verhandlung in diesem Moment unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Zum Schutz der zum Tatzeitpunkt jugendlichen Angeklagten.

Draußen vor dem Festgelände setzen sich die Provokationen fort. Abwechselnd stimmen die Geschwister "Sieg Heil"-Rufe an, die in der ganzen Umgebung zu vernehmen sind. Man habe nicht darüber nachgedacht, sondern es einfach gesagt. Als die Leute von der Security kommen, geht es mit den Beleidigungen munter weiter. "Sie sagten, wir seien Freunde der Linken und Ausländer", so einer der Mitarbeiter. Es fallen erneut derbe Ausdrücke. Aber auch ein herzhaftes "Nazis", was für Verwirrung auf der Richterbank sorgt. Noch mehr Kopfschütteln erzeugen die Drohungen eines der Brüder, er werde die Männer vom Sicherheitsdienst "umhauen" und "kalt machen". Immerhin sind das laufende Schränke mit rund 140 Kilogramm Lebendgewicht und er nach eigener Aussage nur ein "Lauch". Dennoch will er zehn Seidla Bier getrunken haben.

Einige der Vorwürfe geben die Geschwister vor Gericht zu. Allerdings will keiner der drei ein Neo-Nazi sein. Schließlich habe man auch viele ausländische Freunde. Und schuld sei doch nur der Alkohol. Die Brüder hatten rund 1,5 Promille Alkohol im Blut, die Schwester freilich war beinahe nüchtern. Zudem suchen sie die Schuld bei der anderen Gruppe, aus der heraus die Schwester "blöd angemacht" worden sei. Der Onkel meint, sich an nichts mehr erinnern zu können. Er streitet die Vorwürfe aber auch nicht rundheraus ab.

Auffällig für Staatsanwalt Alexander Baum ist, dass die drei Jugendlichen ihren Onkel aus der Sache heraushalten wollen. Der sei, so sagen sie, nach NS-Parolen und erhobenem rechten Arm schon früh des Platzes verwiesen worden und habe mit dem "Sieg Heil"-Chor nichts zu tun. Im Gerichtssaal präsentiert sein Verteidiger ein Schreiben des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz, mit dem der Onkel seine Anmeldung zum Aussteiger-Programm belegt. "Im Suff redet mein Mandant dummes Zeug und kommt in die rechte Ecke. Nüchtern hat er mit Ausländern gar keine Probleme. Da schlummert irgendetwas in ihm", so Rechtsanwalt Barthelmes.

Das Urteil

Wegen zahlreicher Beleidigungen und des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen (Hitlergruß und Sieg-Heil-Rufe) verurteilt Jugendrichter Fahr die Geschwister zu Geldauflagen in Höhe ihres jeweiligen Monatsgehaltes und erteilt ihnen aus erzieherischen Gründen die Weisung, beim Verein für Jugendhilfe Bamberg in Gesprächen die Aufarbeitung der Taten anzugehen. Der Prozess gegen den Onkel wird an anderer Stelle fortgeführt werden. Das hat sein Rechtsanwalt Christian Barthelmes beantragt. Auch soll der Onkel von einem psychiatrischen Sachverständigen begutachtet werden, ob er wegen eines Alkoholrausches überhaupt schuldfähig gewesen sei. Schließlich droht dem 42-jährigen Mann nicht nur eine Geldstrafe, weil er im Mai 2020 mit dem Hitlergruß an der Marktscheune in Hallstadt vorbeikommende Autofahrer irritiert hat. Er muss auch damit rechnen, dass er eine zur Bewährung ausgesetzte Haftstrafe nun doch noch absitzen muss. Es wäre nicht seine erste. Und wegen eines ähnlichen Vorfalles am Skaterplatz in Hallstadt wohl auch nicht die letzte.