Seit acht Jahren tobt mitten im beschaulichen Haßfurt ein erbitterter Nachbarschaftsstreit. Anzeigen und Gegenanzeigen beschäftigen die Polizei. Nun musste sich auch das Landgericht Bamberg mit zwei Vorfällen aus dem Jahr 2018 befassen. Ein 65-jähriger Rentner hatte Berufung gegen ein Urteil des Amtsgerichts Haßfurt eingelegt, das ihm auferlegt hatte, wegen Beleidigung und Bedrohung 3600 Euro Geldstrafe zu zahlen.

"Wie soll das Ganze denn weitergehen?" Nach drei Stunden, in denen sich im holzgetäfelten Gerichtssaal in Bamberg ein Abgrund an Niedertracht und Gemeinheit aufgetan hatte, schien selbst die Vorsitzende Richterin Marion Schmidt ratlos zu sein. Zuvor hatten beide Parteien, die mehr voneinander trennt als nur eine meterhohe Hecke, all die Schlachten aufgezählt, die sie seit acht Jahren mit Gartenschläuchen, tragbaren Radios und knurrenden Hunden ausfechten. Es gibt Tage, da ist die Polizeistreife mehrfach zu Gast.

Dabei beteuern sowohl der Rentner als auch die Familie Weber (Name geändert), seit langer Zeit nicht mehr miteinander zu reden. Trotz dieses Schweigens kommt es immer wieder zu Beleidigungen und Bedrohungen vonseiten des Rentners. So hörte Frau Weber den Rentner aus seinem Dachfenster herüberrufen: "Du kleine Fotze, dich krieg ich noch". Außerdem drohte er, ihnen "bald den Garaus zu machen". Das Amtsgericht Haßfurt verurteilte ihn deswegen schon einmal wegen Beleidigung und Bedrohung. Nun in der Berufungsverhandlung wurde das Verfahren gegen eine Geldauflage von 1500 Euro eingestellt.

Seinen Anfang nahm das Drama, drei Jahre nachdem der Rentner nebenan eingezogen ist. Zuvor hatte man ein ganz normales Verhältnis zueinander, feierte gemeinsam Silvester und half sich gegenseitig. Der Bruch kam wohl, als sich der Rentner mehr und mehr als Besserwisser aufspielte, der den Webers sagte, was sie in Haus und Garten zu tun hätten. Wie Frau Weber erklärt, kenne er das wohl von der eigenen Ehefrau, die er immer wieder lautstark zurechtweise. "Da lebt er richtig auf."

Eine lange Liste

Damals wurden beide Autos der Webers zerkratzt. Unter den Reifen hatte man zudem speziell angeschliffene Schrauben ausgelegt. Einen Täter konnte die Polizei nicht ermitteln. Für die Webers steht aber fest, dass es der Rentner nebenan gewesen ist. Man suchte Hilfe bei der Polizei und strengte ein Gewaltschutzverfahren an. Das kam beim Oberlandesgericht Bamberg zu dem Ergebnis, dass der Rentner die Webers weder anrufen, noch ansprechen, noch sonstwie Kontakt mit ihnen aufnehmen darf. Dennoch beleidigte er Frau Weber im Oktober 2018 des Abends auf dem Gehweg vor ihrem Grundstück mit den Worten "Du bist so blöd". Zwei Monate später drohte er ihr in aller Herrgottsfrühe aus dem Dachfenster an: "Dir drehe ich den Kragen noch um."

Inzwischen hat Frau Weber aufgrund der ständigen Belästigungen ernsthafte gesundheitliche Probleme. Was Jürgen Borowka aus Haßfurt, den Rechtsanwalt des Rentners, vermuten ließ, diese Erkrankungen seien nicht das Ergebnis des jahrelangen Kleinkriegs, sondern die Ursache dafür, dass Frau Weber sich all die Nachstellungen nur einbilde. Er forderte Freispruch.

Der Rentner stritt alle Vorwürfe ab und sieht sich selbst als Opfer. "Sie versucht alles mögliche, um mich zu provozieren." Als Beispiele nannte er Spritzattacken mit dem Gartenschlauch. Außerdem rufe Frau Weber immer, wenn sie mit ihrem Hund vorbeispaziere, laut: "Such das Schwein!" Herr Weber habe ihn einmal "Spanner" genannt.

"Alle Beteiligten sind gestraft genug, auch ohne ein Urteil des Gerichts", stellte Richterin Marion Schmidt fest. Und doch dürfe der Rechtsstaat das Fehlverhalten des Rentners nicht tatenlos hinnehmen. Seine Berufung wurde verworfen. Es bleibt bei den 3600 Euro Geldstrafe.