von unserem Redaktionsmitglied Anja Greiner

Unterleiterbach — Es ist kurz vor halb fünf, da ruft Allah an. Mohammed drückt ihn weg, dann grinst er ein wenig schuldbewusst.
Das Klingeln hörte sich an wie ein Gebetsruf. Eine Erinnerung, sagt Mohammed. Zum salat, dem rituellen Gebet der Muslime, fünf mal am Tag, immer nach Osten in Richtung Mekka.
Im Moment liegt östlich von Mohammed nicht Mekka sondern ein deutsch-arabisches Wörterbuch.
Claudia Schaller wirft ihm einen tadelnden Blick zu. Es ist Dienstagnachmittag, Deutschstunde im Flüchtlingsheim in Unterleiterbach.
Kurz zuvor, auf dem Weg vom Parkplatz zum Flüchtlingsheim, hatte Cornelia Schaller, einen dicken roten Ordner unter dem Arm geklemmt, noch gesagt: "Schauen wir mal, ob wir überhaupt Schüler haben heute."
Schaller gibt die Deutschstunde gemeinsam mit Annette Beyer und als sie im November vergangenen Jahres mit den Kursen anfingen, hatten sie bis zu 15 Schüler. Jetzt sind es im Schnitt fünf. Die meisten Kosovaren wurden in der Zwischenzeit wieder abgeschoben.
Mohammed, ein Bäcker aus dem Kosovo, hatte immer Gebäck zur Deutschstunde parat. Jetzt gibt es nur noch Tee.
In dem Raum, den sie für den Deutschunterricht nutzen steht ein langer Tisch, der endet vor einer bodenhohen Fensterfront mit Blick auf das Schloss gegenüber. Neben der Tür steht eine Tafel, flüchtig abgewischt. "Ich liebe dich" ist noch zu lesen, ein Smiley und zwei arabische Worte. Cornelia Schaller legt ihren Ordner auf die Fensterbank und beginnt die Arbeitsblätter zu verteilen. Frühstück ist das Thema der Stunde.
Das Problem beginnt bereits bei der Marmelade. Auf der Kopie ist die Frucht nicht genau zu erkennen. Erdbeere, sagen die einen, Zitrone die anderen.
"Orangenmarmelade", sagt Cornelia Schaller und zuckt mit den Schulter. Die Arbeitsblätter hat sie aus einem Englischbuch kopiert.
"Ja, das ist der Dost", sagt sie zu Mohammed, der schaut kurz komisch, da verbessert sie sich schnell und spricht: "Toast". Mohammed nickt erleichtert.

Zwei Frauen und die Flüchtlinge

Annette Bayer, 47, arbeitet im Landratsamt, sie wohnt in Unterleiterbach, als im November 2014 die ersten Flüchtlinge einziehen, will sie helfen.
Cornelia Schaller ist 52 Jahre alt, als Lehrerin an der Herzog-Otto-Hauptschule in Lichtenfels gibt sie oft extra Deutschstunden für polnische, slowenische und ukrainische Kinder. Als Annette Bayer sie damals fragte, eine der Deutschstunden mit ihr gemeinsam zu übernehmen, sagte Schaller sofort zu.
"Schinken", liest Mohammed vor, dann fragt er: "Was ist Schinken?". Schaller winkt ab, Schweinefleich, sagt sie, das esst ihr sowieso nicht. Auf dem Arbeitsblatt steht: "Ich möchte ein Brot mit Schinken." Cornelia Schaller wird jetzt immer lesen: "Ich möchte ein Brot mit Geflügelwurst."
Insgesamt acht Ehrenamtliche halten in Unterleiterbach die Deutschkurse - in Zweier-Teams, fünf Mal die Woche.
Die Asylfrage, sagt Cornelia Schaller, sei nicht mehr zu übersehen. Sie lehnt sich mit beiden Armen auf den Tisch: "Ich kann jetzt nicht mehr wegschauen", sie nickt in Richtung ihrer Schüler: "Ich kenne ihn und ihn und ihn." An Weihnachten hatten die Bewohner zum Dank für alle Deutschlehrer gekocht.

Eine andere Asylpolitik

Es brauche ein Einwanderungsgesetz, eine Art Green-Card-Regelung wie in den USA vielleicht, ein Integrationsprogramm, sagt sie. Wer die Voraussetzungen hat, wer das Interesse und den Willen hat, der sollte bleiben dürfen.
Die Syrer, die sie bisher kennengelernt hat, hätten alle Interesse. Sie dreht sich zu Anas: "Wenn du so weiter machst, wirst du auch studieren in Deutschland". Es sind die Gebildeten, die nach Deutschland kommen, die sich eine Flucht überhaupt erst leisten können.
Anas Allahm ist 22 Jahre alt, seine Flucht aus Syrien hat 25 Tage gedauert, seit über sechs Monaten ist er jetzt in Deutschland, in Syrien hatte er im zweiten Semester Betriebswirtschaftslehre studiert.
Vor ihm auf dem Tisch liegen drei Din-A4 Blöcke, vollgeschrieben mit Deutschvokabeln. Am Ende der Stunde wird Cornelia Schaller ihm ein Übungsbuch für die nächste Sprachstufe geben. Er wird flüchtig durchblättern und sagen: "Das werde ich in einer Woche durchhaben".
Anas ist gläubiger Moslem, jeden Sonntag geht er in Zapfendorf in die Kirche. Er zuckt mit den Schultern, warum auch nicht, ihm gefällt es dort.

Im Restaurant

"Werden Sie schon bedient?", liest Schaller vor und sieht Mohammed an. Der greift unvermittelt nach seinem Block, murmelt bedient, bedient während er blättert - von links nach rechts, als würde er arabisch lesen. Dann grinst er triumphierend: "bedient", sagt er und legt den Block vor Schaller.
Jede Seite ist von oben bis unten beschrieben, jede Zeile ein Wort, in deutsch, der arabischen Umschrift und in der arabischen Übersetzung. Bedient steht zwischen beschreiben und bestehen. Die Wörter, sagt Schaller, schreiben sie von Verpackungen ab, von Zeitschriften, von allem, was sie in die Finger bekommen.
Auf dem Tisch vor Muhammad Ali liegt ein dünnes vergilbtes Büchlein. Deutsch in vier Tagen, sagt er stolz. Auf arabisch, Anas übersetzt.
Das Büchlein fällt beinahe auseinander, als Muhammad Ali es aufschlägt. Ein Freund hat es ihm noch in Syrien gegeben. Die Nomen sind alle kleingeschrieben und manchmal fehlen Buchstaben: Unter 'obs' stehen 'erdbeere', 'himbeere' und 'banane'.
"Eine gabel bitte", liest Muhammad aus dem Büchlein vor. "Gerne", sagt Anas, der neben Muhammad sitzt und grinst. "Gerne?" Muhammad blickt ratlos, eine Seite fällt fast aus dem Büchlein als er hastig durchblättert. Schließlich gibt er auf und sagt: "Was gerne? Nix verstehen gerne."
Letztendlich sei das, was sie hier machen, nur eine Begegnung mit der Sprache, sagt Cornelia Schaller. Eine Vorbereitung auf den Vorkurs zum Deutschunterricht, den nur bekommt, dessen Asylantrag anerkannt wird.
Andererseits ist das, was Schaller und ihre Kollegen hier machen viel mehr. Es ist eine Begegnung mit Menschen. Die Schicksalen und Geschichten von Flüchtlingen, für Schaller und Beyer bekommen sie hier in Unterleiterbach ein Gesicht.

Der Tod in Syrien

Ahmad Al Barazi sitzt am Tischende, ein Bein lässig aufs Knie gelegt, grauer Pullover zu dunkelblauer Jogginghose. Trotz Freizeitlook sieht er fast spießig aus. In Syrien galt seine Familie als wohlhabend, sie hatten mehrere Häuser, Ahamd studiere Chemie. Nach Deutschland kam er über Südeuropa; in Portugal lebte er mehrere Monate wie ein Obdachloser.
Ahmad ist 27 Jahre alt, er spricht perfekt Englisch, sein Deutsch ist gut. Für ein Studium noch nicht gut genug, er schätzt, er wäre 29 oder 30, bis er anfangen könnte. Zu alt, findet er, lieber will er sich gleich einen Job suchen. Vor einigen Tagen hat er seine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Hier, sagt Ahmad, habe er jetzt wieder Hoffnung auf ein gutes Leben. Hätte er zurückgemusst nach Syrien, er hätte sich den Kämpfern angeschlossen. Für welche Seite, das wäre ihm egal gewesen. "Ich hätte einfach gekämpft", sagt er, "bis ich gestorben wäre."