von unserem Mitarbeiter Manfred Franze

Kreis Forchheim — Quasi in Echtzeit erfährt heute die Öffentlichkeit über das Internet, was in sämtlichen Teilen der Welt gerade vor sich geht. Vor 100 Jahren war das noch anders. Da gab es neben der Zeitungspresse nur noch für einige wenige Privilegierte Telefon oder Telegrafie.
Die Meldung von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gemahlin Sophie in Sarajevo ging trotzdem noch am selben Tag, am Sonntag, 28. Juni 1914, gegen 18 Uhr per Telegramm beim Forchheimer Tagblatt ein. Wenig später wurde die Nachricht durch ein "Extrablatt" verbreitet. "Die Tat selbst", so die Zeitung zwei Tage später in einem ausführlichen Bericht, "rief auch unter der hiesigen Bevölkerung große Entrüstung gegen die Täter und tiefstes Mitleid für den greisen Kaiser Franz-Josef von Oesterreich hervor." Der Wiesent-Bote in Ebermannstadt brachte die Attentats-Meldung allerdings erst drei Tage später am 1. Juli.
Größere Aufregung verursachte die Nachricht zunächst gleichwohl nicht. Über die politische Entwicklung berichteten die beiden Zeitungen zwar ausführlich, aber ohne die Befürchtung, dass sich die Krise ausweiten und ein bedrohlicher Konflikt entstehen könnte.

Vorfreude auf den König

In Forchheim und seinem Umland nahm alles seinen gewohnten Lauf. Die Vereine hielten ihre üblichen Versammlungen ab, planten Familienausflüge oder kündigten ihre traditionellen Feste und Kirchweihen an.
Zudem stand ab 10. Juli der "Saison-Ausverkauf" an, für den die Forchheimer Geschäftswelt mit "außergewöhnlich billiger Einkaufs-Gelegenheit" ganzseitig Werbung machte. Auf dem Plan stand vor allem aber der Besuch König Ludwigs III. mit Gemahlin und fünf königlichen Prinzessinnen im Rahmen seiner Landesreise nach Franken. "Für die Stadt Forchheim ist der Besuch Ihrer K. (= königlichen] Majestäten und der K. Prinzessinnen eine besondere Auszeichnung und von der größten Bedeutung", hieß es in der Bekanntmachung von Bürgermeister Dr. Strecker auf der Titelseite des Forchheimer Tagblatts noch am 21. Juli 1914.
Das war dienstags. Zwei Tage später forderte Österreich von Serbien, das für das Attentat verantwortlich gemacht wurde, österreichische Ermittler in Serbien tätig werden zu lassen, um die Hintermänner des Anschlags zu fassen.
Serbien lehnte das ab, versicherte sich aber vorher der Unterstützung Russlands. Als dann am Abend des 25. Juli in Forchheim auf den Kellern das Annafest mit der Bierprobe eröffnet wurde, hatten Serbien, Österreich und Russland bereits ihre Soldaten einberufen und mobil gemacht.
Nach diesem Wochenende zeichnete sich die Verschärfung der Krise auch in Forchheim ab. Bürgermeister Strecker gab am Montag im Forchheimer Tagblatt bekannt, dass das bayerische Innenministerium telegrafisch "auf einstimmigen Vorschlag des Ministerrats mit Rücksicht auf die gegenwärtig ungeklärte politische Lage die Reise nach Franken und sonach auch nach Forchheim" abgesagt habe. Unter der offiziellen Bekanntmachung erfuhr der Leser am 27. Juli unter der Überschrift "Zum österreichisch-serbischen Konflikt" von den Mobilmachungen. Dort stand aber auch, dass man in Berlin von "amtlicher Stelle ... noch nicht" daran glaube, "daß es zwischen Oesterreich und Serbien zu einer Kriegserklärung kommen werde. Auch die deutsche Regierung hat natürlich den dringenden Wunsch, den Ausbruch eines Krieges zu verhindern."

Ernste Gespräche

Der Reichskanzler von Bethmann-Hollweg sei zwar "im Hinblick auf die politische Lage nach Berlin" zurückgekehrt. Der Kaiser aber werde seine Nordlandreise nicht vorzeitig abbrechen.
Tatsächlich aber hatte Kaiser Wilhelm II. eben das schon längst getan. Er führte noch am selben Tag im engsten Kreis intensive Gespräche. Zur Überraschung aller erklärte er dabei, dass nach der Antwort Serbiens auf das österreichische Ultimatum "jeder Kriegsgrund" entfalle und Österreich entsprechend zu informieren sei. Reichskanzler und Auswärtiges Amt aber folgten dieser Anweisung nicht, sondern versicherten Österreich, das am 28. Juli den Krieg gegen Serbien erklärte, ihre Bündnistreue.

Vergeblicher Versuch

Am Mittwoch, 29. Juli 1914, erfuhren die Forchheimer dann aus ihrem Tagblatt vom Beginn des "österreichisch-serbischen Kriegs".
Weil Serbien "nicht in befriedigender Weise" das Ultimatum beantwortet habe, zitierte die Zeitung aus der Kriegserklärung, sehe sich die österreichische Regierung "in die Notwendigkeit versetzt, selbst für die Wahrung ihrer Rechte und Interessen Sorge zu tragen und zu diesem Ende an die Gewalt der Waffen zu appellieren." Vergeblich versuchte Deutschland, den Krieg lokal einzuhegen. Die Bündnisverpflichtungen führten am Ende aber dazu, dass sich innerhalb weniger Tage die europäischen Großmächte den Krieg erklärten.
In Bayern verhängte zwei Tage später König Ludwig III. am 31. Juli den "Kriegszustand". Damit ging gleichzeitig "die vollziehende Gewalt" von der Zivilverwaltung auf die "Militärbefehlshaber" über. Für Forchheim und sein Umland gab der zuständige "Kommandierende General" des III. Bayerischen Armeekorps in Nürnberg, Ludwig Hermann Freiherr von Gebsattel (1857-1930), bekannt, dass nun das Militär "die Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit" übernehme.
Lenkluftschiffe und Flugzeuge, so die Verordnung, "sind als spionageverdächtig zu behandeln, bis das Gegenteil bewiesen ist." Und weiter: "Allen Privatpersonen ist die Verwendung von Brieftauben, die Benützung von Luftfahrzeugen und die Verständigung durch Signale verboten."
Drei Tage zuvor waren laut Wiesent-Bote die auf Ernte-Urlaub in Bayern befindlichen Unteroffiziere und Mannschaften zurück in ihre Standquartiere einberufen worden: "Man braucht aber deshalb durchaus nicht ängstlich zu sein. Es ist dies eine selbstverständliche Maßregel der Heeresverwaltung angesichts der ernsten Lage", schrieb die Zeitung. Die Bemühungen des Wiesent-Boten, für Ruhe zu sorgen, waren allerdings vergeblich: Am 31. Juli reisten die Kurgäste mit den ersten Zügen scharenweise aus der Fränkischen Schweiz ab. Und schnell sprach sich herum, dass einzelne Geschäftsleute angesichts der Krise sich weigerten, "Banknoten und Reichskassenscheine in Zahlung zu nehmen.

Tod aus Kriegsangst

Gerüchte, dass bereits Regimenter an die Grenze abmarschiert seien, bezeichnete der Wiesent-Bote als "gewissenlos": Im hohen Ton schreibt die Zeitung: "Gewiß, die Lage ist ernst, doch braucht man trotz aller bedrohlichen Anzeichen noch nicht daran zu zweifeln, daß es noch gelingen kann, den europäischen Frieden zu erhalten."
Diese Hoffnung teilten bei Weitem nicht alle im Landkreis Forchheim. "Aus Verzweiflung darüber, daß ihr Sohn in den Krieg müsse, sprang heute die Oekonomenehefrau Fick in die Regnitz und ertrank", meldete das Forchheimer Tagblatt aus Wellerstadt-Baiersdorf am 28. Juli.
Das war drei Tage nach der Kriegserklärung Deutschlands an Russland. Die Meldung hatte am Samstagabend das Forchheimer Tagblatt durch ein "Extrablatt" bekannt gemacht. Sie wurde in der Stadt "mit großer Ruhe und Ernst entgegengenommen." Allerdings bereiteten dann "gegen ½ 11 Uhr die hiesigen Studenten Herrn Hofrat Strecker eine erhebende Ovation. Ein Redner brachte auf Kaiser und König ein begeistertes Hoch aus, worauf Herr Hofrat Strecker in längerer Ansprache unsere deutsche und österreichische Armee feierte." Noch ahnte niemand, was für eine Katastrophe bevorstand.