petra malbrich In letzter Zeit spielt Karl Barth immer am Klavier. Nicht nur, wenn Kerstin kommt. Kerstin Jaunich ist Musikgeragogin, eine Musikpädagogin, die sich auf die Arbeit mit Senioren spezialisiert hat.

"Das Leben, die Biografie, die Erfahrungen stehen im Mittelpunkt", sagt Jaunich, während Karl Barth seine Finger aneinander reibt und beginnt, die Tonleiter und Akkorde zu spielen. Kurz darauf gleiten seine Finger über die Tasten und entlocken dem Klavier das Lied "Muss I denn zum Städele hinaus." Er spielt ohne Noten. "Das Notenlesen wird im Alter schwierig", meint Barth. So spielt er Lieder, die ihm einfallen und gefallen. Mit jedem Lied verbindet er eine Erinnerung. Wie bei der deutschen Version von "Oh, Susanna", das Jaunich und Barth dann spielen und dazu singen. "Das Lied kenne ich von den Amis", erzählt der 84-Jährige. Damals, nach dem zweiten Weltkrieg, war er noch ein Kind, als 17 amerikanische Soldaten in ihrem Haus lebten. Er und seine Familie mussten das Haus den Besatzern überlassen und lebten in dieser Zeit in einer Hütte. "Mit Musik kann man Erinnerungen stärken. Das bin ich, das ist mein Leben", zeigt Jaunich einen der vielen Vorteile des Musizierens im Alter auf. Auch wenn Vieles vergessen wird, an Lieder erinnert man sich und damit verbunden an Lebensmomente.

2015 konnte das Max-Planck-Institut für Neuro- und Kognitionsforschung sogar wissenschaftlich nachweisen, dass das Langzeitgedächtnis für Musik erhalten bleibt, auch wenn das Gehirn ansonsten weitgehend degeneriert ist. Gemeinsames Musizieren wird deshalb inzwischen auch in Senioren- und Pflegeheimen angeboten.

Projekt wird von der EU gefördert

Erstmals hat ebenfalls die Jugend- und Trachtenkapelle Neunkirchen am Brand den Instrumentalunterricht für Senioren in ihr Unterrichtsangebot aufgenommen. Auch die Musikwissenschaftlerin Kerstin Jaunich bietet ihren Musikunterricht in den Seniorenheimen oder in Privathaushalten speziell für Senioren und für an Demenz erkrankte Menschen an. Nun zeigt ein EU-gefördertes Projekt, welche Chancen auch der Einzelunterricht am Instrument für demenziell veränderte Menschen bedeuten kann. Dement ist Karl Barth nicht, und er nimmt auch nicht an dem EU-Projekt teil. Er leistet sich den Einzelunterricht bei der Musikgeragogin aus eigener Tasche. "Musik war immer mein Hobby", erzählt Barth. Klavier und Geige spielt er, manchmal auch ein bisschen Gitarre. Sieben Jahre lang wurde er als Kind von einer Klavierlehrerin unterrichtet.

Nun fördert ihn Kerstin Jaunich und ersetzt beim Spielen Karls Bruder. "Ich habe immer vierhändig gespielt, mit meinem Bruder", erzählt Barth und fügt den üblichen Noten eigene Improvisationen hinzu. Seine Füße wippen im Takt der Musik. Damit er immer spielen kann, ohne die Nachbarn zu stören, ließ er eine Vorrichtung am Klavier anbringen. Er bewegt den Schalter des Gerätes, das unter der Tastatur angebracht ist. Klänge sind nicht mehr zu hören, nur über den Kopfhörer, den Karl Barth aufsetzt und munter weiter auf die Tasten schlägt. "Ich habe das Klavier umbauen lassen, damit ich immer am Ball bleibe. Mir hat die Musik viel im Leben gebracht", beteuert Barth. Nicht nur das Instrumentalspiel. "Im Freundeskreis haben wir immer gesungen", erzählt Barth.

Wie auf der Reise nach Italien, an das ihn das Lied "Marina, Marina" erinnert. Bei dem Lied hat er seine Frau kennengelernt. Doris hieß sie, und Karl und Kerstin versuchen, eine Strophe mit Doris Namen in das Lied einzubauen. "Mit dem Singen kann man besser sprechen üben", erklärt die Musikwissenschaftlerin einen weiteren Vorteil des Musizierens im Alter. "Man kann die körperlichen Veränderungen nicht aufhalten, aber verlangsamen", erklärt Jaunich. Und damit auch Stimmungen ausdrücken, wie Karl Barth bei seiner Musikauswahl.

Fahrradmechaniker und Bautechniker

Als Wiedereinstieg betrachtet er seinen Einzelunterricht mit Kerstin Jaunich. Denn gelernt hat der aus Neunkirchen in Bad Mergentheim stammende Senior den Beruf des Fahrradmechanikers und bildete sich zum Bautechniker weiter. Die Musik war für ihn immer der Gegensatz, der entspannende Part zum technischen Berufsleben. Der Nähe der Kinder wegen ist er nach Neunkirchen am Brand gezogen und hat sich gut eingelebt. Musik verbindet eben auch, und so nimmt Karl Barth mit Freude auch am Seniorenmusizieren im Seniorenheim St. Elisabeth in Neunkirchen am Brand teil. "Musik macht vor allem Spaß und Freude. Da versteht man sich sofort", erzählt Barth. Kerstin Jaunich nickt lächelnd. "Wir haben eine Wellenlänge" bestätigt sie und lobt den Senior für sein Klavierspiel. "Was kann schöner sein" spielt Karl Barth an, vierhändig mit Kerstin Jaunich wie zu früheren Zeiten, in den jungen Jahren der Barth-Brüder.